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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Als der alte Kutscher Salim erkannte, dass sein Ende nahe war, rief er einen jungen Freund. Vor ihm hat er ein Kästchen geöffnet, das die kleinen Schätze enthielt, die er in seinem Leben angesammelt hatte. Da war der Schlüssel zu seiner einstigen Kutsche zu finden, eine Murmel, die ihm als Kind einmal Glück gebracht hatte und ein Stück der Wurzel eines Baumes, der sich jedes Jahr erneuert.  Als letztes hat Salim eine Goldmünze aus dem Kästchen geholt und sagte zu seinem jungen Freund: Diese Goldmünze ist von einem Räuber, dem ich einmal das Leben gerettet habe. Er hat mir aufgetragen, sie dem zu geben, der keinen Ausweg mehr sieht. Ich habe erst spät die Weisheit dieses Räubers entdeckt. Denn immer, wenn ich die Münze jemandem geben wollte, haben wir einen Ausweg gesucht und ihn auch gefunden – ohne die Münze der Ausweglosigkeit zu gebrauchen.

Mein Freund, sagte er endlich, ich möchte, dass du die Murmel, den Schlüssel und die Wurzel zu mir ins Grab legst. Die Goldmünze aber übergebe ich dir. Und ich bitte Dich: Gib sie dem, der keinen Ausweg mehr sieht.
Der syrische Schriftsteller Rafik Schami hat diese Geschichte erzählt.

Ich verstehe sie so: Es gibt immer noch Hoffnung. Auch, wenn es auf den ersten Blick vielleicht anders aussieht. Hoffnung, sogar dann wenn unser Leben zu Ende geht. Das zu glauben ist nicht einfach. Alles, was mit dem Tod zu tun hat, wirkt doch so aussichtslos. So endgültig. Einen Ausweg – angesichts des Todes. So was kann es für unsere Vernunft kaum geben. Wieso hat Salim die Münze dann nicht behalten? Die ist doch für den, der keinen Ausweg mehr sieht. Doch der alte Salim nimmt die Münze nicht mit. Noch kurz vor seinem Tod sieht er seiner Zukunft fest ins Auge. Auch er wird die Münze der Ausweglosigkeit nicht verwenden, wie alle anderen vor ihm auch nicht. Das Versprechen steht im Raum. Die Christen wissen drum. Selbst der Tod ist nicht ausweglos. Der Tod wird seine Macht über unser Leben verlieren. Das ist das Versprechen seit Jesus von den Toten auferstanden ist. Gottes Liebe ist stark und niemand kann uns von ihr trennen. Auch der Tod nicht. So die trotzige Botschaft. Die Münze der Ausweglosigkeit. Salim kann sie getrost bei den Lebenden lassen. Dieses Vertrauen, das wünsche ich mir und Ihnen.

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