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SWR4 Abendgedanken

„Mein Glaube hat mir in allem Halt gegeben“, sagt die Mutter, deren Tochter vor 10 Jahren bei einem Amoklauf in einer Schule in Winnenden ums Leben gekommen war. Von ihrem Schicksal habe ich gelesen. Ihre Tochter Nina, eine angehende Lehrerin, war 24 Jahre alt als ein 17-Jähriger sie erschossen hat.  

Zuerst habe sie nur Entsetzen und eine unglaubliche Wut auf diesen Menschen gefühlt, berichtet die Mutter. Als sie dann versuchte, den 17-Jährigen zu verstehen, habe sie andere Gefühle entwickelt. „Der Täter wurde ein eigentlich bedauernswerter Junge, keineswegs der große Rächer, der er selbst gerne sein wollte", erzählt die 60-Jährige und fügt hinzu: „Ich entschuldige damit den Täter nicht. Seine Tat und die Schuld bleiben." Aber heute könne sie sagen, dass sie vieles verstehe. „Man nennt das Verzeihen“, sagt sie und ergänzt: „Dass ich das konnte, war nicht meine Absicht, es war nicht mein Können…es war eher Gnade."

Ich finde, das sind erstaunliche Worte. Normalerweise denkt man doch: „Einem Mörder kann man niemals verzeihen! Schon gar nicht dem Mörder des eigenen Kindes.“ So haben auch viele der Eltern gedacht, deren Kinder damals ums Leben gekommen sind. Ich kann ihre Wut und den Hass auf den Täter verstehen. Und den Wunsch nach Rache.

Dass die Mutter von Nina dem Täter verzeihen kann, ist ein Wunder, finde ich. „Gnade“ nennt das die Frau. Gnade klingt nach christlichem Glauben. „Ja,“ erzählt die Mutter, „ich hatte in meiner Trauer nie eine Phase, in der ich an Gott gezweifelt hätte. Ich habe nie die Schuld bei ihm gesucht und gefragt: Warum konntest du das zulassen?“

Am Ende habe ihr Gott die Kraft zum Verzeihen geschenkt, sagt die Frau und ist dafür dankbar. Ich denke mir: So kann sie vielleicht auch eher Ruhe finden. Wer nicht verzeihen kann und immer mit Hass an das denkt, was geschehen ist – der kann ja keine Ruhe finden. Der Hass lässt einen nicht los.

„Du, Gott, gibst meiner Seele große Kraft“, betet einer in den Psalmen der Bibel, der Schlimmes erlebt hat und Gott für seine Hilfe dankt.

Um diese Kraft kann man Gott bitten. Auch wenn’s ums Verzeihen geht. Vielleicht mit den Worten: „Herr, gib mir die Kraft in jedem Menschen dein Kind zu sehen.“

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