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SWR2 Wort zum Tag

Ich denke heute an diesem 9. November an die Zeit vor 75 Jahren, die Zeit der Judenverfolgung in Deutschland. Und ich denke an einen Mann namens Josef Weiß. Er war Jude und kommt aus Flamersheim, einem kleinen Dorf im Rheinland, da wo meine Eltern heute leben. Natürlich nennt ihn dort niemand Josef. Das ist einfach der Jupp. Jupp Weiß hat in Köln in einem Kaufhaus gearbeitet und Karriere als Personalchef gemacht. 1933 entschied er sich, mit seiner Familie in die Niederlande auszuwandern. Auch dort war er zunächst recht erfolgreich, er gründete eine Lederwarenfabrik. Nach dem 9. November 1938 fing er an, zunächst Familienmitglieder, später auch andere Juden aus Deutschland herauszuschleusen.
Als die Niederlande von den Deutschen besetzt wurden, wurde er inhaftiert und kam mit seiner Familie ins niederländische Zwischenlager Westerbork. Dort hat er in verantwortlicher Position als Bindeglied zwischen Insassen und Lagerleitung versucht, möglichst viele Menschen auf Auswanderungslisten zu setzen. Und er organisierte Hilfe und Unterricht für die elternlosen Kinder im Lager. Dann wird Jupp Weiß in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Auch hier übernimmt er Verantwortung. Er soll Totenlisten schreiben, gibt die aber nicht gleich weiter, damit die Essensrationen nicht sofort gekürzt werden. Als die Front immer näher rückt, werden Jupp Weiß und seine Frau in einen Viehwagen gepfercht, um nach Theresienstadt deportiert zu werden. Doch der Zug macht eine Irrfahrt durch Deutschland, viele Menschen erkranken unterwegs und sterben. Als die Rote Armee den Zug schließlich findet, kann Jupp Weiß gerettet werden, seine Frau stirbt einen Tag später. Die Überlebenden des Zuges kommen zu Jupp Weiß und bitten ihn, er soll doch die Liste weiterführen und die Toten weiterhin schriftlich festhalten.
Genau Buch führen über so etwas Schreckliches? Auch wenn das auf den ersten Blick sehr bürokratisch wirkt, dieses Aufschreiben war wichtig. Weil Jupp Weiß das getan hat, wissen heute viele Menschen, wo ihre Angehörigen geblieben sind, z. B. auch der Vater von Anne Frank.
Mich berührt das: das Aufschreiben der Namen war so wichtig! Dann muss es auch heute wichtig sein, die Namen nicht zu vergessen, sie vielleicht laut zu lesen, wenn ich an einem der Stolpersteine vorbeikomme, diese Steine, die auf unseren Gehwegen an ermordete Juden erinnern.
Namen wie: Charlotte Bloch, Sophie Weil, Salli und Alfred Heimann, Rosa und Elias Schnurmann, Emma Cohn, Jakob Adler.
Namen von Menschen, die bis heute nicht vergessen sind.

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