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SWR4 Abendgedanken

Mehr sehen, als es auf den ersten Blick scheint. Manchmal wäre das gut, glaube ich.
Der Künstler HA Schult jedenfalls tut es.
Da liegen Konservendosen, Kronkorken, Bierdosen und Altmetall.
Alles bunt gemischt auf einem Haufen. Manche Dosen sind eingedellt, andere platt gedrückt. Hier ist noch rot-weiß der Coca-Cola-Schriftzug zu sehen, dort erkennt man eine Würstchendose.
„Fünf knackige Bockwürste" steht drauf.
Es ist, was es ist: Ein unappetitlicher Haufen Müll.
Das was übrig bleibt, weggeworfen, weil es keiner mehr braucht.
Das was keinen zweiten Anblick lohnt.
Der Künstler HA Schult allerdings sieht das anders: In seinen Augen liegt in diesem Haufen Müll alles, was er braucht.
Er nimmt sich einen ganzen Arm voll zerdrückter Bierdosen und klebt sie mit Bauschaum zu einer Art Turm zusammen. Das macht er gleich zweimal.
Dann tritt er zurück und schaut sich an, was da entstanden ist. Es sieht aus, wie zwei Beine.
Dann greift er wieder in den Haufen und formt aus Dosen, Kronkorken, Drähten und Blechresten einen Oberkörper, zwei Arme, einen Hals und einen Kopf.
Zwei Dosenböden werden die Augen, ein Stück Blech der Mund.
Und fertig ist er: ein kunterbunter Schrottmensch, 1 Meter 80 groß.
Und er ist berühmt. Mit hunderten seiner Geschwister war er schon auf Reisen. Vor den Pyramiden in Gizeh, auf der chinesischen Mauer, in der Arktis und in Köln.
Und dort hat er Menschen zum Staunen gebracht. Mich auch.
Mit leuchtenden Augen mehr sehen, als es auf den ersten Blick scheint.
So wünscht es uns auch die Bibel:
Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. (Eph 1,18)
Seht euch um in der Welt mit diesen erleuchtenden Augen, die mehr sehen als ein erster Blick.
Und dann wird aus der zertretenden Coladose ein Stück eines Kunstwerks.
Dann wird aus einem Stück Blech ein lachender Mund.
Dann wird aus dem, was andere für wertlos halten, etwas Besonderes.
Dann bleibt nichts, wie es war.

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