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SWR2 Wort zum Tag

Da hat man den Kopf voll mit Theorie. Und dann macht eine praktische Erfahrung alles anders und neu. Ich habe das erlebt in der „Seelsorge.“ Ein Seelsorger ist ein helfender Hirte, hatte ich im Kopf und mit diesem Bild kam ich in ein Altenheim:

Da stehe ich also! Vor mir die Tür, und hinter der Tür ein alter Mensch. Was erwartet mich da hinter der Tür? Werde ich die richtigen Worte finden? Kann ich das überhaupt? Was, wenn mir nichts einfällt, was ich sagen kann? Was, wenn mir die Situation entgleitet?

Ich klopfe an und drücke die Türklinke herunter. Im Sessel sitzt eine alte Frau. Nett sieht sie aus. Sie hat viele Lachfalten.

95 Jahre ist die Frau alt. Sie erzählt von ihrer Jugend in den dreißiger Jahren. Irgendwo tief im Osten. Von ihrem Mann, der im Krieg ein Bein verloren hat. Sie erzählt von ihrer Freude, als sie ihn wieder in die Arme schließen konnte, als der Krieg vorbei war. Davon, wie das war, als sich ihre Gebete erfüllten.

Beim Reden wird die Frau immer lebendiger und ich merke, wie sie mir meine Anspannung nimmt. Sie gestikuliert mit den Händen. Ach ja, ihre Flucht in den Westen! Als sie angekommen ist, hat sie sich sehr fremd gefühlt. Und das im eigenen Land! Aber sie hat mit ihrem Mann eine Firma aufgebaut, eine Familie gegründet und viel auf die Beine gestellt.

Irgendwann atmet sie tief ein, schließt die Augen und atmet erleichtert wieder aus. Als sie ihre Augen wieder öffnet, strahlt sie mich an.

„Mein Leben war so schön!“ Sagt sie. „Aber jetzt bin ich müde und lebenssatt. Und schlafe tagsüber schon ganz lange. Und ich stelle mir vor, wie das ist, wenn ich nicht mehr aufwache. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Weil ich glaube, da wartet jemand auf mich. Um mich in die Arme zu schließen.“

Dabei sieht die Frau sehr glücklich aus. Und plötzlich verändert sich was zwischen uns.

Bis hierher habe ich versucht, für die Frau da zu sein, ihr aufmerksam zuzuhören, Seelsorger für sie zu sein, der sie versteht und versucht, alle ihre Fragen zu beantworten.

Jetzt plötzlich ist es andersrum. Jetzt bin ich mitten dabei. In einem echten, gleichberechtigten Gespräch. Sterben ist gar nicht so schlimm, sagt sie. Warum? Gebannt lausche ich ihren Worten. Weil sie sich in ihrem ganzen Leben von Gott getragen gefühlt hat. Weil sie darauf hofft, dass dieser Gott auch für sie da ist, wenn sie stirbt. Ihre Augen glänzen, während sie das erzählt. Nach vier Stunden verlasse ich ihr Zimmer im Altenheim – reich beschenkt und tief beeindruckt von der Zuversicht der alten Dame. Sterben ist nicht so schlimm!

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