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SWR4 Sonntagsgedanken

23AUG2020
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Ein regelrechter Glaubenskrieg ist ausgebrochen. Es geht dabei nicht um Gott oder die Kirche, sondern um die Frage, ob Impfen uns rettet vor dem Corona-Virus oder ob eine Impfung solch schädliche Nebenwirkungen haben wird, dass es besser ist, sich dann nicht impfen zu lassen. Ich höre die Einen und die Andern. Sorge habe ich, wenn Impfen zwangsverordnet würde. Mir persönlich ist die Freiheit der eigenen Entscheidung  wichtig – auch deshalb, weil ich einer Generation angehöre, die in Zwängen aufgewachsen ist. Als 68er ist mir die Freiheit wichtig geworden – eine Freiheit, die auch unsere heutigen politischen Entscheidungen prägen sollte.

Ich möchte darum in der Streitfrage „Impfen – ja oder nein“ einen Hintergrund beleuchten, der mir wichtig scheint. Nämlich, was uns helfen kann, die eigenen Abwehrkräfte in uns zu stärken. Dann mag jeder in der Streitfrage „Impfen“ so entscheiden, wie es seinem Gewissen entspricht.

Leib und Seele bilden eine Einheit. Wenn etwas mit meiner Seele nicht stimmt, kann als Folge ein körperlicher Schmerz auftauchen. Ich hab mal einen nachdenklichen Spruch gehört: „Sagt die Schwester Seele zum Bruder Leib: Sag du's ihm, auf mich hört er nicht.“ Wenn ich auf eine seelische Verstimmung nicht höre, kann es sein, dass sie sich in einem körperlichen Schmerz ausdrückt. Dann schlägt mir was auf den Magen oder die Galle läuft über oder der Kopf brummt. Ich kann dann ein Schmerzmittel nehmen und den Schmerz betäuben. So zerstöre ich aber die Botschaft, die der Schmerz für mich hat. Er möchte ja, dass ich die Ursache dieses Schmerzes erkenne und etwas ändere in meinem Verhalten. 

Die Römer hatten das geflügelte Wort: mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Wie kann ich gesund leben? Nicht dadurch, dass ich ängstlich an dieser oder jener Methode klebe. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Für mich ist fundamental das Vertrauen in die selbstheilende Kraft von Bruder Leib. Außerdem: Hat ein Mensch Gottvertrauen, hilft das sicher. Wenn er nicht einem christlichen Ratschlag folgen will, kann er ja auf den Dalai Lama hören, der mal gesagt hat: „Es ist nicht von Bedeutung, ob wir gläubig sind. Wichtig ist nur, dass wir ein gutes Herz haben.“ 

Teil 2 

In den Sonntagsgedanken spreche ich heute über das, was unser Immunsystem stärkt. Ich habe gerade ein Buch gelesen über Heilungswege, zu denen die mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen rät: Der Hildegard Code, heißt das Buch. Neun heilsame Wege werden da aufgezeigt.

Hildegard besaß eine umfangreiche Kenntnis der Natur und ihrer Heilmittel. Das hat sich bei ihr auch aufs Essen ausgewirkt. Lebensmittel waren für sie nicht bloß nötige Dinge zum Leben, sondern wirklich Mittel zum Leben. Lebensmittel tragen Lebendigkeit in sich, wenn sie natürlich angebaut und zubereitet sind. Eine Fülle von Ideen hat da Hildegard. Aber ich spüre bei allen Ratschlägen eine große Freiheit; die vermisse ich bei denen, die so furchtbar genau wissen, wie alles geht und was überhaupt nicht geht.

Ich halte mich da lieber an den gesunden Menschenverstand und an einen Rat des Apostels Paulus: „Prüfet alles, das Gute behaltet!“

Das gilt auch für eine gesunde Ernährung. „Mäden agan“, raten die Griechen: „Nichts zu viel, alles mit Maß!“ Es ist nicht von der Hand zu weisen, was Römer und Griechen uns empfehlen. Genauso wenig, was Hildegard von Bingen entdeckt hat. Manche tun ja ihre Zeit gern ab mit dem Schlagwort: Finsteres Mittelalter! Für mich war das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Diktaturen  viel schlimmer als das gesamte Mittelalter. 

Einen Rat Hildegards möchte ich zum Schluss erwähnen: sie empfiehlt, Wunden in Perlen zu verwandeln. Was heißt das? Wunden schmerzen. Ich kann mich dann gegen sie sträuben und darüber jammern, dass es mir so schlecht geht. Ich kann aber auch versuchen, die Botschaft dieser Wunden für mein Leben zu entdecken. Vielleicht hab ich allen Ärger, der mich grad schlaucht, immer verschluckt statt ihn zu klären. Prompt rebelliert mein Magen. Oder ich wollte mit dem Kopf durch die Wand statt mich auf einen Weg mit andern Menschen zu begeben. Prompt habe ich Kopfweh oder Migräne.

Da möchte mir die Muschel etwas sagen: Wenn sie den eingedrungenen Parasiten annimmt, kann daraus eine kostbare Perle werden. Wenn ich einen Schmerz liebevoll anschaue, werde ich seine Botschaft entdecken, mich ändern und so Heilung erfahren.

Ich möchte Schmerzen damit nicht verharmlosen. Manche Schmerzen können tief sitzen. Unsere Medizin kann mit ihrer Schmerztherapie helfen. Aber auch wir selbst können viel zur Linderung beitragen, wenn wir Hildegards Rat befolgen: Wunden in Perlen verwandeln. Das geht nicht ruckzuck. Die Perle braucht ihre Zeit, bis sie sich aus dem Parasiten herausbildet. So kann es ein langer Weg sein, bis ich mich nicht mehr gegen den Schmerz sträube, sondern ihn annehme und verwandle.  Aber es ist ein hoffnungsvoller Weg, und Hildegard lädt uns ein.

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