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SWR3 Gedanken

Ich weine gerne. Also, nein, ich mag es nicht, wenn ich beim Weinen verschwollene, rote Augen bekomme, wenn Rotz und Wasser aus mir herauslaufen und ich dann auch noch eine verstopfte Nase bekomme. Ich mag es nicht, wenn ich elend aussehe. Also, nein, das meine ich nicht.

Ich weine gerne, seit ich diesen Satz gelesen habe: nur wer liebt, kann auch trauern und weinen. Denn das tue ich: lieben. Ich liebe meine Freunde und meine Katze und meinen Beruf – ja, ich bin sehr gerne Pfarrerin, ich liebe es schwimmen zu gehen und Klarinette zu spielen. Ich liebe gerne und aus vollem Herzen. Nur hat die Liebe eben auch diese elenden Schattenseiten. Und so weine ich um verpasste Chancen: warum bin ich damals aus Berlin weggezogen? Hätte ich das Jobangebot in Hamburg doch annehmen sollen? Warum habe ich meiner Freundin Christine nicht die versöhnende Hand gereicht? Ich weine um meinen verstorbenen Hund und um meinen Exfreund. Und ich lasse mir das Weinen auch nicht nehmen von wohlmeinenden Menschen. Mit vermeintlich tröstlichen Worten wie: „Jetzt ist es doch mal gut“, „Ist doch nur ein Hund“, oder: „Auch andere Mütter haben schöne Söhne“. Nein, ich möchte weinen. Weil ich sie geliebt habe. Und weil ich so viel verloren habe und weil mein Weinen ja auch zeigt, wie wertvoll sie mir waren. So einfach ist das.

„Trauer ist der Preis, den wir für die Liebe zu zahlen haben“, soll Queen Elizabeth gesagt haben. Und so weine ich, so trauere ich, so leide ich – weil ich liebe. Das macht das Weinen nicht einfacher, aber leichter.

Wer liebt, trauert von Ursula Nuber, in: Psychologie Heute compact, Heft 47, 2016.

 

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