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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Apostel Paulus hat schon gewusst: Wertvolles versteckt sich manchmal und ist nicht gleich zu erkennen. „Ihr habt den Schatz in einem ganz gewöhnlichen Gefäß“ hat er gesagt. Dass so ein Gefäß auch ein Mülleimer sein kann, das hat der Bibelforscher Konstantin Tischendorf im 19. Jahrhundert erlebt.

Er hat nicht schlecht gestaunt, als er in den Papierkorb schaute. Geheimnisvolle, vermutlich uralte Schriften haben dort drin gelegen. Gelbliche brüchige Pergamentblätter. Die sollten in Kürze verbrannt werden, hat ein Mönch beiläufig gemeint. Einige seien sogar schon im Ofen. Und diese hier auch bald. Es sei denn, er, Tischendorf, wolle noch etwas damit anfangen. Die Mönche im Katharinenkloster am Berg Sinai, bei denen Tischendorf zu Gast war, haben nicht geahnt, welchen Schatz sie da verbrennen wollten. Tischendorf hat sie gerade noch bremsen können. Er hat seinen Fund genauer unter die Lupe genommen. Uralte Bibelhandschriften des Neuen Testaments sind es gewesen. Entstanden in der Mitte des vierten Jahrhunderts. Und hier ein fast vollständig erhaltenes Neues Testament dazu noch in einer der frühesten Fassungen.

43 der geretteten Blätter durfte Tischendorf mit nach Deutschland nehmen, die restlichen 86 sind  im Kloster geblieben. Dort sind sie erst einmal hinter den dicken Mauern verschwunden. Und zwar in der Bibel des Klosterverwalters, der, ohne ihre Bedeutung zu kennen, sie in seiner persönlichen Bibel zwischen den Seiten sicher aufbewahrt hat. Und noch eine Überraschung: Alles in allem sind waren es weitaus mehr als 86 Blätter gewesen, die der Verwalter in der Zwischenzeit gefunden und zu den anderen der alten Handschrift gelegt hatte. So kam es, dass Tischendorf zum Schluss fast die komplette Bibel mit Altem und Neuem Testament vor sich hatte, ein atemberaubender Fund, ein Meilenstein in der Geschichte der Bibelwissenschaft, eben noch aus dem Mülleimer gerettet.

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