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SWR2 Wort zum Tag

„Drei Tugenden soll man Kindern einpflanzen, nämlich Liebe zur Wahrheit, Gehorsam und Fleiß." Wie ein modernes Erziehungsprogramm hört sich das zunächst nicht an. Das ist es auch nicht. Trotzdem lohnt sich das Hinhören. Denn dieses Programm stammt aus der Feder von August Hermann Francke. Er wurde heute vor 350 Jahren in Lübeck geboren. Eng verbunden ist Franckes Name mit der Stadt Halle an der Saale.
Vor 30 Jahren habe ich die Gebäude der Franckeschen Stiftungen zum ersten Mal besucht. Vom großen Einfluss auf Theologie, Pädagogik und Diakonie, der von hier einmal ausgegangen war, gab es da nur noch wenig zu spüren. Bei meinem letzten Besuch habe ich ein kleines Wunder der Veränderung wahrgenommen. Heute erstrahlen die Gebäude in neuem Glanz. Die verschiedenen Einrichtungen, die in den alten Gemäuern Raum gefunden haben, passen zu Francke. Klugheit und Gottseligkeit - so hat er selber einmal die Ziele seines Wirkens umschrieben. Beide Aspekte waren in Franckes Leben eng miteinander verbunden. Wissenschaft und Glaube - für Francke gehören sie ganz eng zusammen.
Als Francke 1727 mit 64 Jahren stirbt, gehen mehr als zweitausend Kinder in die verschiedenen Schulen, die er gegründet hat. Es sind Kinder aus armen, aber auch aus wohlhabenden Familien. Hochbegabt. Andere müssen gefördert werden. Es ist ein sehr ausgeklügeltes Schulsystem. Die Lehrkräfte werden darum auch eigens ausgebildet. Daneben gibt es eine Druckerei. Eine Buchhandlung und eine Apotheke. Franckes Welt in Halle. Sie ist das Modell einer neuen Stadt. Eine Stadt, in der vieles möglich ist, was die wirkliche Welt den Menschen vorenthält.
Fromm angefangen hat er nicht. Als er als junger Mann einen Vortrag über seinen Glauben halten soll, entdeckt er eher einen Atheisten in sich. Aber als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, erhält sein Leben mit einem Mal eine andere Richtung. Von der lässt sich Francke dann zeitlebens nicht mehr abbringen.
Aus heutiger Sicht bleibt mir auch vieles an ihm fremd. Disziplin und Druck sind für Francke wichtige Mittel der Erziehung. Hier bleibt Francke ein Kind seiner Zeit. Aufs Ganze gesehen ist sein Projekt aber bewundernswert und gibt Anlass zum Staunen. Es ist sein Glaube, der ihn zum Engagement bringt. Und dazu, sich auf den Weg in die Zukunft aufzumachen. Hier können wir viel von Francke lernen. Und weiterbauen. Weil er noch viel zu tun übrig gelassen hat.

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