Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Ich mag keinen Streit. Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, denen es schwer fällt, einen Konflikt auszuhalten. Laute Worte sind mir ein Graus. Mit der Faust mal auf den Tisch hauen, erschreckt mich. Darum versuche ich immer, eine Lösung zu finden oder wenigstens einen Kompromiss– damit möglichst schnell wieder Friede herrscht.

Mittlerweile habe ich aber mühsam gelernt, dass Streiten gar nichts Schlechtes sein muss. Im Gegenteil: Ein Streit kann manchmal sogar gut sein. Zum einen, weil wir Streit gar nicht vermeiden können. Wo ich mit anderen Menschen zusammen lebe – in der Familie, im Beruf oder im Verein -  kommt es immer zu Konflikten. Wir Menschen sind einfach zu unterschiedlich. Wir haben verschiedene Bedürfnisse, verstehen uns oft nicht richtig, enttäuschen oder verletzten einander. Das können wir gar nicht verhindern. Und dann ist es gut, wenn so ein Konflikt geklärt wird. Manchmal braucht es dazu eben einen Streit. Ein gut geführter Streit, der den anderen nicht verletzt, hilft dazu, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen. Das habe ich erst lernen müssen.

Noch schwerer ist es mir gefallen zu verstehen, dass ich auch mit Gott streiten kann. Ja, das geht! Man kann auch mit Gott streiten. Denn mit Gott ist es ja wie mit einem anderen Menschen: Ich verstehe ihn oft nicht und ich fühle mich von ihm manchmal ungerecht behandelt.  Warum lässt Gott das Leid auf dieser Erde und in meinem Leben zu? Warum schweigt er so oft, wenn ich zu ihm bete und greift nicht ein? Mir ist dabei klar geworden: Wenn es so ist, dann muss ich vor Gott nicht still und demütig sein. Ich darf auch einen Zorn auf ihn haben und eine Wut - und ich darf mit ihm streiten. Gott hält das aus.

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen mit Gott streiten. Hiob, der alles verliert, Haus und Hof und seine Kinder, klagt Gott heftig an. Der Prophet Jeremia streitet mit Gott und fragt: Warum hast du überhaupt zugelassen, dass ich geboren wurde? Und Jesus schreit am Kreuz von Golgatha: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Streiten mit Gott gehört zum Glauben. Es ist ehrlich und menschlich. Es kann helfen, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen. Und meine Erfahrung ist: Es macht meinen Glaube stärker.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26755