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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wie halten das eigentlich Menschen aus, die im Hospiz arbeiten? Die sich täglich ehrenamtlich und beruflich auf unheilbar Kranke und Sterbende konzentrieren. Meine Schülerinnen und Schüler fragen das oft im Religionsunterricht.
Wie hält man das aus? Das habe ich vor kurzem einen Hospizarzt gefragt.
Er sagt: „Sich mit dem Tod und dem Sterben täglich zu beschäftigen, das belastet. Es ist  aber auch ein großes Geschenk. Es hilft, sich bewusst zu machen, wie begrenzt das Leben ist. Und man lernt, nur das wichtig zu nehmen, was wirklich wichtig ist. Das lernen wir von den Menschen, die im Hospiz ihre letzten Tage verbringen. Wir haben tatsächlich die großartige Chance, von ihnen das Leben zu lernen. So der Hospizarzt.
Seine Worte machen mich nachdenklich. Und ich frage mich: Was ist heute eigentlich wichtig? Ich meine, wirklich wichtig? Wäre es nicht schön, wenn ich heute mal nur wirklich wichtige Dinge tun würde? Heute nicht mal wieder im Trott einfach so meine Zeit verbrauchen: Aufstehen, Arbeit, Einkaufen, Essen, Fernsehen. Klar, so ein Trott, das ist auch ganz schön, aber das Leben bietet sicher noch mehr. All das wird mir bewusst, wenn ich mir vor Augen halte, dass meine Zeit begrenzt ist.
Ein arabisches Gedicht sagt: „Viele Menschen schlafen, solange sie leben. Erst wenn sie sterben, erwachen sie." Und mit Erwachen ist gemeint: Das Sterben macht uns die Schönheit des Lebens deutlich. Es lehrt uns, wach zu sein, für die Momente, für die es zu leben lohnt: Für die Liebe zum Beispiel, die Leidenschaft, eine gute Tasse Kaffee, miteinander kochen und essen in der Familie, zusammen lachen und auch miteinander Tränen vergießen. Das alles gehört zusammen, das alles ist kostbares Leben.
Der Psalm 90 sagt das so: Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.
Ich habe im Hospiz solch „kluge Menschen" getroffen: Die Angestellten, die Pflegekräfte, die Ehrenamtlichen und die Ärzte. Sie begegnen mir, als seien sie gereift an dem Sterben, das sie täglich begleitet.
Wenn ich das meinen Schülerinnen und Schülern erzähle, schaue ich immer in ganz wache Gesichter. Und wenn ich sie frage, ob sie selber mit mir mal ein Hospiz besuchen wollen, dann sind sie gerne dazu bereit. Das erstaunt mich immer wieder. Obwohl viele den Psalm 90 nicht gut kennen, haben sie seinen Sinn verstanden.
Gott, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

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