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SWR4 Abendgedanken

25MAI2020
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Ich stehe in der Schlange an der Post. Vor mir sind noch sechs andere Leute. Es geht langsam voran. Daran habe ich mich inzwischen gewöhnt und bin kaum noch ungeduldig. Es gefällt mir sogar. Weil es zeigt: Es muss nicht immer alles schnell gehen. Von der Seite nähert sich ein älterer Herr mit Rollator. Ihm fällt es sichtlich schwer, aufrecht zu bleiben und voran zu kommen, so schlecht ist er auf den Beinen. Offensichtlich will er auch in die Post. Ich versuche die Leute vor mir zu überzeugen, dass wir ihn doch vorlassen können. Es regt sich kein Widerspruch, ein junger Mann bietet dem älteren sogar Hilfe beim Gehen an. Aber: Der lehnt ab. Er habe Zeit genug. Was mich beeindruckt, aber auch ein wenig beunruhigt, weil er schon sehr wackelig ist. Ich bin froh, als er an der Tür zum Geschäft ankommt und sich festhalten kann.

Warum fällt es dem Mann so schwer, sich helfen zu lassen? Das ist eine Frage, die ich mir auch früher schon gestellt habe. Wenn ich jemandem meinen Platz im Bus anbiete. Oder wenn ich für einen etwas auf einem Amt erledigen will, weil ich sowieso dorthin muss oder mehr Übung habe in solchen Dingen. Es muss einen Grund geben, warum Menschen nicht gern Hilfe von anderen annehmen. Keiner will schwach sein. Klar. Ich finde es richtig, solange wie möglich, selbständig zu bleiben, auch im Alter. Aber wenn es doch ganz offensichtlich fast nicht mehr geht, zumindest nur mit großer Anstrengung und unter Gefahren? Ich bin mir im Klaren darüber, dass das meine Sicht der Dinge ist. Ich spreche aus der Warte des Stärkeren. Ich kann; der andere soll geschehen lassen. Trotzdem erstaunt es mich immer wieder, wie schwer das offenbar fällt. Es ist unter uns nicht üblich, eine Schwäche zu zeigen. Es gehört sich nicht, anderen zur Last zu fallen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: In der Öffentlichkeit, vor anderen ist man stark. Wenn möglich, bleibt man keinem etwas schuldig.

Ich bin davon ganz bestimmt nicht frei. Aber ich merke auch, wie unmenschlich das ist. Ich kann nicht immer stark sein. Ich mache Fehler und werde schuldig. Ich nehme mehr als ich geben kann. So ist das manchmal und dann ist es auch wieder umgekehrt. Beides gehört zum Leben. Beides ist normal.

Ich nehme mir immer wieder fest vor: Ich lasse mir helfen. Wenn ich noch älter werde. Wenn ein Jüngerer mir Unterstützung anbietet. Ich nehme mir vor, gut aufzupassen, wenn ich mich wegen einer Schwäche schäme und mir dann zu sagen: Ja, das ist normal. Das ist jetzt so. Früher warst Du der Stärkere, jetzt ist es umgekehrt. Und wenn all diese menschliche Klugheit nichts nützt, dann erinnere ich mich daran, dass ich an einen Gott glaube, der sich nicht am Starken orientiert, sondern am Schwachen.

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