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SWR2 Wort zum Tag

Weihnachten ist noch nicht lange her und wie jedes Mal fühlte ich mich auch dieses Mal herausgefordert, irgendwie besser zu verstehen, was wir da feiern. Menschwerdung, Geburt des Gottessohnes, des Erlöser-Kindes. Ich versuchte mir klarzumachen, was das für mich und für die Welt um mich herum bedeuten kann. Und so saß ich in der Christmette und kam auf den Gedanken, dass es die Verletzlichkeit Gottes ist, die mich an der Sache besonders berührt. Wenn Gott als Mensch geboren wird, ist er nicht mehr nur der Unendliche, Unberührbare sondern setzt sich der Gefahr aus, verletzt zu werden. Dass dies durch den Tod am Kreuz dann auf so brutale Art geschah, treibt die Sache auf die Spitze. Was mir aber an diesem Gedanken wichtig ist: Er gilt auch für unser Menschsein, für alles Menschsein überhaupt. Wenn wir Freundschaften schließen, machen wir uns verletzlich; wenn wir einen anderen Menschen lieben, machen wir uns verletzlich und wenn wir Kinder in die Welt setzen noch mehr.

Die Soziologen sprechen dabei von „Vulnerabilität“, weil wir uns natürlich auch als Gesellschaft verletzlich machen können. Dabei sind wir beim unserem augenblicklichen Thema Nummer Eins: den Flüchtlingen, die in so großer Zahl in unsere Gesellschaft kommen. Die Migrationsströme lösen Ängste aus, dass unsere Städte, Einrichtungen und staatlichen Systeme nicht damit zurecht kommen könnten. Damit werden wir vulnerabel, verletzlich. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass Menschsein, so wie in der Menschwerdung Gottes an Weihnachten, gar nicht anders geht als durch das Wagnis der Verletzlichkeit. Dass wir uns dennoch so gut es geht vor Verletzungen und Wunden schützen sollten steht außer Frage - aber die Sicherheit, dass uns nichts passiert, die gibt es eben nicht, weder für uns einzelne Menschen, noch für uns als Staat und Gesellschaft. Wir erwarten zu Recht, dass Sicherheitskräfte ihr Bestes geben um uns zu schützen. Aber – das hören wir immer wieder – die ultimative Sicherheit gibt es eben nicht. Überhaupt ist das Wort „Sicherheit“ eines der Schlüsselwörter unserer Zeit und unserer gesellschaftlichen Debatten – und dennoch auch eine Illusion. Wir können gar nicht anders als aus unserem sicheren Umfeld, unserer Familie, unserer vier Wände, heraustreten. Wenn wir als Menschen nicht verkümmern wollen müssen wir hinaus in die Gesellschaft, müssen am gefährlichen Straßenverkehr teilnehmen, müssen anderen vertrauen, müssen uns öffnen und anvertrauen.

…und Gott wurde Mensch, in der Geburt des Jesuskindes, die Liebe Gottes wurde konkret. Ohne Verletzlichkeit keine Liebe, ohne Verletzlichkeit kein Menschsein.

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