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SWR4 Sonntagsgedanken

 

Ich möchte Ihnen eine Weihnachtsgeschichte von Edzard Schaper erzählen.

Im Grenzland zwischen Estland und dem kommunistischen Russland lebt der fromme Torfstecher Semjon in einer armseligen Hütte. Er ist Witwer und ernährt sich und seine vier Kinder durch den Verkauf von Torf und Fischen.

Als Semjon im Dämmer des Heiligen Abends nach Hause kommt, den Schlitten bepackt mit einem Tannenbaum und kleinen Geschenken, stellt er fest, dass das Feuer im Ofen erloschen und in der Hütte nichts zum Feueranmachen zu finden ist. Ein Grenzsoldat hat sich am Vortag eine Pfeife  anzünden wollen und aus Versehen die ganze Streichholzschachtel mitgenommen. Eine dramatische Situation: Weil kein Feuer gemacht werden kann, ist es dunkel und eiskalt, es gibt nichts Warmes zu essen, der kleine Tannenbaum bleibt ohne Licht. Semjon beschließt, bei den heimischen Grenzposten Streichhölzer oder ein Feuerzeug zu holen, und ermahnt die Kinder, die Hütte nicht zu verlassen. auch wenn es länger dauern sollte. Sie versprechen es, frierend und voller Sehnsucht.

Der Vater geht in die eisige Nacht hinaus. Unaufhörlich fällt Schnee und flimmert vor seinen Augen. Bald kann er sich nicht mehr orientieren und ist so müde, dass er sich in den Schnee setzt und einschläft. Nun erlebt er in Traumbildern, wonach er sich sehnt: Er sieht sich Feuer machen und die Kerzen am Baum anzünden. „Ach, warm, warm würde es zu den Kindern hinauf auf den Ofen wehen!“ Und dann würde er die Geschenke austeilen und sagen: „Der Herr hat es gegeben, ihr gesegneten Kinder, … in dieser Nacht, in der er auf die Welt gekommen ist!“

Der Lichtstrahl eines russischen Scheinwerfers streift über das Gelände, entdeckt den dasitzenden Mann und schließt sich um ihn wie „eine riesige Hand“. Aber er wacht davon nicht auf, sondern träumt weiter:

Er sieht eine hohe Lichtgestalt auf sich zukommen und erkennt in ihm freudig Jesus Christus, den Herrn. „Er kommt! Er kommt! Es ist ja auch seine heilige Nacht…“  Christus ist von loderndem Feuer umgeben, und als Semjon daran seinen Kerzenstumpf anzünden will, wird es ihm gütig gewährt. Nun will er mit dem gewonnenen Licht möglichst schnell nach Hause.

Doch der Stiefel eines russischen Soldaten stößt ihn in die Seite, man hat ihn aufgespürt. Semjon versucht davonzueilen, nur von dem Wunsch erfüllt, die  „Kinderchen“ nicht länger warten zu lassen. Da rinnt „ihm eine feurige Lohe über den Rücken“:  er wird erschossen.

Im Stürzen sieht Semjon wieder die Lichtgestalt des Christus vor sich: „Gib mir das Licht!“, hört er, „… ich will es dir wieder anzünden, aber nicht hier, hier brennt es nicht mehr.“ Semjon stirbt, heißt es im Text,  „in unermesslichem Glück“ – denn er ist in dieser Nacht dem Heiland begegnet.

 M u s i k

 Die Kinder 

Die Lage der verlassenen Kinder ist herzzerreißend: Stunde um Stunde warten sie am Fenster auf die Heimkehr des Vaters. Plötzlich schreit eines von ihnen auf und zeigt mit dem Finger nach draußen. „Der Vater! …Da, da! …er winkt, er kommt, er hat noch jemand mitgebracht…!“  Alle vier sehen es: im rieselnden Schnee zwei undeutliche Gestalten, die zu ihnen her blicken und ihnen Zeichen machen.

Das ist die Wende: Die vier Kinder verlassen das Haus. Vertrauensvoll stapfen sie hinter den Gestalten her, die manchmal stehenbleiben und sich nach ihnen umsehen. Die Kinder sind todmüde, Kälte und Schnee setzen ihnen zu, doch nichts kann sie aufhalten. Sie sind sich sicher: Der Vater hat sie gerufen und geht vor ihnen her.

 

 

Zuletzt verschwinden die Gestalten und der Boden ebnet sich. Plötzlich sind da Menschen: Die Kinder haben, ohne es zu wissen, die heimische Grenzstation erreicht, wo feiernde Wachsoldaten gerade um den Weihnachtsbaum stehen. Wie Schlafwandler berichten die Kinder verworren von dem Erlebten und starren dabei unverwandt in die Kerzenflammen. Für sie ist es das Licht des Vaters , das er vor ihnen hergetragen und das sie gerettet hat.

Die Soldaten versorgen die Kinder,  „als wären es ihre eigenen“. Staunen und nachträgliches Entsetzen sind groß: Ein ganzes Rudel Wölfe ist ihnen gefolgt und lagert in der Nähe. Und in dieser Nacht wird es so extrem kalt, dass die Kinder in ihrer Moorhütte nicht überlebt hätten.

 Diese Geschichte enthält, meine ich, die zentrale weihnachtliche Botschaft:

In Jesus kommt  Gott zu den Menschen. Sein Licht „leuchtet in der Finsternis“ (Johannesevangelium 1,5).

Der Torfbauer Semjon ist - von außen gesehen – eines der vielen sinnlosen Opfer von Gewalt und Krieg. Doch seine leidvolle Situation wird für ihn zur Sternstunde: Er begegnet Christus. An der äußersten Grenze, im Sterben, erfährt er ihn als ganz nahe  und geht geradezu „glückselig“  in den Tod – hin zu Ihm. - Seine Kinder erleben diese göttliche Nähe auf ihre Weise: Indem sie dem Vater und seinem geheimnisvollen Begleiter folgen, vertrauen sie dem starken Ruf der Liebe – und so gelangen sie aus der Todeszone zurück ins Leben. 

Ich wünsche uns, dass wir „das große Leuchten“ der Liebe Gottes auch in unserem Leben entdecken -  und das nicht nur“ zur Weihnachtszeit“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16500