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SWR2 Wort zum Tag

Manche Journalisten gehen in die eher vergessenen Gegenden der Welt. Dort geben sie auf der Schattenseite der offiziellen Reportagen Einblick in den Alltag von Gewalt und Krieg. Caroline Ehmke schreibt in ihrem Buch „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“,  warum sie immer wieder in Krisengebiete aufbricht: „Ich fahre in Krisengebiete, weil die Erfahrung von Gewalt allzu oft dazu führt, die Opfer sprachlos zu machen. Die Opfer werden nicht nur geschlagen und vergewaltigt. Unterdrückung und Gewalt haben nicht nur das Ziel, die Menschen auszulöschen, sondern auch alle Spuren des Verbrechens zu verwischen. Es geht mir darum, den Opfern eine Sprache zu verleihen. Jemand, der zuhört, Zeuge ist, über sie schreibt, das Ungeheuerliche der Gewalt benennt, holt sie heraus aus der Zone des Schweigens, bestätigt ihnen, dass sie in der gleichen Welt leben wie wir.“ „Du hast Sprache, du kannst schreiben. Erzähl es ihnen“ – so hat ihr einmal ein verletzter Mann gesagt. Seitdem fährt sie fort, aus Krisengebieten von den Opfern der Gewalt zu berichten. Und sie ist nicht die einzige.

Die Geschichten der Opfer zu Gehör bringen und das Schweigen brechen, das die erlittene Gewalt noch erdrückender macht. Auch die Glaubenszeugnisse des frühen Christentums könnten wir einmal unter diesem Gesichtspunkt lesen. Sie sprechen von Jesus von Nazareth, der zu Unrecht verurteilt wurde und die Gewalt von Folter und Kreuzigung erlitten hat. Viele, die an ihn glaubten, ließen sich trotz Einschüchterung und Drohung nicht davon abbringen, die Geschichte dieses Opfers zu erzählen. Sie brechen das von den religiösen und staatlichen Autoritäten verordnete Schweigen. Jesus, der selber kein schriftliches Zeugnis seines Lebens hinterlassen hatte, sollte zur Sprache kommen. Sein Handeln sollte nicht vergessen werden.

Die frühen Christen erzählen die Geschichte des Gekreuzigten auch, um zugleich von Gott zu sprechen, der nach ihrem Glauben die Gedemütigten nicht vergisst. „Aus der Hand der Unterdrücker wird er sie befreien“. So heißt es in einem ihrer jüdischen Gebete (Psalm 135). Wer sich auf diesen Gott beruft, kann angesichts der Opfer nicht stumm bleiben, sondern wird die Gewalt beim Namen nennen, der unschuldige Menschen zum Opfer fallen, so wie damals auch Jesus von Nazareth. 

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