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SWR2 Wort zum Tag

Seit einigen Wochen haben unsere Nachbarn einen Hahn. Kein Tag, an dem ich ihn nicht krähen höre. Ich freue mich über dieses Lebenszeichen aus einer Welt, das man in städtischer Umgebung nicht mehr so oft zu hören bekommt. Ich bin mir aber auch völlig sicher: Der Hahn wird mich noch einiges an Nachtschlaf kosten. Zumal im jetzt herannahenden Sommer.

Immer wieder, wenn ich den Hahn krähen höre, denke ich auch an symbolische Rolle, die dem Hahn im Laufe der Jahrhunderte in der Kirche zugewachsen ist. Unübersehbar als metallener Wetterhahn auf unzähligen Kirchturmspitzen. Aber dass der Hahn sein Fähnlein so leicht in den Wind hängt, das ist nicht der eigentliche Grund, warum man ihn auf den Kirchturm gesetzt hat. 

Das hängt mit der Rolle des Hahns in der Passionsgeschichte zusammen. Als Petrus sich beim Prozess gegen Jesus unter die Schaulustigen mischt, will er nicht als Sympathisant dieses Jesus erkannt werden. Und behauptet gleich dreimal mit voller Überzeugung: „Nein, mit diesem Jesus habe ich nichts zu tun!“. Dann kräht – wie von Jesus vorausgesagt - ein Hahn. Und Petrus erkennt, was er da gemacht hat (Matthäus 26,72)

Das ist der Beginn der Karriere des Hahns in der Rolle des kirchlichen Mahners. Wenn Menschen sich vergaloppiert haben – wie Petrus. Wenn Menschen nach der rechten Richtung in ihrem Leben suchen – wie viele Menschen, die um einen Kirchturm herum wohnen, den ganz oben ein Hahn ziert. Wenn die Kirche sich als die Gemeinschaft der Menschen zu erkennen gibt, die mahnend ihre Stimme erheben – für die, die sich selber nicht bemerkbar machen können. Wenn immer mehr Menschen auch bei uns aus allen sozialen Netzen herausfallen. 

Da muss der Hahn der Kirche krähen, wie der Hahn damals bei Petrus. Oder wie der im Garten meines Nachbarn. Um ein Wort des Willkommens anzumahnen für die vielen Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen. Um Ehrlichkeit anzumahnen, wenn Unrecht und Versagen wieder einmal unter den Teppich gekehrt werden sollen. Um Gerechtigkeit anzumahnen, wenn die Lücke zwischen arm und reich auch bei uns immer größer wird. Da möchte ich dann gerne auch selber meine Stimme erheben, damit der mahnende Hahnenschrei noch mehr Kraft bekommt. Jede Stimme wird da gebraucht. Auch die ihre.

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