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SWR2 Wort zum Tag

Lots Frau ist eine namenlose Frauenfigur aus dem Alten Testament. Sie ist mit ihrer Familie auf der Flucht, weil sich in Sodom und Gomorra Recht in Unrecht verkehrt hat, Moral, Sitten und Werte verkommen sind. Sie flieht mit ihrer Familie vor Gewalt und Zerstörung. Sie schaut zurück und erstarrt über das, was sie sieht.
Die große polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska, die 1996 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, schreibt in ihrem Gedicht Lots Frau:

Angeblich sah ich zurück aus Neugier.
Außer der Neugier hätt ich auch andere Gründe haben können…
Ich spürte das Alter in mir. Die Entfernung.
Die Schläfrigkeit. Leere des Wanderns.
Ich sah zurück aus Angst, wohin die Schritte lenken…
Ich sah aus Verlassenheit zurück…

Wer ist diese Frau, von der Szymborska spricht?
Lots Frau steht symbolisch für alle Frauen, die mit ihren Familien fliehen müssen, weil ihr Zuhause durch Gewalt, Krieg und Terror zerstört ist. Eine Frau blickt hinter sich und erstarrt vor Entsetzen. Sie bleibt wie versteinert stehen. Die Bibel erzählt: sie wurde zur Salzsäule.
Warum dreht sich diese Frau um? 
Loszureißen vom Ort des Schreckens kann lähmen, kann versteinern. Lots Frau sieht ihre Stadt, denkt an die Menschen, die sie zurück gelassen hat, ihre Freunde, die Nachbarn. Ihre Trauer über Verlorenes lässt sie umdrehen.
Szymborska spricht vom Alter, der Leere des Wanderns, von der Angst, wohin die Schritte führen, von Verlassenheit. Es sind Gründe, die einen Menschen am Weitergehen hindern, die mutlos machen können.
Ich erinnere mich an Erzählungen meiner Eltern vom zerstörten Kassel, vom Verlust des Zuhauses, dem Neuanfang. Ich habe immer bewundert, dass sie nach vorne sahen, nicht in der Vergangenheit verharrten, sondern mutig neu anfangen konnten.
Wie gehe ich mit Verlusten um? Lebe ich rückwärtsgewandt oder kann ich mit Verlusten leben und dennoch nach vorne schauen? Das schließt Erinnerung nicht aus. Aber Erinnerung ist etwas anderes als gebannte Rückschau. Erinnerung ist auch Verarbeitung, so dass aus der Dunkelheit des Verlustes etwas licht werden kann, was Kraft und Hoffnung zum Leben gibt. Dazu gehören Menschen, die nicht ausgrenzen, sondern mithelfen, dass Menschen, die vor Gewalt und Zerstörung fliehen mussten, wieder neu anfangen können.

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