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SWR4 Sonntagsgedanken

„In die Wüste? … Du?“ – Mein Gegenüber schaut mich ungläubig an. Ja, ich gehe in die Wüste.
Nächste Woche schon geht’s los. Zwölf Tage – mit Rucksack, Schlafsack und Isomatte. Kein Auto. Kein Handy. Keine Uhr.
Nicht in die Sandwüste nach Afrika, sondern nach Jordanien. Dort gibt’s auch Sand, aber vor allem Steine und Felsen.
Ich gehe in die Wüste zum Wandern. Das auch. Aber vor allem, weil ich mal rauskommen will aus der Tretmühle.
Abschalten, frei werden von all dem, was da jeden Tag auf mich einstürmt – an Bildern, an Worten, an Reizen, an Aufgaben und Verpflichtungen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich werde von all dem getrieben.
Darum gehe ich in die Wüste. Ich suche die Einsamkeit … und Gott. Dazu braucht es vor allem eins: Stille.
Ich glaube: Gott redet. Auch heute. Aber um mich herum ist es so laut. Ständig bin ich abgelenkt.
Und auch in mir ist es laut. Mein Kopf ist so voll. Und da kreisen so viele Gedanken: An das muss ich noch denken. Und das wollte ich noch besprechen. Und das andere nicht vergessen …
Da ist gar kein Platz für Gott. Keine Zeit. Rede ich mir zumindest ein.
Vor ein paar Wochen hat mir eine gute Freundin erzählt, dass sie mit anderen in die Wüste geht, um Stille zu erleben und auf Gott zu hören.
Da hab ich spontan gedacht: Das klingt gut. Da komm ich mit. Das will ich auch.
Zugegeben: Ein bisschen Abenteuerlust ist auch dabei. Aber mir geht es vor allem darum, Gott zu begegnen … in der Wüste.
Viele Geschichten in der Bibel erzählen davon, wie Menschen in der Wüste besondere Erfahrungen mit Gott gemacht haben.
Ich denke an Mose: Gott hat ihn berufen in der Wüste und hat ihm den Auftrag seines Lebens gegeben. Mose hat begriffen: Er sollte sein Volk befreien aus der Sklaverei in Ägypten.
Oder da war der Prophet Elia. Er war total am Ende – auch mit seinem Selbstvertrauen. Da ist ihm Gott begegnet in der Wüste.. in der Stille. Und diese Erfahrung hat ihm neue Kraft gegeben.  
So haben es viele erlebt, wie Gott in der Einsamkeit redet, in der Stille, wo der Kopf frei wird, weil es so wenig Ablenkung gibt und sich der Horizont weitet.
Natürlich: Nicht jeder kann in die Wüste fahren. Manchmal reichen schon ein paar ruhige Tage im Schwarzwald. Andere gehen zur Einkehr in ein Kloster und tanken auf.
Wie gut kann eine Auszeit tun, um Dinge im Kopf zu ordnen, sich auf das zu besinnen, was mir im Leben wichtig sein soll.
Jesus hat das auch gesucht: Die Stille. Er ist in die Wüste gegangen. Ist dort aber nicht Gott begegnet, sondern zunächst mal sich selbst und den Abgründen in ihm. Auch das gehört zur Wüste, zur Stille.

In der Wüste kann man Gott begegnen. Aber in der Wüste begegnet man auch sich selbst und den Abgründen in der eigenen Seele.
So ist es Jesus ergangen. Auch er war in der Wüste. Vierzig Tage.
Die Bibel erzählt: Da trat der Versucher an ihn heran. Vielleicht hat Jesus da die abgründigen Wünsche und Träume in seiner Seele gespürt.
Die sagen: „Jesus, du bist doch Gottes Sohn. Mach ein Wunder. Verwandle diese Steine in Brot. Dann müsste kein Kind mehr sterben vor Hunger. Die Menschen wären begeistert von dir.“
Jesus aber hat geantwortet: „Der Mensch braucht mehr zum Leben als Brot. Er braucht auch das Wort, das Gott zu ihm spricht.“
Dann sah Jesus sich auf einem hohen Turm. Und ganz deutlich hat er gehört: „Du vertraust doch Gott. Also spring von diesem Turm. Gott hat versprochen, dich zu beschützen. Dir wird nichts passieren.“
Aber Jesus ist nicht gesprungen: „In den Heiligen Schriften heißt es auch: Du sollst Gott nicht herausfordern“, hat er gesagt.
Dann sah er die ganze Welt vor sich. Das war vielleicht die größte Versuchung. „Über all das mache ich dich zum König. Dann kannst du die Welt in deinem Sinn regieren“, konnte er hören. „Verlass dich einfach auf mich. Verlass dich auf deine Gier.“
Aber Jesus hat diese Gedanken fortgescheucht und gesagt: „In der Bibel heißt es: Du sollst alleine Gott anbeten und ihm dienen.“
Da hatte er die Versuchung überwunden. Und die Bibel erzählt: „Engel traten zu Jesus und stärkten ihn“.
Auch das sind Wüstenerfahrungen. Jesus entlarvt die Versuchungen seines Lebens als das, was sie eigentlich sind: Lügen. Lebenslügen.
Die klingen so: Wenn Gott die Menschheitsprobleme lösen würde – oder zumindest meine eigenen Probleme, dann ich würde an ihn glauben.
Oder: Wenn Gott mich beschützt, wenn Gott mich heilt, dann würde ich auch mit Gott leben.
Oder: Mit mehr Macht und größerem Einfluss könnte ich alles zum Guten wenden.
Da belüge ich mich selbst. Macht und Wunder machen die Welt nicht besser. Und aus ihnen erwächst auch kein größeres Gottvertrauen.
In der Wüste stehen solche Träume und Gedanken schonungslos offen da. Auch bei Jesus. Aber er hat in den offenen Fragen und Zweifeln Gott nicht losgelassen.
Jesus hat Gott vertraut, auch wenn damit die Probleme nicht gelöst waren. Auch wenn er keine Beweise für Gott in der Tasche hatte. Er hat an Gott festgehalten auch dort, wo er seine Grenzen gespürt hat, die Ohnmacht und das Scheitern. So wurde die Wüstenzeit für ihn zum Segen.
Ich bin gespannt auf das, was ich in der Wüste erleben werde. Und vielleicht kann ich Ihnen beim nächsten Mal davon erzählen.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag!

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