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SWR2 Wort zum Tag

„Um den Glauben muss gebetet werden wie ums täglich Brot.“ (Elazar Benyoetz, geb. 1937 in Wien, lebt in Jerusalem). Dass Menschen auch im Elend nicht den Glauben an Gott und die Hoffnung auf das Gute verlieren, habe ich bei einer Reise durch Nordindien vor kurzem besonders wahrgenommen. Die extremen Gegensätze von Reich und Arm in diesem Land von „verstörender Buntheit“ (Salman Rushdie, SZ vom 1.3.18) haben mich sehr beschäftigt.

Besonders eindrücklich war das in Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges. Dort habe ich gesehen, wie der Glaube, dass ein gutes Leben für Alle möglich ist, sich im täglichen Brot zeigt.

Ein junger deutscher Bäcker aus Karlsruhe hat in einem der Armenviertel von Varanasi eine kleine private Schule gegründet. Ganz naiv und einfach überwältigt von dem, was er bei einer Indienreise vor 12 Jahren gesehen hat. Inzwischen finanziert sich die Schule durch eine Bäckerei und ein Gästehaus dort (Brown Bread Bakery Varanasi). Das Schulprojekt heißt: (Learn for Life – Another World is Possible) „Fürs Leben Lernen – eine andere Welt ist möglich“. Es gibt ein Helferteam um ihn herum, das aus christlichen oder humanitären Motiven engagiert mitarbeitet. Sein persönlicher Einsatz hat Kreise gezogen und andere mit hineingezogen.

Die Schule hat Platz für etwa 80 Kinder. Die würden sonst betteln gehen oder Billigramsch an Touristen verkaufen. Die Mädchen und Jungen bekommen zu essen, sie lernen schreiben und rechnen. Auch ihre weitere höhere Schulausbildung wird finanziert und begleitet. Aus den persönlichen Ersparnissen und der Initiative eines Einzelnen wurde mit den Jahren ein beeindruckend stabiles und ausstrahlungskräftiges Hilfsprojekt, das vielen Kindern und ihren Familien eine Zukunftschance gibt.

In Varanasi, in dieser Stadt, in der sich Menschen, so scheint es, nicht um das gegenwärtige Leben kümmern, sondern um ihr Seelenheil. Eine Stadt, die vor Heiligkeit überschnappt und überläuft. Zu der Menschen kommen, die ins heilige Wasser des Ganges getaucht werden wollen, bevor ihr Leichnam verbrannt wird. Die voll ist mit Pilgern von überall her, die einmal von Varanasis Heiligkeit berührt werden wollen und eine spirituelle Erleuchtung suchen. Man kann sich dort der Not der Bettler und Krüppel nicht entziehen, die als letzte Rettung in ihrem Elend auf das Mitleid der Gläubigen hoffen. So habe ich es empfunden und erlebt.

In dieser Stadt der Gottsucher gibt es einen Hoffnungsort, an dem Kinder und auch Erwachsene das Brotbacken lernen – und zugleich, dass eine andere Welt möglich ist. „Um den Glauben muss gebetet werden wie ums täglich Brot“. Ich bin froh, dass ich das gesehen habe.

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