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SWR2 Wort zum Tag

„Mainz ist mir zu groß,“ sagt unser Sohn. Und er fügt hinzu: „Da finde ich mich einfach nicht zurecht.“ Wir kommen ins Gespräch. Er findet kleinere Städte besser. Wo die Straßen keine dreistelligen Hausnummern haben. Wo es nicht so viele unterschiedliche Wege gibt, um von A nach B zu kommen. Wo man die Menschen besser kennt, die nebenan wohnen oder vielleicht auch noch in der nächsten Straße.

Ich verstehe, was er meint, empfinde aber anders. Ich bin in Köln geboren. Stadt ist für mich etwas Selbstverständliches. Mich zurechtfinden, dass gelingt mir ganz gut. Und ich weiß auch genau: In einer großen Stadt muss man gar nicht alle Straßen, alle Viertel, alle Menschen kennen. Das ist einfach so.

Was uns verbindet? Wir wollen uns beide zurechtfinden, da wo wir leben. Wollen eine Übersicht haben und uns auskennen.

Von Jesus wird erzählt, dass er die Städte meidet. Es zieht durch Dörfer, redet mit Fischern und Winzern, mit einfachen Leuten, die sich mehr recht als schlecht durchs Leben schlagen. In die Stadt zieht Jesus nur zum Sterben. Nach Jerusalem. Aber sonst treibt er sich dort herum, wo es übersichtlich ist. Deswegen tauchen in den Jesusgeschichten kaum Händler oder Kaufleute auf. Und auch seine Geschichten kreisen um Bauern und Handwerker. Vom Treiben in der Stadt keine Spur.

Umso überraschender mutet es an, dass viele der ersten Christen in der Stadt zu finden sind. Eben in Jerusalem. Und dann vor allem in den griechischen Städten am Mittelmeer, auf der Gebiet der heutigen Türkei. In Korinth oder in Ephesus. Der christliche Glaube zieht von der Stadt aus Kreise.

Jesus, der Mann vom Land – und der städtische Glaube an Jesus: Ein Widerspruch? Für mich ergänzen sich eher beide Perspektiven. Glaube ist etwas für das Dorf und für die Stadt. Glaube ist für alle Menschen gemacht, egal wo sie leben.

Das ist, glaube ich, zentral: Für den Glauben – wie für das Leben. Dass sich Menschen heimisch fühlen. Wenn unser Sohn das Dorf vorzieht – ist das in Ordnung. Weil er da zu Hause sein kann. Wenn jemand die Stadt braucht – ist das auch gut. Es geht doch vor allem darum, einen Ort zu finden – wo man gut leben kann – und glauben.

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