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SWR1 Begegnungen

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Ärztin ohne eigene Praxis für Menschen ohne Perspektiven

Auf der Strasse

Monika Orth ist Ärztin. Ohne feste Praxis, denn Sie praktiziert meistens in einem Kleintransporter oder in den Anlaufstellen für Wohnsitzlose in Mainz. Monika Orth behandelt Menschen ohne Krankenversicherung. Aus Überzeugung:

Ich bin eigentlich geprägt von meinem Christentum, ... für mich ist das Christentum Liebe und ich möchte auch gern ein Stück von der Liebe, die ich auch erfahre, weitergeben.

Monika Orth denkt mit. Eigentlich waren wir zum Gespräch in der neuen Ambulanz verabredet. Zu laut fürs Interview, sagt sie. Außerdem will die 69 jährige Medizinerin ihren pflegebedürftigen Mann nicht zu lange allein lassen. Als sie mich begrüßt, spüre ich sofort ihre offene, freundliche Art. Ihre Kindheit im Rheinland hat sie geprägt. Der Blick für die Not von wohnsitzlosen Menschen ist ihr in die Wiege gelegt:

Mein Vater war auch Arzt, nach dem Krieg gabs viel so Durchreisende, die ham immer so um Essen gebeten, und mein Vater hat immer gesagt, als wir Kinder waren, lass die Leute nicht draussen stehn, das will er nicht.

Wenn der Patient nicht zum Arzt geht, dann kommt eben der Arzt zum Patient. So einfach beschreibt Monika Orth ihr ehrenamtliches Engagement. Gemeinsam mit anderen Medizinern und Krankenschwestern arbeitet sie im Verein Armut und Gesundheit. Seit 12 Jahren behandelt sie Menschen, die sich Arztbesuche nicht leisten können. Meistens fährt sie mit einem Arztmobil, einem Kleintransporter durch Mainz, Dorthin, wo sich die Wohnsitzlosen aufhalten. Mittlerweile kennt sie die Lebensgeschichten von vielen Patienten:

Obdachlosigkeit ist letzlich wie ne Krankheit - es kann eigentlich jeden treffen und das machen sich viele nicht klar. Die Leute geraten ja oft unverschuldet in die Obdachlosigkeit und dann ist es so eine Kette von Schicksalsschlägen, die eigentlich jeden treffen kann.

Der Verein Armut und Gesundheit möchte den Teufelskreis von Armut und Krankheit durchbrechen. Denn viele Wohnsitzlose schämen sich und gehen deshalb nicht zum Arzt. Verschlimmern ihr Situation. Während mir Monika Orth davon erzählt, muss ich natürlich kritisch nachfragen: Soll ich überhaupt Geld geben? Was ist mit dem Alkoholkonsum bei den Obdachlosen, macht das die Situation nicht noch schlimmer? Sofort versucht Monika Orth die Vorurteile zu entkräften:

Es trinken ja nicht alle, es trinkt ja nur ein Drittel. Und die werden immer wie alle Menschen immer über einen Kamm geschoren. Wenn man jemand mit einem Euro ne Freude machen kann, ist das schon wert.

Ja, da hat sie mich genau an der richtigen Stelle erwischt. Wie viele andere Menschen auch denke ich, „Denen ist doch nicht zu helfen" und gehe vorbei. Wohnsitzlose haben keine Lobby, sagt Monika Orth, sie sind ganz unten in unserer Gesellschaft. Ein paar Euro sind für die Obdachlosen schon sehr wertvoll, aber viel wichtiger ist die Zuwendung:

Ich geh ja nie in die Stadt, ohne, dass ich für die Obdachlosen da bin, ich kann ja jetzt nicht sagen: Hört mal Jungs, heute bin ich nicht für Euch da, ich hab dann zwar vielleicht nicht den Notfallkoffer dabei, aber Worte hat man ja immer dabei und für die ist das wichtig, weil sie ja so ausgegrenzt sind - dass man sie wahrnimmt.

Ob das Engagement für die Wohnsitzlosen sie verändert hat, will ich wissen? Monika Orth hat natürlich einen anderen Blick auf ihre Stadt Mainz. Sie kennt die dunklen Ecken, wo die Not sichtbar wird. Aber frustriert oder ängstlich ist sie nicht:

durch die Arbeit bin ich viel unängstlicher geworden, früher hätt ich Angst gehabt durch Mainz zu gehen, hab ich jetzt überhaupt nicht, oft rufen sie´s mir auch nach, wenn sie irgendwo da schlafen: Doktor, pass gut auf dich auf, dann denke ich immer, würden die das doch selber mal beherzigen (lacht).

Was ihr dem Geringsten getan habt...

Wie Mutter Theresa sieht sie nicht aus. Monika Orth wirkt weder askethisch, noch abgearbeitet. Auch gar nicht wie eine ältere Dame im Ruhestand. Sie kommt direkt aus der medizinischen Ambulanz, hat Menschen behandelt, die sich keinen Besuch beim Arzt leisten können.

Wir sitzen an einem langen Esszimmertisch, vor unseren Füßen liegt der große Hund der Familie. Weil sie einen guten Draht zu Hunden hat, kümmert sie sich oft auch um die vierbeinigen Begleiter der Wohnsitzlosen. Hunde sind ganz wichtig für Menschen, die auf der Straße leben, sagt Monika Orth. Sie geben Zuneigung und Stabilität. Sie selbst versucht, jedem Menschen mit Würde zu begegnen:

Das finde ich immer sehr wichtig - nicht von oben herunter, sich auf Augenhöhe mit denen begeben, sich mal hinknien das weiß man von der Schule, das macht immer so ne Abhängigkeit, wenn man oben ist und der andere unten. Die freuen sich, wenn man nur mal mit denen redet - weil die soo ausgegrenzt sind.

Woher kommt ihr Mitgefühl für die Ausgestossenen? Monika Orth könnte eigentlich ein unbeschwertes Leben geniessen, ein schönes Reihenhaus mit Garten in Mainz, sie und ihr Mann interessieren sich für Kunst. Kein protziger Reichtum, aber über Armut und Hartz Vier müsste sich Monika Orth keine Gedanken machen. Trotzdem sucht sie die Elendsorte in Mainz auf. Warum macht sie das?

In erster Linie aus dem Glauben heraus, ich möchte meine Christentum auch leben, wie kann ich Sonntags in die Kirche gehen, wenn ich den Menschen, der neben mir liegt und mich braucht, nicht sehe.

Monika Orth nimmt das Evangelium ernst. Sie will ihren Glauben nicht vom Alltag trennen. Natürlich denke ich an das Jesuswort: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Aber - Ist ihr Engagement nicht ein Tropfen auf den heißen Stein? Ein Vorzeigeprojekt, und sonst läuft alles so weiter? Monika Orth will sich nicht mit der gesellschaftlichen Spaltung abfinden:

Da möchte ich ein Wort von Bischof Kräutler sagen, was für mich immer ´ne Bedeutung gehabt hat: Armut ist nicht nur Besitzlosigkeit, Armut ist Ohnmacht ist Wertlosigkeit. Armut heißt: nicht haben, nicht sein, nicht können, nicht dürfen und da müssen die Veränderungen ansetzen.

Starke Worte und sofort setzt bei mir ein Reflex ein: Was könnte ich tun? Müsste ich mich engagieren, weil ich ein schlechtes Gewissen habe? Und - ist das die Motivation von Monika Orth - das Gefühl, sie müsste etwas tun? Sie lacht. Es könnte nach einer Floskel klingen, aber sie hat viel Freude bei Ihrer Arbeit. Und das nehm ich ihr wirklich ab:          

Ich bin schon mal operiert worden, da hatte ich meine Handy dabei, und das erste, da hat ein Obdachloser angerufen und hat gefragt: Doktor, hast du alles gut überstanden? Och so sinnlos auf der Terasse herum zu liegen, das wär jetzt nicht so mein Ding.

 

 

 

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