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SWR3 Gedanken

Sitzungen, Konferenzen, Besprechungen - also ehrlich gesagt: ich mag sie nicht. Zu langweilig und letztendlich kommt zu wenig dabei rum. Es reden immer nur dieselben paar Leute. Und die sagen dann, was sie immer sagen.
Aber einmal, einmal sollte es anders laufen. Seitdem denke ich anders über Sitzungen.
Wir sind wie immer brav in den Raum getrabt. Da sitze ich ausgerechnet neben denen, die ich am wenigsten leiden kann: links von mir Matthias, der zu allem was zu sagen hat, auch wenn er überhaupt keine Ahnung hat, rechts von mir Doris. Für sie ist alles, aber auch alles negativ und der Mensch nichts als eine Misere.
Unser Konferenzleiter kommt als letzter.
„Bevor wir anfangen“ verkündet er „möchte ich, dass jeder von uns etwas Nettes und Positives über seinen rechten und linken Nachbarn sagt.“
Schluck. Betretenes Schweigen. Und in mir arbeitet es. Was soll ich bloß machen? Was sagen? Aber dann geht die Runde los: jeder findet und sagt tatsächlich etwas Schönes über seine Nachbarn rechts und links. Und während wir so reden, einer nach dem anderen, verändert sich unmerklich die Stimmung.
Die nachfolgende Sitzung ist eine der effektivsten und interessantesten, die ich je erlebt habe. Vielleicht weil uns so nebenbei klar geworden ist, dass die neben uns tatsächlich auch gute Eigenschaften haben, dass sie manche Sachen gut können und liebenswerte Seiten haben. Vielleicht weil es uns einfach auch mal gut tut, ein Kompliment zu hören.
Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Ich muss das jetzt nicht immer vor einer Sitzung haben. Aber ich möchte schon immer wieder mal dran denken, was mir klar geworden ist: Menschen sind immer mehr, als das, was wir von ihnen sehen. Und manchmal können sie sogar ganz nett sein.

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