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SWR2 Wort zum Tag

 Wenn Religion auf Atheismus prallt – wenn sich ein Mensch unerwartet zum Christentum bekennt – kann es krachen. So geschehen bei Bertolt Brecht.
Jedenfalls als sein verehrter Schriftstellerkollege Alfred Döblin, – der bis dahin als ein erklärter Atheist galt, – sich 1943, bei seinem 65.ten Geburtstag – outet:
Er sei Christ geworden und katholisch getauft.
Brecht ist entsetzt – und schreibt voller Wut ein Gedicht.
Überschrift: „Peinlicher Vorfall“.Darin heißt es:

Als einer meiner größten Götter seinen 10.000 Geburtstag beging,
Kam ich mit meinen Freunden und meinen Schülern, ihn zu feiern
... Das Fest nahte seinem Ende.
Da betrat der gefeierte Gott die Plattform,
... Und erklärte
mit lauter Stimme
... Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr
Religiös geworden sei ...
Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte
Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen Gefühle
Seiner Zuhörer verletzend,
....  Seit drei Tagen
Habe ich nicht gewagt, meinen Freunden und Schülern
unter die Augen zu treten, so
Schäme ich mich.“

Was hat Brecht so vor den Kopf gestoßen? Dass sein guter Freund, sein Vorbild, Alfred Döblin, ausschert, sich vom Atheismus lossagt, die Basis der gemeinsamen Lebens- und Weltanschauung verlässt, das ist für Brecht wie ein Verrat, eine tiefe Verletzung.
Keine Ahnung, ob Brecht je später in Döblins Lebenserinnerungen gelesen hat –
wie Döblin in den Jahren der Verfolgung und auf dem Weg ins Exil Christusfiguren in Kathedralen begegnet ist und davon schreibt: „Vor ihnen fiel mir ein: das ist das menschliche Elend, unser Los, es gehört zu unserer Existenz, und dies ist das wahre Symbol. Unfassbar der andere Gedanke: was hier hängt, ist nicht ein Mensch, dies ist Gott selber, der um das Elend weiß und darum herabgestiegen ist in das kleine menschliche Leben."  Döblin begreift sein Leben fortan religiös. Er will es nicht länger ohne Ursprung und Ziel, ohne ein Woraufhin und ohne ein Darüberhinaus verstehen.
Ich habe im Sommer in Döblins Erinnerungen[1] fasziniert gelesen – und mich gefragt:
Wenn Brecht neugierig nachgefragt hätte: Wie ist das bei dir dazu gekommen?
Döblin hätte rückfragen können: Was hält Dich beim Atheismus?
Was hast du erlebt, was empfindest Du, dass Du Atheist bleibst?
Dann wären sich keine Weltanschauungen gegenüber gestanden – sondern Erlebtes und Empfundenes. Das wäre ein Austausch über Erfahrungen geworden.
Eine echte Begegnung, die ein Gespräch und Verstehen eröffnen kann.
Das wünsche ich mir und allen, die auf konträre Anschauungen stoßen.



[1] Alfred Döblin, Schicksalsreise, Düsseldorf 1993.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=18252