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SWR3 Gedanken

Marianne und Georg sind schon über 80. Aber noch ganz munter. Marianne war schon immer kreativ. Deshalb sagt sie zu Georg: „Wir haben uns schon viel zu Weihnachten geschenkt - dieses Jahr sollten wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Und ich hab auch schon eine Idee!“ „Super“ findet Georg, „und was?“ – „Na, eine Urne!“
Georg ist ein wenig verwirrt. „Eine Urne? Wozu das denn?“

„Es ist ein Geschenk, dass uns beizeiten nützlich ist, es bleibt nicht als ewiges Stehrümchen und Staubfänger im Regal stehen, wir in unserem Alter werden so ein Ding ja bald brauchen. Und wir sollten sowas regeln, solange wir noch können.“

„Na, wenn du meinst“, sagt Georg. Überzeugt ist er nicht. Trotzdem geht er mit zum Bestatter. Es gibt tausend und eine Urne: bunte und dunkle, moderne und eher traditionelle, biologisch abbaubare und viele mehr. Der Bestatter ist etwas überrascht über diese etwas besonderen Kunden. Es wird das für und wider abgewägt, schließlich einigen sich Marianne und Georg auf eine rosafarbene und eine blaue Urne. „Könnten sie uns die bitte wohl als Geschenk einpacken? Ist für Weihnachten.“

Am Weihnachtsabend tut Marianne ganz überrascht: „Was ist das wohl? Eine Vase?“ „Stell bloß keine Blumen rein, sie könnte sich mit der Zeit biologisch abbauen“ rät ihr Georg. Auch Georg packt sein Geschenk aus und jubelt: „Ah, eine Urne! Aber das wäre doch nicht nötig gewesen! Danke!“

Dann sagt er: „Irgendwie bin ich jetzt doch erleichtert, dass wir das geregelt haben.“ „Genau“, meint Marianne, „das mit dem Tod haben wir erledigt, jetzt können wir uns nochmal so richtig dem Leben zuwenden!“

 Inspiration: Jean Teulé, Comme une respiration, Editions Julliard, Paris, 2016.

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