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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Apostel Paulus hatte es schwer auf seinen Missionsreise. Besonders in Athen wollte ihm niemand zuhören. Niemand wollte etwas von dem neuen Glauben wissen.  Da entdeckte Paulus einen Altar mit der Aufschrift: Für einen unbekannten Gott. Und Paulus verkündete einfach: Dieser unbekannte Gott ist der Gott Jesu Christi. Aber die Athener ließen sich nicht überrumpeln und lehnten Paulus und seine Lehre weiterhin ab.
Athen war vor 2000 Jahren voll mit Statuen, Altären und Heiligtümern. Und es gab eine Menge Götter und Helden,  die für die verschiedensten Lebenssituationen und Gruppen zuständig waren, fast wie die Heiligen im Heiligenkalender. Eigentlich war Athen religiös rundum versorgt. Und trotzdem hatten die Athener noch einen Altar „Für einen unbekannten Gott". Sie rechneten  offensichtlich damit, dass es trotz der vielen Gottheiten noch etwas Weiteres, noch etwas Unbekanntes gab. Paulus musste mit seinem Vorschlag zwangsläufig scheitern, den Altar des unbekannten Gottes einfach dem Gott Jesu Christi zu weihen. Denn das wäre für die Athener nur ein weiterer bekannter Gott gewesen, sie aber wollten den Platz frei halten für den unbekannten Gott. Für den Gott ohne Namen und der ihr Wissen übersteigt.
Ich halte diese Haltung für außerordentlich modern. Wir definieren uns gern als Informations- und Wissensgesellschaft. Mit dem Internet halten wir dann die ganze Welt in Händen. Es gibt praktisch nichts Unbekanntes mehr für uns. Damit machen wir die Welt gerade einmal so klein, dass unser Wissen und das Internet sie fassen können. Und damit machen wir uns selbst auch klein - so klein, dass Einträge in facebook über unser Wohl und Wehe entscheiden - so wie früher die antiken Götter über das Schicksal der Menschen entschieden. Die Philosophen und Denker in Athen fanden einen Ausweg, indem sie mit dem Altar für den unbekannten Gott alle bekannten Götter relativierten und auf Normalmaß zurechtstutzten.
Ich glaube, dass es sich lohnt,  vielleicht keinen Altar, aber doch eine Tür oder ein Fenster für das Unbekannte offenzuhalten, das unser Denken und Wissen und das Internet übersteigt. Damit die Welt und die Menschen so groß, so unfassbar und faszinierend bleiben, wie sie sind. 

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