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SWR2 Wort zum Tag

„Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und doch seine Seele verliert?" (Mt. 16,26) Dieser Satz blinkte mir als Spruch des Tages vor ein paar Wochen auf dem Bildschirm an einem Stuttgarter U-Bahnsteig entgegen. Ich finde es gut, dass so ein Satz mitten in den Alltag der Pendler und Schüler und Reisenden fällt. Irritiert hat mich nur die Autorenangabe. Da stand nicht: Matthäusevangelium, sondern: Mahatma Gandhi. Den finde ich auch gut, aber der Spruch ist nicht von ihm, sondern von Jesus. Ist es unverdächtiger, Mahatma Ghandi zu zitieren als die Bibel? Würde sich eine Werbeagentur dem Verdacht religiöser Manipulation aussetzen, wenn sie Bibelworte auswählen würde? Ich glaube, die freie Assoziation zur Autorenangabe passt zum sonstigen Gebrauch von biblischen Texten oder religiösen Anspielungen in vielen Werbungen: Fürs Blutspenden wird mit dem Satz „Mein Blut für dich" geworben. Das ist ein Jesus-Zitat, das in diesem Zusammenhang kaum mehr zu erkennen ist. Modedesigner bewerben ihre Jeansmarke mit Bildern, die das Abendmahl nachstellen, warum sie dieses Bild wählen, bleibt einem verschlossen, es sieht eben gut aus. Und dass etwas „himmlisch gut" ist oder mit Engeldarstellungen dieses oder jenes beworben wird, ist man auch schon gewöhnt. Das kann man schlimm finden, oder man kann sagen: Gut, dass biblische Bilder und Gedanken auf diese Weise im Alltag der Menschen vorkommen. So vorkommen, als hüllten sie sich gewissermaßen in ein Kleid, das ihnen eigentlich fremd ist und auch nicht immer gleich gut steht, aber ihnen die Möglichkeit gibt, auf eine neue Weise in der Gedanken- und Vorstellungswelt von Menschen spazieren zu gehen. Zum Beispiel dieses Wort Jesu, das den ganzen Tag auf dem U-Bahnhof-Bildschirm zu lesen war: „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und doch seine Seele verliert?" Wer diesen Satz vielleicht nicht nur einmal an diesem Tag liest, geht womöglich mit seinen Gedanken spazieren und überlegt: Was ist mir wirklich wichtig? Was tröstet mich und gibt mir Kraft? - Freundinnen und Freunde - Dass wir im Frieden leben und dass es bei uns keinen Krieg gibt - Wenn wir uns wieder vertragen haben nach einem Streit - Dass wir genug zu essen und ein Dach über dem Kopf haben - Wenn kein Unfall passiert ist, obwohl es gefährlich war - Glücksmomente und ein befreiendes Lachen -  Alles in Familie und Freundschaften, beruflichem und ehrenamtlichen Engagement, das spürbar und erlebbar macht: Hier bin ich am richtigen Platz. Das Wort Jesu wird zum Gedankenanstoß mitten im Pendleralltag. Darauf kommt es an.

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