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SWR2 Wort zum Tag

Leben wär' eine prima Alternative. Das sagt die Schriftstellerin Maxie Wander in ihren Tagebuchaufzeichnungen. Leben: eine Alternative - wozu? Zum bisherigen Leben, zu unerfüllten Wünschen und Träumen? Aber das Wort wär' lässt aufhorchen, weil diese Alternative nicht mehr möglich scheint. Leben heißt hier: dem Tod ins Angesicht sehen zu müssen. Maxie Wander leidet unter dem Wissen, sterben zu müssen. Es ist diese Diagnose Krebs, die einem Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht. Sterben müssen, das heißt Abschied zu nehmen von allem, was Leben war. Maxie Wander macht die Erfahrung der Einsamkeit im Leiden, wie schwer es ist loszulassen.
Die Einsamkeit des Leidens und Sterbens hat auch Jesus am Gründonnerstag durchleben müssen. Auch er hat - wie jeder Mensch - Angst vor dem Tod.
Zum letzten Mal hat er mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert, Brot und Wein mit ihnen geteilt. Ein letzter gemeinsamer Abend, der von Abschied und Trauer, Gefahr und Verrat bestimmt ist. Nach dem gemeinsamen Abendmahl geht Jesus mit seinen Jüngern zum Garten Gethsemane. Am Eingang des Gartens lässt er sie zurück und sagt zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.Bleibt hier, wacht und betet mit mir.
Aus meiner Erfahrung der Sterbebegleitung weiß ich, wie wichtig Nähe ist. Ich stelle mir vor, dass auch Jesus in der Auseinandersetzung mit dem Sterben die Vergewisserung braucht:die Freunde wachen, lassen mich nicht allein, sind mitleidend, auch wenn ich jetzt allein weitergehen muss.
Jesus geht in die Dunkelheit, die Einsamkeit. Er ist allein mit seiner Todesangst, seinem bedrohten Leben. Er betet, bittet Gott, fleht zu Gott, das dieser Kelch an ihm vorüber geht. Es ist der Schrei des Leidens, der Verzweiflung, den hier ein Mensch ausstößt. Als Jesus zurückkehrt, findet er die Jünger schlafend. Sie wachen nicht, lassen ihn mit seiner Angst und seinem Leiden allein.
Ich weiß, wie wichtig es für einen Sterbenden ist, nicht allein zu sein, einen Menschen mitwachend und mitempfindend bei sich zu wissen. Das hat auch Maxie Wander erfahren. Ihre Freunde lassen sich nicht vom Leid vertreiben, sondern wachen, beten und geben ihr so Kraft, den Tod anzunehmen.
Aber auch das Verzweiflungsgebet kann einen Menschen stärken. Ich denke, dass auch Jesus im Gebet die Kraft gewonnen hat, seinen Leidensweg zu akzeptieren. Er weiß sich im Vertrauen auf Gott geborgen, so dass er sagen kann: Es ist genug. Die Stunde ist gekommen.

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