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SWR4 Abendgedanken

Wenn keine Züge fahren oder mein Zug Verspätung hat, dann weiß ich jetzt, wo ich warten kann: Bei der Bahnhofsmission in Stuttgart. Denn dort am Gleis 16 arbeitet Schwester Mechta. Von 6 bis 22 Uhr täglich. Zurzeit ist auf dem Bahnhof viel los. Wenn Schwester Mechta ihren Dienst morgens um 6 Uhr beginnt, warten schon ein Dutzend Menschen auf sie. Meistens Asylbewerber, wie sie mir erzählt. „Ich mache erst mal die Tür auf und dann trinken wir gemeinsam einen warmen Tee.“ Das tut gut, denn die Menschen sind oft die ganze Nacht unterwegs, erzählt sie. „Ich möchte, dass die Menschen hier bei uns spüren, dass sie willkommen sind. Und ihr warmes Lächeln zeigt mir, dass sie es ernst meint.

Sie weiß zum Beispiel, dass die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan am liebsten süße Stückchen essen. Viel lieber als Käsebrötchen. „Natürlich finden das manche nicht gut, wenn Flüchtlinge Ansprüche stellen und wählerisch sind“, murmelt sie. Aber Schwester Mechta kann das verstehen. Also besorgt sie süße Stückchen von den umliegenden Bäckern am Bahnhof. „Alles Spenden,“ erklärt sie mir zufrieden. „In Afghanistan gibt es vielleicht keinen Käse auf Brötchen“, schmunzelt sie. Sie hat ein weites Herz, denke ich mir.

Bevor die Asylbewerber weiter nach Karlsruhe oder Tübingen reisen, kaufen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofmission für sie ein Zugticket, begleiten sie zum Zug und fragen Mitreisende, ob sie ihnen zeigen können, wo sie dann wieder aussteigen sollen.

„Bei uns können sie auch die Sorgen loswerden, die sie belasten“, erzählt Schwester Mechta. Dann zeigt sie mir das Gebetbuch, das auf dem Tisch im Warteraum liegt. Hier kann jeder, der mag, eine Bitte oder ein Gebet reinschreiben. Ein Kind aus Syrien war mit seiner Familie in der Bahnhofsmission und hat Kriegsszenen gemalt, viel Blut, zerstörte Häuser, getötete Menschen und daneben ein großes Herz. Und da steht Gleis 16 drin. „Das sind die schönen Momente“, schmunzelt Schwester Mechta. „Wir bekommen hier viel zurück geschenkt“. Erst gestern ist ein ehemaliger Flüchtling vorbeigekommen, erzählt sie. „Er war vor einem Jahr hier bei uns in der Bahnhofsmission. Alleine, ohne Papiere und ohne Zukunft. Heute wohnt er in Mannheim und ist endlich angekommen“, strahlt Schwester Mechta. Fast im gleichen Moment kommt die Polizei mit zwei jungen Männern in den Warteraum. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. „Möchten Sie einen warmen Tee?“, fragt Schwester Mechta. Die beiden jungen Männer nicken und Schwester Mechta verschwindet eilig in der Teeküche.

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