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SWR3 Gedanken

Gott wird alle Tränen trocknen, die wir weinen, steht in der Bibel.
Der deutschen Regierung war das zu wenig.
Deswegen hat sie das Trauern verboten.
Das ist kein neuer Witz über unsere große Koalition,
sondern deutsche Wirklichkeit – allerdings vor neunzig Jahren.
Damals war Krieg in Deutschland.
Seit drei Jahren schon tobt der Erste Weltkrieg durch Europa.
Immer mehr Soldaten verlieren in den erbitterten Kämpfen ihr Leben.
Die Trauer um tote Söhne, Ehemänner und Väter prägt den Alltag.
Und das stört die deutsche Regierung.
Sie will nicht trauern, sondern siegen.
Deswegen gibt sie im August 1917 Zeitungsanzeigen in Auftrag.
In diesen Anzeigen wird dazu aufgefordert,
keine Trauerkleidung mehr zu tragen. Die schwarze Farbe
von Tod und Trauer soll aus der Öffentlichkeit verschwinden.
Und wann haben Sie zum letzten Mal öffentlich geweint?
Und zwar Tränen der Trauer und keine Freudentränen.
„Heulsuse“, sagt der Volksmund, „wohl zu dicht am Wasser gebaut.“
„Männer weinen nicht“, heißt es;
und Frauen tragen eine Sonnenbrille, um ihre Tränen zu verstecken.
Viele Todesanzeigen hören auf mit dem Satz:
„Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen.“
Tränen sind immer noch Privatsache.
In der Tat: Tränen sind das Privateste, was wir haben.
Ich glaube, einen weinenden Menschen im Arm halten zu dürfen,
bedeutet mehr, als einen Kuss zu bekommen.
Und mit einem anderen Menschen zu weinen,
zeigt eine engere Verbindung, als mit ihm zu schlafen.
“Tränen lügen nicht“, heißt es in einem alten Schlagertext.
Vielleicht gibt es deswegen
so wenig Tränen und Trauer in der Öffentlichkeit:
weil wir nicht gerne zeigen, wie es wirklich in uns aussieht;
weil diese Ehrlichkeit uns so schutzlos und wehrlos macht.
Eine Schlacht kann man
mit verweinten Augen wirklich nicht gewinnen.
Aber Frieden kann man gewinnen –
inneren und äußeren Frieden –,
wenn Tränen erlaubt sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2008