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SWR2 Wort zum Sonntag

..., sich Gott verfügbar zu machen

„Die schönste Versuchung, seit es Schokolade gibt." So oder ähnlich spielt die Werbung mit dem Stichwort „Versuchung" und meint damit die kleineren oder größeren sinnlichen Verführungen, die wir zumeist darunter verstehen.  Jene Versuchungen aber, von denen uns die Bibel etwa in der Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste erzählt, beschreiben eine andere, eine sehr viel tiefer gehende Dimension. Hier geht es um die Versuchung schlechthin, die sich dann in all den vielen Versuchungen ausreizt: um die Versuchung, Hand an die Wirklichkeit Gottes zu legen, um, wie Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch ausführt,  „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, ... nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen."[1] Kurzum: Es geht um das Alles oder Nichts der Gottesfrage. Ein bisschen Gott gibt es nicht, wie es auch nicht ein bisschen Menschenwürde gibt. Im Extremfall heißt dies: Sich zum Herrn aufzuschwingen über Leben und Tod. Doch dann wäre letztlich alles nur noch ein Machtspiel dieser Welt. Von dieser einen Versuchung hängt alles andere ab.
In unserer hoch technisierten Welt stehen wir immer wieder vor grundlegenden Entscheidungen. Wir dringen in Grenzbereiche vor, in denen es grundsätzlich nicht nur um das Wissen und die Fähigkeit, dieses Wissen einzusetzen, geht, sondern um die ethische Entscheidung, ob ich das, was ich kann, auch verwirklichen darf. Bei uns wird aktuell die Frage nach der Erlaubtheit der Selektion von Embryonen und damit der bewussten Verwerfung von menschlichem Leben diskutiert. Es geht hierbei um den Ausschluss von schwerer oder schwerster Behinderung bei genetisch vorbelasteten Eltern durch die Anwendung der so genannten PID, der Präimplantationsdiagnostik. In Frankreich machte vor kurzem der erste Fall der Geburt eines Designer-Babys Furore. Dabei wurde derjenige Embryo ausgewählt, der genetisch am besten zu seinem älteren Bruder passt. Dieser leidet an einer äußerst schweren Bluterkrankung. Das neugeborene Kind hat übersetzt den Namen „Hoffnung" erhalten, weil sein Nabelschnurblut zur Stammzelltherapie des Bruders eingesetzt werden soll.
Menschlich lassen sich die Hoffnungen, die mit diesen Techniken verbunden sind, gut verstehen: die Hoffnung betroffener Eltern, nach leidvollen Erfahrungen mit Fehl- und Todgeburten ein gesundes Kind zur Welt bringen zu können. Die Hoffnung auf medizinische und therapeutische Fortschritte, die Hoffnung auf Heilung. Und doch hat all das seine abgründige Schattenseite. Mit jeder Auswahl steht der Mensch in der Gefahr, sich zum Herrn über Tod und Leben zu erheben. Eine Abgrenzung von schweren und weniger schweren Erbkrankheiten mündet letztlich immer in der willkürlichen Abwägung von lebenswerten und lebensunwerten Leben. Keiner weiß heute, welche Krankheiten morgen heilbar oder zumindest besser therapierbar sind. Menschen mit schweren Behinderungen fürchten, dass ein staatliches Urteil, das bestimmte schwere Erkrankungen als lebensunwert beurteilen würde, auch ihr Leben, ihre Daseinsberechtigung grundlegend in Frage stellt. Eltern behinderter Kinder könnten sich dem Unverständnis einer auf Optimierung bedachten Gesellschaft ausgesetzt sehen.
Der Glaube an Gott als Schöpfer der Welt und jedes einzelnen Menschen setzt dem Machbarkeitsstreben des Menschen Grenzen. Diese Grenzsetzung hat nichts mit Willkür zu tun, sondern basiert auf der Ehrfurcht vor dem Schöpfer und seiner Schöpfung. Gott ist der Garant für die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen. Ich persönlich sehe in der Präimplationsdiagnostik mit anschließender embryonaler Selektion eine große Versuchung, die eine zentrale Grenze verschiebt. Denn der Mensch hat nicht das Recht, über lebenswert und lebensunwert zu entscheiden und danach menschliches Leben auszuwählen. Auch wenn man die Anwendung der Methode auf wenige, scheinbar plausible Fälle eingrenzen will, bleibt das grundsätzliche Übertreten dieser Grenze. Wenn das Existenzrecht menschlichen Lebens jedoch in Frage gestellt werden darf, wenn in diesem grundlegendsten Punkt keine Sicherheit mehr besteht,  dann droht letztlich auch das ethische Fundament einer Gesellschaft ins Rutschen zu geraten.

 [1] Zitat aus: Joseph Ratzinger - Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Erster Teil, Freiburg 2007, 57.

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