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SWR2 Wort zum Tag

In meinem Adventskalender bin ich auf den Satz gestoßen: „Mach’s wie Gott: Werde Mensch!“ - Das ist in seiner Knappheit ein sehr einprägsamer Appell an unsere Mitmenschlichkeit und an das Gebot der Nächstenliebe. In der Adventszeit lässt sich davon besonders gut erzählen. Zugleich greift der Satz einen Grundgedanken der Theologie auf.
Gott wird Mensch. Das steht schon ganz am Anfang der Bibel: Gott verkörpert sich in seiner Schöpfung. In ihrer Leiblichkeit, Endlichkeit und Erdenhaftigkeit.

Es wird erzählt: Gott erschließt sich selbst, indem er den Menschen zu seinem Bild erschafft (1. Mose1, 26f.). Nun kann das ja nicht bedeuten, dass Gott sich in seiner Gestalt in seinen Geschöpfen so abbildet, dass ich daraus schließen könnte: So sieht Gott aus. Das wäre absurd. Die Unterschiedlichkeit der Menschen ergibt eine Vielzahl von möglichen Bildern des Schöpfers. Keines kann ihm entsprechen oder ihn auf ein bestimmtes Aussehen festlegen. Das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, verstärkt diese Erkenntnis. Denn die Göttervorstellungen des Alten Orient kennen menschen- oder tierähnliche Göttergestalten. Der Glaube an den Einen Gott jedoch wendet sich von den Götterbildern ab.

Der Theologe Markus Mühling schlägt vor, besser von einer Resonanz zwischen Gott und Mensch zu sprechen als davon, dass Menschen zum Bild Gottes geschaffen seien. Das Bild repräsentiert etwas, hat ein Urbild und ein Abbild. Beides kann man jeweils für sich betrachten. Der Begriff der Resonanz hingegen geht von einer Beziehungsstruktur aus.

Resonanz entsteht aus Schwingungen, die sich aufeinander beziehen. So sind zum Beispiel bei einem Musikinstrument der Instrumentenkorpus und die Saite ohne einander nicht denkbar. Resonanz ereignet sich, in dem etwas schwingt und dadurch Klang hervorbringt.

Wenn ich mich als eine Resonanz Gottes, des Schöpfers, denke, dann sage ich damit: Ich klinge und schwinge bezogen auf Gott, den Schöpfer. Und zugleich beziehe ich mich auf alles Geschaffene um mich herum.
Das erfahre ich sehr anschaulich im Singen. Denn Singen ist ein Sich-Äußern, aber zugleich auch ein In-Mich-Aufnehmen. Ich erfahre Resonanz. Es entsteht etwas Klangvolles.

Im Advent wird viel gesungen. In alten und neuen Liedern breitet sich Botschaft von Frieden und Liebe aus. Sie heißt: Gott wird Mensch und kommt zur Welt. Ich nehme diese Botschaft in mich auf und stimme im Singen zugleich in diesen Klang mit ein.

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