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SWR4 Abendgedanken

Manchmal bin ich ein bisschen schnell mit meinem Urteil über andere. Ist ja unmöglich, wie die sich verhalten, was sie reden, was sie tun. Meistens behalte ich das zum Glück für mich – ich bin ja nicht dazu da, die Menschen zu erziehen, denke ich mir. Aber manchmal hätte ich doch gern, dass ihnen mal jemand ordentlich die Meinung sagt.

So ähnlich stelle ich mir die Situation vor, als man damals eine Frau zu Jesus gebracht hat. Die Männer, die die Frau gebracht haben, wollten sie nicht erziehen – sie wollten ihr Urteil über sie vollstrecken, das ihnen schon ganz klar war. Sie hatten die Frau beim Ehebruch erwischt (Joh 8, 1-11). Und jetzt wollten sie eine harte Strafe durchsetzen. Die Frau muss gesteinigt werden, wie es das Gesetz vorschreibt, fanden sie. Gedacht haben sie wahrscheinlich: Dann wird so schnell keine Frau wieder wagen, aus ihrer Ehe auszubrechen.

Dabei hatten die Männer noch einen Hintergedanken. Sie wollten Jesus öffentlich bloßstellen. Über den hatten sie nämlich auch schon ein Vor-Urteil. „Was sollen wir mit ihr machen“, haben sie gefragt. „Unser Gesetz schreibt vor, dass wir sie steinigen. Was sagst du?“ Ja, was würde er sagen, dieser Prediger von Liebe und Vergebung? ---

Jesus malt in den Sand. Er weiß: So einfach sind die Dinge nicht. Er gönnt sich eine Denkpause – und den anderen auch. Schnelle Antworten greifen meistens zu kurz. Wer weiß, was die Frau bewegt hat? Und wem würde es helfen, sie zu töten? Ihrem Mann? Hatte sie vielleicht Kinder? Jesus malt in den Sand und schafft Raum für solche Gedanken.

Dann schaut Jesus die Männer an und sagt: „Wer von euch ohne Schuld ist, soll den ersten Stein auf sie werfen.“ Dann malt er weiter.

Und die wütenden Männer? Die sind verblüfft. Wer weiß, was ihnen in dem Moment durch den Kopf gegangen ist. Woran sich jeder einzelne von ihnen erinnert hat. Und immerhin: Sie sind ehrlich. Sie lassen ihre Steine fallen und gehen. Einer nach dem anderen. Zuerst die Älteren.

Nur Jesus – Jesus bleibt bei Frau und redet mit ihr. Für ihn geht es nicht darum, festzustellen, wer Recht hat. Es geht ihm um die Menschen, die Hilfe brauchen. Es geht darum, dass kein Unrecht geschieht. Jesus schaut nach vorn, nicht zurück.

Vielleicht kann man das besser, wenn man erst eine Weile nachdenkt und in den Sand malt.

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