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SWR2 Wort zum Tag

Dem Geheimnis, das Gott ist und immer bleibt, geben Menschen in ihren Religionen unterschiedliche Namen. Nicht um das Geheimnis aufzuklären, sondern um es nicht aus den Augen zu verlieren, um zu ihm zu rufen, um vor ihm auszuharren, in Geduld. Menschen geben Gott Namen, nicht um zu sagen, wer er ist, sondern um ihre Zuwendung zu Gott auszudrücken.

Die Psalmen sprechen von Menschen, die Gottes Namen lieben. (Vgl. Ps 5) Aber wie ist das, wenn wir lieben? Wir lieben doch nicht den Namen einer Person, sondern diese selbst! Allerdings wird uns ihr Name in dem Maße kostbar, in dem unsere Liebe eine Geschichte bekommt.

Der Name ist auf keinen Fall gleichgültig. Und oft erfinden wir zusätzliche Namen. Je nach der Situation, je nach Stimmung und Gefühlslage, rufen wir Menschen, die wir gern haben, mit anderen, neuen Namen.

Ähnlich entstehen die Namen Gottes in dem Augenblick, in dem er angerufen wird: Du gütiger Gott, du gerechter, du dunkler, du ferner Gott. In der Vielfalt der Namen Gottes in allen Religionen können wir einen Hinweis darauf finden, in wie vielen unterschiedlichen Situationen Gottes Namen angerufen wird.

„Gott ist mein Hirt“ ruft ein Psalmenbeter, der seinen Halt und seine Sicherheit verloren hat und nicht mehr sieht, wie sein Leben weitergehen kann. Als Richter wird Gott von Menschen angerufen, die erleben müssen, dass ihr Recht gebeugt wird, dass sie der Willkür der Reichen und Mächtigen unterlegen sind. Im Psalm 104 wird Gott als Schöpfer besungen von einem Menschen, der staunt, wie wunderbar die Welt geordnet ist. Jesus selbst betet zu Gott, indem er ihn Vater nennt, wie ein Kind, das in inniger Nähe zu seinem Vater lebt.

Was heißt jetzt auf diesem Hintergrund „den Namen Gottes lieben“? Sich daran freuen, dass Gott in jeder Situation angerufen werden kann. Keine einzige Situation ist ausgeschlossen. Auch in Klage und Verzweiflung darf und soll Gott angerufen werden. Seinen Namen lieben, bedeutet nicht, gefällige und schöne Namen zu finden. Seinen Namen lieben all diejenigen, die ihn so anrufen, wie es ihrer Not und ihrer Freude entspricht.

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