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SWR2 Wort zum Tag

Christentum und Musik gehören zusammen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie das die Dichter unserer Weihnachtslieder zu allen Zeiten gespürt haben: Fast in jedem Lied heißt es, dass Jesus mit Musik, mit Gesang empfangen wurde: „Hört der Engel helle Lieder“, „Und die Engel freudig singen“, „Die Welt ist heut an Liedern reich“.

Das tiefste religiöse Empfinden ist nicht in Worte zu fassen, ist nicht mit dem Verstand zu erklären. Dem religiösen Gefühl sei, so der Theologe Schleiermacher, die Musik am nächsten verwandt. „Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben.“

Musik ist großzügig, und sie macht großzügig. Sie hält die Frage, ob es wirklich so gewesen ist, in der Schwebe. Ob wirklich dieser Komet damals über dem Stall gestanden ist und was Maria und Joseph mit dem ganzen Gold gemacht haben, das die Weisen aus dem Morgenland ihnen geschenkt haben. Man begreift durch die Musik nicht, warum das so ist, aber: man freut sich mit der Tochter Zion, man wird still mit dem trauten hochheiligen Paar, man hört der „Engel helle Lieder.“

Auch wem der Glaube in seinen dogmatischen Formeln längst unzugänglich geworden ist – mit der Musik lässt sich die Ungewissheit, wie es denn wirklich gewesen ist, ganz gut ertragen. Musik erzeugt eine Atmosphäre der Leichtigkeit, in der die Frage, ob Maria wirklich ein Jungfrau oder eine junge Frau genauso beiseite geschoben werden kann wie die, ob der Knabe Jesus wirklich lockiges Haar hatte. Niemand fragt, während er von einer Jungfrau zart singt, ob denn tatsächlich stimmt, was er da zu hören bekommt. Zu dieser Gutwilligkeit bedarf es der Musik, und sei es nur in dem banalen Sinn, dass sie dem Hörer keine Zwischenfragen gestattet.

Musik enthebt für ihre Dauer die wunderbare Weihnachtsgeschichte vor der Kritik. Musik erinnert uns daran, dass wir über den verstandesmäßigen Zugang zur Welt noch einen anderen haben. Sie erinnert uns daran, dass der Glaube etwas beinhaltet, das sich in Worten nie ganz fassen lässt, wohl aber in Tönen, in Musik. So haben viele  glauben gelernt: in Liedern, die sie schon als Kinder gesungen haben, bevor sie sich den Kopf darüber zerbrechen konnten, ob das alles auch wirklich so geschehen ist. Wenn also heute „Stille Nacht, heilige Nacht“ angestimmt wird, singen Sie kräftig mit. Auch wenn der Ton nicht ganz stimmt, der  Seele tut es gut.

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