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SWR2 Wort zum Tag

„Erwachsenwerden ist so eine barbarische Angelegenheit … voller Unannehmlichkeiten“. So sagt die Romanfigur Peter Pan. Peter Pan ist ein Junge, der niemals erwachsen werden will.

Die Philosophin Susan Neiman hat sich ein Phänomen vorgenommen, das sie die Peter-Panisierung der Gesellschaft nennt: die Dauerverklärung des Jugendlich-Seins. Alles, was nach der Jugend kommt, erscheint unserer Gesellschaft als vermeintlich unaufhaltsamer Niedergang. 

Warum erwachsen werden? Fragt sie deshalb in einem philosophischen Essay und antwortet: Weil das Erwachsenwerden aus der Unmündigkeit befreit und zum Umgang mit den widersprüchlichen Erfahrungen des Lebens ermutigt. Sie knüpft dabei an Kants Ideal des aufgeklärten Menschen an, der sich selbstverantwortlich und kritisch mit seinem eigenen Leben und mit dem Leben der Gesellschaft auseinandersetzt. Alle politischen Aktivitäten, jedes gesellschaftliche Engagement gehen von der Mündigkeit des selbstdenkenden und verantwortlich handelnden Einzelnen aus. Das Sich-Engagieren und Mit-Denken schließt die Möglichkeit ein, damit zu scheitern und nicht weiterzukommen.

Ich kann mir Susan Neimans Überlegungen gut zu eigen machen. Erwachsensein ist nicht das Ende aller Träume, sondern eine Lebensphase, in der man die glückenden und nicht-glückenden Lebensmöglichkeiten als Teil des eigenverantworteten Lebens begreift. Dass die Jugend vorbei ist, muss nicht heißen, dass man das Leben nicht mehr genießen kann. Im Gegenteil. Erwachsen-Sein bringt die Freiheit mit sich, sich nicht von Nebensächlichkeiten verwirren oder blockieren oder sich von Unerfahrenheit einschüchtern lassen zu müssen. 

Der Apostel Paulus schreibt: „Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind ... Als ich erwachsen wurde, tat ich ab, was kindlich war ...“ (aus 1.Kor.13). Anders als ein Kind mit seinem grenzenlosen Zutrauen in sich und die Welt begreift der Erwachsene die Wirklichkeit als einen trüben Spiegel, in dem nicht alles klar durchschaubar ist. Die Dinge und Zusammenhänge sind komplex. Menschen sind vielschichtig. Manches, was man tut, bleibt im Versuch stecken.

Das sind erwachsene Einsichten in die eigene Fehlbarkeit und in die Unvollkommenheit der Welt. Doch anstatt zu resignieren und enttäuscht zu sein, verlässt sich der erwachsen gewordene Glaube nicht auf seine eingeschränkte Weltsicht und begrenzte Lebenserfahrung. Sondern orientiert sich an dem Gedanken: Erst bei Gott wird vollkommenes Erkennen sein. Das ist hier schon zu ahnen - in Glaube, Hoffnung und Liebe.

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