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SWR2 Wort zum Tag

Freude: Das war das Hauptthema unserer Religionslehrerin. Eine, wie uns damals schien, ältere Dame von sicherlich 40 Jahren. Immer wieder erklärte sie uns: das Evangelium ist eine Freudenbotschaft, Freude ist ein Gottesgeschenk.

Allerdings sprach sie das Wort Freude aus, als wenn es mit oi geschrieben würde. „Siehe, ich verkündige euch große Froide!“ Und diese Froide hörte sich in unseren jugendlichen Ohren einfach nur verstaubt und komisch an. Wir machten uns als 15jährige Schülerinnen darüber lustig: „Na, hast du in den Ferien auch viel Froide gehabt?“ Mit dieser Froide unserer Religionslehrerin verbanden wir nur das Gegenteil dessen, was uns Spaß machte: bis in die Nacht aufbleiben, die letzte Schulstunde schwänzen, hinter dem Rücken der Eltern sich in den Teilen der Großstadt herumtreiben, die sie uns ausdrücklich verboten hatten, und bei Sonnenuntergang auf den Dächern der Parkhäuser Bier trinken. Wenn ich mich heute, ein halbes Jahrhundert später, mit meiner Freundin an diese Zeit erinnere, dann machen wir das immer noch mit großem Vergnügen. Wir hatten eine wunderbare Jugend und viel Spaß.

Spaß: in der Bibel kommt das Wort kein einziges Mal vor. Allerdings hatte König Salomon, von dem die Bibel berichtet, mit seinen 700 Frauen - außer einigem Ärger - doch wohl auch Spaß. Vermutlich wird Noah, als er nach der Sintflut endlich wieder an Land gehen konnte, den Wein nicht ohne jeden Spaß in sich hineingekippt haben. Auch der legendäre Tanz um das Goldene Kalb war ein großer Spaß für alle, die mitmachten. Ich bin überzeugt davon: die Bibel erwähnt den Spaß nicht, weil er so natürlich ist, so zum Menschsein gehört, so mit der Neigung verbunden ist, zu tun, was verboten und gefährlich ist, über die Stränge zu schlagen, sich zu betäuben.

Von Freude ist in der Bibel dagegen sehr oft die Rede: von Gottes Reich, in dem es neben Gerechtigkeit und Frieden vor allem auch Freude gibt. Und vor allem: von der Traurigkeit, die Gott in Freude verwandelt. In Freude, nicht in Spaß. Wenn ich wirklich traurig bin, kann ich Spaß und Späße nur sehr bedingt ertragen; Freude aber durchaus,

Ja, es gibt in der Bibel die schöne Idee eines „Freudenöls“. Ich hätte gerne einen großen Kanister Freudenöl für die Traurigen, die ich kenne. Aufzutragen auf Leib und Seele, auf Wunden aller Art. Das genaue Rezept ist nicht überliefert, wahrscheinlich ein gutes Öl, duftende Gewürze – und ich vermute: in der Hauptsache wohl eine geheimnisvolle Zutat namens „Liebe“.

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