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SWR2 Wort zum Tag

Wenn Petrus und Jakobus, zwei von den Jüngern Jesu, schon Smartphones gehabt hätten: diesen Anblick hätten sie festgehalten. Sie sahen, was niemand zuvor und danach gesehen hat. Jesu „Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider strahlten weiß wie ein Licht“, heißt es in der Bibel. Das war so beeindruckend, dass Petrus diesen Moment, dieses umwerfende Bild, unbedingt festhalten wollte. Er will da gar nicht mehr weg. „Lass uns hierbleiben“, schlägt er vor, „und eine Hütte bauen.“ Überirdisch das Ganze! Endlich ein Beweis dafür, dass Jesus mehr ist als ein normaler Mensch. Dieses Bild fixieren – und zwar für immer und als Beweis.

Aber tatsächlich ging es ja so weiter: Das wunderbare Licht über Jesus verlischt und es wird düster in ihm und um ihn. Das Angesicht Jesu wird bespuckt und geschlagen. Petrus will nichts mehr mit ihm zu tun haben und verleugnet ihn, als es brenzlig wird. Kein Wort mehr von: Lass uns auf immer zusammenbleiben. Aus der Traum. Und vergessen das überirdisch schöne Bild von damals. 

"Ob sich nicht das Gefallen an der Bilderwelt aus einem düsteren Trotz gegen das Wissen nährt?“ überlegt der Philosoph Walter Benjamin. Ein Trotz gegen das Wissen, dass das Bild noch eine Kehrseite hat: die Wirklichkeit. Die schönen Bilder, die uns umgeben, wollen ja, dass man ihnen glaubt: Bilder von heilen Familien, von idyllischem Landleben, von Frieden stiftenden Religionen. Sie sind wohl Bilder einer Wirklichkeit, wenn auch nicht der ganzen.  Doch an diese Bilder glaubt der Träumer. Was danach kommt und was dahinter steht –„das alles muss er vergessen, um den Bildern sich zu überlassen. An ihnen hat er Ruhe und Ewigkeit“, schreibt Walter Benjamin.

Petrus und Jakobus sehen Jesus so, wie sie ihn geglaubt haben: als Gottes Sohn, als Entrückten, als einen, der mit Mose und Elia auf einer Stufe steht. Am Ende, als sie wie aus einem Traum erwachen, erinnert Jesus sie an das, was sie so gerne vergessen möchten: dass er, Jesus, sterben muss und dass zum Menschsein beides gehört:  Das Wissen um die harte Wirklichkeit – und der Trotz dagegen, der die schönen, wahren Bilder für immer festhalten möchte. Wenn schon nicht mit dem Smartphone, dann wenigstens mit Worten.

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