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SWR3 Gedanken

Eine Freundin aus Chicago ist zu Besuch und sie fragt mich:
What did you learn about RACE? Was habt ihr über die Rassenfrage gelernt. Sie fragt das, weil wir in Mannheim eine Gruppe junger Afroamerikaner für einen Jugendaustausch zu Gast hatten. Ich denke nach und merke, wie ich ungewohnt wortarm werde. Ich bitte sie, das gleiche nochmal zu fragen, als abends einige der Studierenden vorbeikommen, die bei dem Austausch dabei waren. Aber auch die antworten irgendwie spröde. Obwohl sie sonst immer zu allem eine Meinung haben.

Die Frage begleitet mich: What did you learn about race? Mir wird bewusst, dass ich eigentlich nichts weiß über Rasse und gar nicht richtig darüber reden kann, weil in unserem Sprachgebrauch schon das Wort „Rasse“ korrumpiert ist.
Die Nazis haben es missbraucht, um sich selbst als die nordische, die Herrenrasse zu beschreiben und alle anderen als weniger oder gar unwertes Leben zu diffamieren. Der Holocaust ist das Ergebnis dieser Rassetheorien. Wer also „Rasse“ sagt, ist in Deutschland tendenziell ein Nazi.

In den USA aber bestehen genau diejenigen, die unter Rassismus leiden darauf, dass darüber gesprochen wird. Tatsächlich haben wir in unserer Begegnung dauernd darüber geredet, dass in den USA zwar viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe leben, dass es dort aber oft nicht gelingt, gut zusammen zu leben.

Gerade während und vielleicht auch wegen der Präsidentschaft Obamas ist der Rassismus noch schlimmer geworden.
Viele Weiße können es kaum ertragen, wenn tatsächlich Afroamerikaner oder Latinos an die Macht kommen.
Und bei uns – alles gut? Nur weil wir das Wort nicht benutzen?

Rassismus fängt schon da an, wo wir wegsehen, nicht zuhören, nicht wahrhaben wollen, dass der Kameruner Ingenieur, im Hotel verdutzt angeguckt wird, wenn er frühstücken und nicht putzen will. Rassismus betrifft Frauen mit Kopftuch, die trotzdem schlau sind und Kinder aus Romafamilien die gerne in die Schule gehen.
Es gilt immer neu darüber zu reden, über Rassismus. Das ist nicht so leicht ohne neuerlich diskriminierend zu werden. Das jedenfalls habe ich gelernt.

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