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SWR2 Wort zum Tag

Gegenwärtig erfahren Religion und Glaube eine desaströse Bilanz. Religion wird mit Gewalt, mit Terror oder einfach mit Weltfremdheit und Hinterwäldlertum verbunden. Solche Assoziationen sind natürlich sehr undifferenziert; dennoch empfinde ich sie als Christ schmerzlich.
Ich frage mich: Was ist Religion? Was ist Glaube? Was macht meinen Glauben aus? Als Christ kann ich mich dabei – authentisch – nur auf die eigenen Glaubensgrundlagen beziehen. Für mich hat Glaube mit Vertrauen zu tun. Glaube ist eine Form der Offenheit und Empfänglichkeit fürs Leben.
Einer der Grundsätze Jesu, den er seine Jünger lehrt, lautet: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Der biblische Zusammenhang, in dem diese Sätze zu finden sind, deutet auf das Verständnis vom Gebet hin. Doch das, was Jesus hier sagt, gilt sowohl für die Beziehung des Menschen zu Gott wie für seine sozialen Beziehungen. Bitten, Suchen, Anklopfen – das sind alltägliche Handlungen und sie bergen alltägliche Erfahrungen.
Auffällig ist die Zurückhaltung, die aus Jesu Sätzen spricht. Mit lauten Tönen, mit heftigen Gesten wird nichts erreicht. Gewiss, finden kann ich auch etwas, ohne dass ich danach suche. Ich stoße einfach darauf, entdecke etwas urplötzlich. Und eine Tür kann sich mir auch öffnen, ohne dass ich zuvor angeklopft habe. Zum Glück gibt es dieses Wunder sozialer Beziehungen immer wieder.
Doch der entscheidende Akzent, den Jesus mit seinem Bildwort setzen will, liegt anderswo: Ich kann niemanden mit meiner Tatkraft, mit Gewalt, dazu bewegen, mir etwas zu geben oder mir eine Tür zu öffnen. Gott nicht, und meinen Nächsten auch nicht. Mit Gewalt wird daraus immer nur Einbruch und Raub. Dass mir jemand öffnet, dass ich etwas geschenkt bekomme, liegt allein im Ermessen und in der Freiheit des Anderen. Alles, was ich dazu tun kann, ist, mich für solche Erfahrungen bereit zu machen.
Jesus lehrt diese Offenheit als Grundhaltung des Glaubens. In Bezug auf meine Mitmenschen, in Bezug auf die Welt, in Bezug auf Gott. Denn immer geht es um eine innere Bereitschaft und Empfänglichkeit für das, was Gott zu schenken vermag – in der Aufmerksamkeit für mich selbst und andere, im Nachdenken über den eigenen Lebensweg, in alltäglichen Begegnungen, in der Schönheit der Natur … durch Bitten, Suchen und Anklopfen.

 

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