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SWR4 Abendgedanken

Viele Zeitgenossen halten die Kirche für eine moralische Anstalt. Sie meinen, dass es deren Hauptaufgabe ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden, und dem entsprechende Urteile zu fällen. Die Kirche hat sich das selber zuzuschreiben, weil sie häufig genau so auftritt: als „Anstandswauwau". Dieses gehört sich nicht. Jenes ist verboten. Und wir waschen unsere Hände in Unschuld.Was für ein Zerrbild dessen, was Jesus gewollt hat. 

Auch darauf macht Papst Franziskus aufmerksam in seinem Austausch mit dem römischen Intellektuellen Eugenio Scalfari, der uns durch die Abendgedanken dieser Woche begleitet. Das Interview ist übrigens auf der Internetseite von Radio Vatikan nachzulesen. Franziskus spricht in seinen Antworten gar nicht so von gut und böse, als ob er immer genau wüsste, wie es sich verhält. Stattdessen wirbt er für Aufmerksamkeit. Ich zitiere ihn: „Man muss sich kennenlernen, sich zuhören und das Wissen um die Welt um uns vermehren." Da tritt also keiner als Besserwisser auf. Die eigene Überzeugung ist ein Angebot, kein Ge-bot. Vor dem Urteilen kommt für ihn das Hören und Verstehen. 

Viele, viele Menschen haben sich daran gestoßen, dass die Katholische Kirche in moralischen Fragen so rechthaberisch aufgetreten ist. Mein eigener Vater hat das immer für arrogant gehalten, ein Grund, weshalb er zeitlebens distanziert in Glaubensdingen geblieben ist. Wie sympathisch wirkt dem gegenüber die Vorsicht, mit der Franziskus an das Leben und seine vielgestaltigen Wege herangeht. Bestimmt hat er von der Wahrheit eine Ahnung, und er ringt darum, dass die noch größer wird. Er will andere überzeugen, will Missionar seines Glaubens sein. Aber eben nicht von sich oder von der Kirche, sondern von Jesus und seinem Evangelium. Das ist ein Riesenunterschied! Zwei Punkte sind für Jesus immer leitend gewesen, wenn er es mit Menschen zu tun hatte: Er wollte sie zu dem Guten führen, das schon in ihnen existierte. Das ist das eine. Und das andere:  Deshalb hat er sie geliebt. Wenn das nicht der richtige Weg ist, um andere vom Glauben zu überzeugen, dann weiß ich auch nicht ...

 

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