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SWR2 Wort zum Tag

Liebe war für Marc Chagall die Quelle seines Lebens. In seinem Werk  ist es besonders die Liebe zu seiner Frau Bella.
Für mich ist ein Doppelporträt besonders faszinierend, in dem Chagall diese Liebe spiegelt: es ist ein Bild, in dem zwei Menschen in einem Gesicht vereint sind, so ähnlich, wie er es über seine erste Begegnung mit seiner Frau Bella geschrieben hat: Ihre Augen sind meine Augen. Es ist, als ob ich sie schon lange gekannt hätte… als ob sie mich durchschaute, mein Innerstes erriete.
Es ist, als ob Chagall an diesen Satz gedacht hat, als er David, den großen König in Israel malt, der zugleich mit den Augen von Batseba sieht, der Frau, die er begehrt und liebt. David wird schuldig: sie ist die Frau seines Feldherrn Uria, und er sorgt dafür, dass dieser im Krieg umkommt.
Im Doppelgesicht links das männliche Auge, hart und durchdringend und auf den Betrachter gerichtet, rechts das seitwärts gerichtete sinnliche weibliche Auge. Auffallend ist der Mund in der Mitte, der das Zusammengehören verstärkt.
Warum malt Chagall David und Batseba auf diese Weise?
Ich denke, dass Chagall diese schwierige Geschichte nicht einfach abbilden, sondern ihren tieferen Sinn zeigen wollte. Er sagte einmal in einem Interview: Seit meiner frühen Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie … erscheint mir heute als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben gesucht.
Chagall spricht von Spiegelung der Bibel im Leben. Und so hat er biblische Themen in unsere Welt übertragen. Mit dieser Bildgeschichte von David und Batsebawill er vielleicht zeigen, dass Macht und Sinnlichkeit, Härte und Verletzlichkeit in jedem Menschen durchaus widersprüchlich angelegt sind.
So interpretiert Chagall mit der Doppelgesichtigkeit einerseits David, den großen und starken Herrscher Israels, aber auch den David, der Sünde und Schuld auf sich geladen hat und dennoch ein Angewiesener auf Liebe ist. Das wird im Doppelgesicht durch Batseba ausgedrückt, die ein Teil von ihm geworden ist. Chagall zeigt in diesem Bild, wie Ich und Du zusammen gehören.
Dieser zwiespältige Mensch ist grundsätzlich auf Vergebung angewiesen. Chagall deutet dies im Bild an durch zwei Gestalten, die über dem Doppelgesicht zu sehen sind: Der Prophet Nathan hält die Tora in der Hand und drückt damit Wort und Gebot Gottes aus. Der Engel über Batseba zeigt, dass wir trotz Verfehlung behütet und bewahrt werden.

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