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SWR2 Wort zum Tag

Friedrich Hölderlin - wie nah ist mir der Dichter vom Turm am Neckar. In all seinen Brüchen, Irrungen und Wirrungen.  Obschon vor mehr als 150 Jahren gestorben, ist er mir wie ein Zeitgenosse. Wie viele brechen immer wieder auf – im Namen der Freiheit – verlassen den vorgezeichneten Weg einer bürgerlichen  Berufskarriere. Wagen neues Denken, neues Hoffen. Hölderlin als Student zur Zeit der Französischen Revolution.
Mit welchem Pathos hat er – und mit ihm seine Freunde – die Vorstellung vom Ich propagiert „als absolut freiem Wesen“ und eine „neue Religion“ – als „das letzte und größte Werk der Menschheit“. (Systemprogramm,1796)

Hölderlin ist aufgebrochen in eine neue Welt. Und nie angekommen. Und wurde dann so heimatlos. In der Liebe – in seinem Land – in seiner Kultur – in seiner Religion. Das antike Griechenland – seine erträumte und ersehnte Heimat, war längst versunken. Freundesbande zerbrachen. Ernüchtert – enttäuscht – innerlich gebrochen, kehrt er an den Neckar zurück – für die zweite Hälfte seines Lebens. 36 Jahre lang lebt er bei einem Handwerker, mit Namen Zimmer, auf 10 qm.

Sein innerer Weg lässt mich nicht los. Wie viele verlieren das Gottvertrauen der Kindheit und die stärkende Kraft biblischer Hoffnungen. Hölderlin suchte nach anderen Gottheiten – und fand sie zB in antiken Mythen. Die Natur wurde ihm zur Religion.

Doch dann – in der Erfahrung tiefer Enttäuschung und Verlassenheit –  tauchen religiöse Horizonte seiner Herkunft wieder in ihm auf: Johannes und Christus. Es klingt in den späten Gedichten manchmal wie eine Heimkehr in ein verlorenes Gottvertrauen. So in einem Fragment vor Ausbruch seiner Krankheit – mit „Luther“ überschrieben.

Da heißt es am Schluss:

und das Sakrament (will ich) heilig behalten, das ha?lt unsere Seele
Zusammen, die uns go?nnet Gott,
das Lebenslicht, //  Das gesellige  // Bis an unser End. [1]

Religiöse Wurzeln können wieder neuen Halt geben, erlebbar im Sakrament –in Brot und Wein – Zeichen einer Nähe und Verbindung mit Gott.  Hölderlins Worte sind mir ein Trost. Sie markieren einen Zufluchts- und Ruheort: in den Härten des Lebens – in den Turbulenzen dieser Zeiten – um diesen einen Ort der Einkehr und Heimkehr zu wissen.

das Sakrament, ... das ha?lt unsere Seele zusammen
die uns go?nnet Gott,
das Lebenslicht, //  Das gesellige  // Bis an unser End. ...


 

[1]  im sog. Homburger Folioheft, S. 83-87 (entstanden im Spätherbst 1802 bis 1807 - 92 Seiten)

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23861