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SWR4 Abendgedanken

„Wenn wir bei Schwester Marlene sind, dann vergessen wir, wo wir hier eigentlich sind,“ – erzählt mir einer der Männer, mit denen ich am Tisch sitze und Kaffee trinke. Ich bin zu Besuch bei Schwester Marlene. Sie ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Stuttgart.

Jede Woche lädt sie zur Bibelstunde ein. Rund 10 Männer kommen meistens. Heute bin ich auch als Gast dabei. Ich gebe zu: Anfangs ist mir etwas mulmig zumute. Sicherheitshalber setze ich mich etwas weiter weg von der Runde. Der Reihe nach erzählen die Männer von ihren Erlebnissen die Woche über. Ob da viel passieren kann, denke ich mir, wenn man 23 Stunden in der Zelle hockt und nur eine Stunde Freigang hat. Einer der Männer beginnt zu weinen, als er erzählt, dass er schon seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hat. Ein anderer freut sich, dass er nun endlich einen Anwalt bekommen hat und seine Chancen rauszukommen 50 zu 50 stehen. Ein anderer hat diese Woche das erste Mal seine Frau anrufen können. Das ist schon was, sagt er, zu wissen, wie es daheim geht. All diese Erzählungen haben mich sehr berührt. Ich denke darüber nach, was übrig bleibt, wenn man weggesperrt ist. Und dann sagt einer laut: „Das Positive hier ist, ich habe im Gefängnis Gott gefunden“. Schwester Marlene schmunzelt. Sie kennt ihre Männer, obwohl sie gar nicht weiß, warum sie hier einsitzen. „Ich lese keine Akten“, erklärt sie mir später. „Für mich sind sie alle hier ganz normale Menschen. Sie verdienen genauso viel Würde und Respekt, wie alle anderen auch.“ Dass Schwester Marlene im Herzen und im Kopf keine Mauern hat, beeindruckt mich. „Ich will den Männern hier vermitteln, dass Gott jeden so annimmt, wie er ist, egal was er auf dem Kerbholz hat.“ Schwester Marlene denkt gut über diese Männer und sie hat keine Berührungsängste. Das gefällt mir. Auch ich bin den Männern innerlich etwas näher gerückt. 

Danach gehen wir in Schwester Marlenes Büro, die Männer setzen sich brav um den Tisch herum und knüpfen Rosenkränze. „Das ist der Renner hier im Gefängnis“, erklärt sie. Sie hat viele bunte Perlen mitgebracht. Einer fragt nach, ob er noch einen zusätzlich machen darf, als Geschenk für seine Frau. Schwester Marlene nickt und erklärt, was die drei Perlen am Rosenkranz bedeuten: „Die stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung. Und das wünsche ich euch hier besonders.“ Sie lächelt. In der Zwischenzeit sitze ich auch schon am Tisch mit dabei. Schwester Marlene hat Recht, es tut gut, einander anzunehmen ohne Vorurteile. Die Stunde geht schnell vorüber, die Wache klopft an die Tür und holt die Gruppe wieder ab. Einer bedankt sich bei Schwester Marlene für die schöne Stunde und sagt ganz laut: „Wenn ich wieder draußen bin, gehe ich jeden Sonntag in den Gottesdienst.“ Schwester Marlene nickt: „Versprochen. Bis nächste Woche“. Und dann ist die Gruppe auch schon im Aufzug verschwunden.

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