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SWR2 Wort zum Tag

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Jugendlicher am Weihnachtsfest und seinen Vorbereitungen Anstoß genommen habe. Verlogen kam mir das vor - fromme Tünche und friedenssäuselndes Süßholzgeraspel in einer Welt voll himmelschreiender Ungerechtigkeit. Dem wollte ich mich entziehen; wollte es selbst besser zur Deckung bringen.
Zunehmende Lebenserfahrung hat mich dann gelehrt, dass dies nicht so einfach geht. Mag es auch im kleinen Maßstab wenigstens teilweise gelingen, aufs Ganze gesehen bleibt diese Welt doch unfriedlich und ungerecht - bei allen Bemühungen um Weltverbesserung. Ich habe lernen müssen, dass es zum Leben in dieser Welt gehört, mit Ungerechtigkeit und Unfrieden auszuharren.
Die Propheten der Bibel haben immer wieder feierliche Anlässe zur Gelegenheit genommen, den Zorn Gottes über eine vom Menschen in Unfrieden und Ungerechtigkeit niedergetretene Welt auszugießen - mitten in eben diese Festtagsstimmung hinein. Propheten waren Störfälle, aber mit dem Ziel, mit ihren Störungen im Leben der Menschen etwas zu recht zu bringen.
Johannes der Täufer, der gewissermaßen in den „Vorabend" des Auftretens Jesu gehört, steht ganz in dieser Linie. Das Programm seiner Botschaft unterscheidet sich dabei inhaltlich wenig von demjenigen Jesu. Der Evangelist Lukas überliefert uns Sätze des Johannes, die auch Zitate aus der Bergpredigt Jesu sein könnten. Einer dieser Sätze lautet: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der tue ebenso." Im übertragenen und verallgemeinerten Sinn sagt Johannes: „Lernt die Kunst des Teilens!"
Besitz und Eigentum sind wohltuend. Mancher mag sie als erwirtschaftete Güter seiner eigenen Leistung zuschreiben. Nimmt man die ganze Wahrheit in den Blick, dann bleibt ein Gutteil daran Geschenk, Gabe, unverdientes Glück. Denn vieles ist bereits bedingt durch die mehr oder weniger günstigen Voraussetzungen, unter denen Menschen ihren Lebensweg beginnen. Die Kunst des Teilens entspringt deshalb weniger einem Akt der Gnade oder der Großzügigkeit. Sie entstammt vielmehr der Einsicht, dass durch das Teilen ein Ausgleich hergestellt werden kann. Wenigstens teilweise und im kleinen Maßstab werden die ungleich verteilten Ausgangsbedingungen im Leben von Menschen durch Teilen ausgeglichen.
Besitz und Eigentum sind wohltuend. Und sie sind segensreich, wenn sie auch denen zugute kommen, die besitzlos und ohne Eigentum sind.

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