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SWR2 Wort zum Tag

24AUG2020
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Gartenarbeit mag ich nicht. Kostbare Stunden meines Kinderlebens habe ich riesigen Johannesbeersträuchern opfern müssen. Und tagelang musste ich zur Strafe für irgendetwas Bohnen pflücken - und ich hätte doch viel lieber gelesen. Bücher ja, Garten nein danke!

Ganz anders meine Freundin. Für sie ist ihr Garten reines Glück. Ihr Garten ist ein kleines, zugegeben etwas verwildertes Paradies mitten in der Stadt. Flieder, Rosen, Lavendel, Gladiolen, dazu Pfefferminz, Salbei und große Büsche Rosmarin. Ein einziger Pflaumenbaum sorgt jedes Jahr für eine wahre Pflaumenschwemme. Ein großer Feigenbaum steht direkt vor dem Wohnzimmerfenster. Selbst an der Mülltonne halten sich hartnäckig und unaufgefordert ein paar Löwenmäulchen. Alles extrem insektenfreundlich. Hinter dem Haus eine Wiese, im Schatten der Bäume eine Hängematte. Da kann man dann auch lesen!

Ich denke, dass Gott diesen Garten – wie alle anderen auch - mit dem Wohlgefallen eines Kenners betrachtet. Denn so fing ja alles an. „Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzt den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ (1. Mose 2,8)

Das Paradies war ein Garten. Jeder Garten ist ein Stück Paradies, mit dem einen Unterschied: Kein irdischer Garten ohne schweißtreibende Gartenarbeit. Kein Garten ohne Bücken und Scharren, Läuse und Schnecken, Pflücken und Unkrautjäten.

Die Hängematte allerdings lädt dazu ein, eine Weile nichts zu tun. Abgeschirmt von allen anderen zu beobachten und nachzudenken. Wie jedes Frühjahr alles grün wird und wächst und jeden Herbst die Blätter fallen und vermodern. Wie aus winzigen, unscheinbaren Pflaumenkernen ein ganzer Baum entstehen kann. Wie die Natur sich so einen Garten zurückholt, wenn man ihn nicht ununterbrochen pflegt. Früher waren Gärten einmal ein Triumph der Ordnung gegen den Wildwuchs der Natur. Heute sind Gärten in der Stadt ein Triumph der Natur gegen Beton und Asphalt.

Ich selber steh immer noch nicht auf Gartenarbeit. Aber seit einer Woche gieße ich den Garten meiner Freundin, weil sie im Urlaub ist. Immerhin verstehe ich seitdem das Lob der Gartenarbeit am Ende von Voltaires Roman Candide sehr viel besser. Darin heißt es: „Wir müssen unseren Garten bestellen. Arbeiten wir also ohne viel zu grübeln. Das ist das einzige Mittel, um das Leben erträglich zu machen.“ Vielleicht der erste Schritt auf dem Weg zur Rückkehr ins Paradies.

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