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SWR4 Sonntagsgedanken

15MAI2022
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„Wie stellen Sie sich das eigentlich vor mit der Auferstehung?“ Das ist eine Frage, die mir oft gestellt wird. Ganz direkt erst von einem Schüler, der sehr daran interessiert war, was sein Religionslehrer dazu denkt; und wie er sich das mit der Auferstehung von den Toten erklärt, weil es eben für einen modernen aufgeklärten Menschen kaum zu erklären ist. Ich habe ihn fürs erste vertröstet, weil wir an einem anderen Thema waren, weiß aber, dass ich ihm die Antwort noch schuldig bin. Es kommt immer wieder vor, dass mich jemand in ein Gespräch verwickelt und von mir wissen will, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Und dabei deutlich macht, wie schwer es ihm fällt, sich vorzustellen, was da überhaupt kommen soll: danach. Und ich, als Pfarrer, müsse dazu doch etwas sagen können.

Ja, ich kann dazu etwas sagen. Ich muss ganz oft etwas dazu sagen, wenn ich am Grab eines Menschen stehe, oder wenn ich jemanden begleite, der im Sterben liegt. Aber ich kann nicht behaupten, dass mir das leicht fällt oder dass ich mich sicher dabei fühle. Es ist eher so: Je mehr ich schon dazu gesagt habe, was das sein könnte, die Auferstehung von den Toten, desto unsicherer werde ich. Jedenfalls ist es bei mir nicht so, wie hin und wieder behauptet wird, dass es mir leichter fällt zu glauben, je älter ich werde. Im Gegenteil. Dass da ein Wiedersehen sein könnte mit den Verstorbenen. Dass der Mensch nach seinem Tod bei Gott Ruhe und Frieden findet. Ich hoffe weiterhin, dass es so sein wird. Ich halte mich fest an der Hoffnung, wenn ich an meinen eigenen Tod denke. Aber der Brustton fester Überzeugung, der ist weg. Und offen gestanden halte ich das nicht mal für besonders schlimm. Schließlich geht es dabei um etwas, dass ich nicht hundertprozentig wissen kann. Wenn es um die Auferstehung von den Toten geht, ist womöglich Zurück-Haltung die beste Haltung. Die Ostergeschichten in der Bibel sind dafür das beste Beispiel. Als die Frauen ans Grab Jesu kommen und es leer finden, packt sie Angst und sie laufen davon. Keine Spur von Sicherheit. Der Jünger Thomas kann nicht glauben, was er sieht, was seine Freunde erzählen. Es dauert, bis er wenigstens eine kleine Ahnung davon bekommt, dass es nach dem Tod am Kreuz mit Jesus weitergeht. Und Maria Magdalena, die einen ganz besonderen Draht zu Jesus hatte. Sie durchfährt es wie ein Blitz, dass Jesus lebt, aber festhalten kann sie vom ihm nichts.

Wenn Jesus von den Toten auferstanden ist, dann bedeutet das etwas dafür, wie wir mit dem Tod umgehen. Sonst hätte der Glaube ja keinen Wert. Was wir von Gott sagen, muss etwas mit uns zu tun haben. Denn glauben, das kann man nicht in der Theorie, also indem man Behauptungen aufstellt. Glauben kann man nur, indem man mit Gott rechnet. Überall und immer, wo man eben gerade ist. Und dazu muss man „Ich“ sagen. Ich glaube, dass Gott mein Glück will; dass mir meine Sünden vergeben werden, wenn ich sie bereue; dass ich einmal auferstehen werde. Daran halte ich mich. Dafür bete ich. Dazu rufe ich den Namen Gottes an, wenn ich selbst nicht mehr weiter weiß. Dann finde ich Hinweise, wo das Leben über den Tod siegt. Wo ich Menschen begegne, die die Hoffnung nicht aufgeben, obwohl ihnen so viel Böses passiert ist. Nicht immer. Aber gar nicht so selten. Der Rest bleibt ungewiss und dementsprechend offen.

Ich vermute, das hat der genauso gesehen, der das letzte Buch der Bibel geschrieben hat, die Geheime Offenbarung. Er heißt Johannes und sagt immer wieder in seinem Buch ganz ausdrücklich „Ich“. Besonders eindringlich, als er am Schluss das niederschreibt, was er kommen sieht; wie er sich das vorstellt, was nach dem Ende kommt. Dann sagt er: Ich, Johannes, sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen[1]. Das ist also sein Bild, seine Vorstellung von dem, was bei der Auferstehung von den Toten geschieht. Wie wir uns bisher die Welt erklärt und das Jenseits vorgestellt haben, das ist alles passé, meint er. Weil alles ganz anders sein wird, radikal erneuert. Wörtlich sagt Johannes: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu[2]. Und wenn wir es uns nicht vorstellen können, dann brauchen wir uns dabei auch nicht abzumühen. Es genügt, wenn ich die Hoffnung nicht aufgebe. Erklären, womöglich haarklein, brauche ich nicht, was die Auferstehung bedeutet. Fragen und Zweifel sind erlaubt und gut. Und zu stammeln ist vielleicht das Einzige, was geht.  Mal sehen, ob das meinem Schüler genügt, wenn ich dann versuche auf seine Frage zu antworten, was sein Reli-Lehrer zur Auferstehung von den Toten sagt.

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[1] Offenbarung 21,1
[2] Offenbarung 21,4-5a

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