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SWR2 Wort zum Tag

Das Jahr 2014 ist von Erinnerungen an den Krieg bestimmt. Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg und vor 75 Jahren der 2. Geht mich dieses öffentliche Gedenken jenseits meiner staatsbürgerlichen Pflicht etwas an? - Ja. Denn was gewesen ist, prägt die Seele auch der Nachgeborenen.
Meine Großmutter, 1907 geboren, hat als Kind den 1. Weltkrieg erlebt und als junge Frau den 2. Beide Kriege haben selbst ihr abgeschiedenes Dorf erreicht. Sie haben ihr Leben geprägt. Ich kenne nur Bruchstücke von dem, was sie erlebt hat. Aber ich kann mich gut erinnern, wie sie noch in den 70erJahren bei der Feldarbeit, wenn die Flugzeuge der nahe gelegenen airbase bei ihren Flugübungen über uns hinwegdonnerten, sagte: Damals haben wir uns in den Graben gelegt, wenn die Flugzeuge kamen. Ich kann bis heute keine tief fliegenden Flugzeuge hören, ohne an sie und an diesen Satz zu denken. Dabei bin ich im Frieden und in Sicherheit und im Wohlstand aufgewachsen.
Die Kriege haben nicht nur die Generationen derer geprägt, für die die beiden Weltkriege reale Erfahrungen sind. Vielmehr werden solche Sätze oder Verhaltensmuster auch an diejenigen vererbt, die selbst gar keine persönlichen Erinnerungen an jene Zeiten haben.
Manchmal nimmt das fast schon absurde Formen an: Als ich vor ein paar Tagen einen Freund beim Einkaufen begleitete, sah ich verblüfft, dass er für seine dreiköpfige Familie sechs Tuben Zahnpasta in den Einkaufskorb legte. Seine Erklärung: Mein Vater war ein Flüchtling. Er hatte immer Sorge, dass nicht genug Vorräte da sein könnten. Scheine ich geerbt zu haben.
Ähnliches wird aus den Pflegeheimen berichtet: Der junge Freiwillige, der den älteren Mann aus dem Zimmer holt und ihn zum vorsichtigen Gehen mahnen will, sagt: Herr Maier, nur langsam, wir sind doch nicht auf der Flucht. Der junge Mann weiß nicht, was seine harmlose Bemerkung in dem alten Mann auslöst. Weiß nicht, dass der in der Tat mit seiner Mutter auf der Flucht war und bis ins hohe Alter eine Menge traumatischer Erinnerungen mit sich herum trägt.
Damit der junge Mann das versteht, und damit der Freund sich sein Bedürfnis nach Vorratshaltung erklären kann, ist es gut, sich die geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge bewusst zu machen, in denen wir leben. Denn sie prägen unsere Seele auch über die Generationen hinweg.
Meine Großmutter hat übrigens nicht in Ängsten gelebt, wenn sie die Flugzeuge hörte. Sondern aus der Dankbarkeit, in all dem dennoch behütet gewesen zu sein. Auch dieser Dank prägt die Seele. Gott sei Dank auch die der Nachgeborenen.

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