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SWR2 Wort zum Tag

01OKT2022
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Ich kann es kaum glauben, dass eine christliche Heilige so denkt. Die heilige Therese von Lisieux schreibt in ihren Briefen: „Wenn Sie wüssten, in welche Finsternis ich versunken bin! Ich glaube nicht an das ewige Leben. Mir scheint, daß es nach diesem sterblichen Leben nichts mehr gibt.“ So schreibt sie es und ich bin überrascht, weil ich von einer Heiligen nicht erwartet hätte, dass sie so offen von ihren tiefen Zweifeln spricht.

Die heilige Therese ist 1873 in Frankreich geboren. Sie ist sehr fromm und sehr entschlossen. Schon mit 14 Jahren will sie unbedingt ins Kloster eintreten. Aber Nonne werden war auch damals nicht erlaubt in diesem Alter. Therese gibt aber nicht auf, sondern schreibt einen Brief an den Papst. Sie erreicht, dass sie mit einer Sondererlaubnis mit 15 Jahren ihre Probezeit im Kloster beginnen kann. Das klingt sehr nach einer überzeugten jungen Frau, die weiß, was sie will. Das hat sie auch im Kloster weiterhin so gelebt und zum Beispiel gegen den Widerstand der anderen erreicht, dass sie sich als Frau theologischen Studien widmen darf. Sie wird jedoch bald schon tuberkulosekrank und stirbt mit nur 24 Jahren.

Ihre Anhänger stellen sie gerne so dar, als ob sie nie gezweifelt hätte. Obwohl sie kurz vor ihrem Tod diese Worte schreibt: „Ich glaube nicht an das ewige Leben. Mir scheint, daß es nach diesem sterblichen Leben nichts mehr gibt.“

In meinen Augen machen diese Zweifel sie gerade erst recht stark und glaubwürdig. Ich kenne das ja auch. Wenn ich mir Sorgen um meine Gesundheit und mein Glück mache, oder wenn ich die Kontrolle für mein Leben aus der Hand geben muss, da bin ich stark am Zweifeln. Ich weiß, wie sich die Sorge anfühlt, dass mein Leben unglücklich verlaufen kann, und ich dann das Gefühl habe, Gott hat mich verlassen. Wenn ich so denke und fühle, zeigt das aber nur meine menschliche Seite, meine Zweifel und meine Gefühle.

Ich vermute, dass das bei Therese von Lisieux den Unterschied macht. Das, was ich fühle und denke, und das, was wirklich ist, kann ja unterschiedlich sein. Wenn ich mich von Gott verlassen fühle, heißt das ja nicht, dass er mich verlassen hat. Sondern, dass ich ängstlich und in Sorge bin und mir Gottes Nähe wünsche. Was ich fühle, sagt etwas über mich aus, nicht über Gott oder darüber, ob er mir nah oder fern ist.

Deshalb will ich wie Therese von Lisieux auch in schwierigen Zeiten um mein Gottvertrauen ringen. Ich finde es ermutigend, wenn sie nach all ihren Zweifeln noch schreibt: „Es bleibt mir nicht mehr als die Liebe“. Und das ist ja ganz schön viel.

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30SEP2022
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Winnetou, der Apachenhäuptling ist zum Streitpunkt geworden. Die einen finden die Geschichten von Winnetou spannend und sehen ihn als einen Helden und als Vorbild für Mut und Freundschaft – so habe ich ihn als Kind auch immer gesehen – die anderen sehen Winnetou als einen Vertreter der indigenen Völker, die von den weißen Eroberern nicht als Freunde behandelt, sondern ausgebeutet wurden. In Wirklichkeit waren sie ja keine „Blutsbrüder“ der Weißen, sondern die weißen Einwanderer haben sie wirtschaftlich ausgebeutet, ihnen das Land weggenommen, sie in Reservoirs gesteckt und sie so ausbluten lassen. Wenn ich mir das bewusst mache, ist Winnetou wirklich eine Verharmlosung. Er wird als Held dargestellt und steht doch eigentlich für die Opfer. Das wirkt, als ob man die indigenen Völker zum zweiten Mal ausbeutet, weil man so tut, als würde man ihre Kultur verstehen, gut finden und vielleicht sogar schützen und bewahren. Nachdem man sie aber eigentlich schon fast vernichtet hat.

Und trotzdem tue ich mich schwer damit, alles an Winnetous Heldentum schlecht zu finden. Für mich ist dieser erfundene Held, der mich mit seinem Mut und seinem Einsatz für Freunde anspricht, das eine. Das andere ist die Tatsache, dass die Weißen sich den Apachen überlegen fühlen, sie unterdrücken und sie gleichzeitig als romantische Helden darstellen.

Diesen Konflikt gibt es generell, wo Menschen mit Menschen aus anderen Kulturen umgehen. Erst recht, wenn ich auf meine christliche Religion schaue. Ich weiß gar nicht, was übrigbleiben würde, wenn ich alles streichen würde, was die frühen Christen aus anderen Kulturen geklaut haben, um sich damit über sie hinwegzusetzen: Weihwasser und Weihrauch, Weihnachten und der Christbaum – das und vieles mehr kommt aus anderen Kulturen. Die Christen waren fast 2000 Jahre lang geradezu Meister darin, sich bei anderen Kulturen zu bedienen, um den eigenen Glauben leben zu können.

Sich an anderen Kulturen bedienen und sie ausnutzen, um die eigene zu stärken – ich finde es wichtig, dass wir darüber diskutieren, wie z.B. bei Winnetou. Da braucht es viel mehr Sensibilität und Respekt.

Ich finde es wichtig, dass wir darauf achten. Es könnte ja dazu helfen, anders mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen. Wenn wir mit ihnen so in Kontakt kommen, dass wir uns gegenseitig mit dem bereichern, was gut ist, ohne die anderen zu unterdrücken, dann könnte das doch auch ein Weg sein, wie die Menschen aus allen Kulturen zusammenwachsen und friedlich zusammenleben.

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29SEP2022
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Es fällt mir manchmal schwer, an das Gute im Menschen zu glauben. Wenn ich zum Beispiel an den Mord in Münster beim Christopher Street Day denke. Da hasst einer so sehr andere Menschen, dass er lesbische Frauen anpöbelt und einen transsexuellen Mann totschlägt, der ihnen zu Hilfe eilt. Oder wenn ich lese, wie barbarisch sich Soldaten in der Ukraine verhalten.

Diese Nachrichten machen mich wütend. Meine Wut führt eines Tages dazu, dass ich womöglich schlecht handle. Das löst bei anderen aber wieder Rachegedanken aus. Sie werden sich vermutlich stärker wehren. Und jedes Mal fällt die Reaktion heftiger und aggressiver aus.

Dieser Dynamik will ich mich entgegenstellen und mich am Guten orientieren. Es bringt mich ja auch nicht weiter, wenn ich an Rache denke oder mich vom Hass anstecken lasse. Als Christ schon gar nicht. Denn als Christ geht es mir ja auch darum, dass ich hoffe, dass Gott letzten Endes alles zum Guten führen wird. Das heißt, dass ich mich darauf verlasse, dass er als der Höchste über dem Guten und dem Bösen steht. Über beidem. Dass Menschen sich für das Böse entscheiden, ist Teil ihrer Freiheit. Und ich entscheide frei, ob ich meine Wut in den Griff bekomme oder ob ich sie auslebe.

In dieser Situation bitte ich Gott, dass er mich führt. So kann ich die Bitten im Vater Unser ja auch verstehen „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Ich bitte Gott, dass ich eben nicht von meinem Weg abkomme, wenn solche negativen Gefühle in mir aufkommen.

Mir hilft dazu ein altes Gebet, in dem der Erzengel Michael angerufen wird: „Heiliger Erzengel Michael, beschirme uns im Kampfe gegen die Bosheiten und Nachstellungen der bösen Feinde.“

In der christlichen Tradition ist der Erzengel Michael der, der im Auftrag Gottes das Böse überwindet. Wenn ich merke, dass meine Gedanken mehr um das Böse als um das Gute kreisen, und um das, was Menschen sich gegenseitig antun, dann bete ich dieses Gebet. So bekomme ich ein bisschen Abstand zu meiner Wut und zu diesen Leuten. Und ich bete dafür, dass sie sich zum Guten wenden. Das rückt meine Wut und meine Rachegedanken noch weiter in die Ferne. Und meine Gedanken sind bei Gott und der Vorstellung, dass das Gute über allem steht.

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28SEP2022
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Es gibt viele Gründe, sich zu fürchten. Der Krieg in der Ukraine. Das immer noch grassierende Virus. Explodierende Preise. Dürre. Ein kalter Winter.

Die Furcht selbst ist zudem ein Problem. Furcht macht Stress. Macht krank. Wer sich fürchtet, der trifft schlechte Entscheidungen. Furcht verhindert, dass ich das Leben gut bewältigen kann.

Deswegen hilft nur eins: Ich muss mich meiner Furcht stellen. Muss genau sehen, was das ist, das mich fürchten lässt. Und muss Wege aus der Angst suchen. Wie das geht? Mir hilft der Blick in die biblischen Geschichten. Da heißt es nämlich oft: Fürchte dich nicht. Und das ist mehr als ein Satz. Denn die biblischen Texte machen auch deutlich, wie das geht, sich nicht zu fürchten.

Da ist zum Beispiel Maria, die ein Kind bekommen soll. Das kann auch ganz schön ängstigen. Und was macht Maria? Sie besucht Elisabet, mit der sie verwandt ist. Auch sie erwartet ein Kind. Die beiden verbringen Zeit miteinander, erleben: Geteilte Furcht ist halbe Furcht. 

Da sind zum Beispiel die Hirten in den Weihnachtsgeschichten. Die haben ganz handfeste Angst. Ihre Schafherden sind bedroht. Durch Raubtiere, Dürre, unwegsames Gelände. Sie sehen Licht in einem Stall. Laufen hin, erleben die Geburt eines Kindes. Und vergessen darüber ihre Angst. Sie erfahren: Es lohnt sich, auf das zu sehen, was Zukunft verspricht. Das macht die Angst kleiner.

Die biblischen Texte sind dabei alles andere als naiv. Leben bleibt bedroht. Es kann Schlimmes passieren. Menschen können sterben. Vielleicht auch deswegen sind die alten Geschichten auch was für heute. Weil sie beides kennen: die Furcht und die Schritte aus der Furcht heraus. Dafür machen sie Vorschläge. Angst wird kleiner, wenn sich Menschen der Furcht stellen. Wenn sie anpacken, was man anpacken kann. Wenn sie neue Wege ausprobieren, weil die alten in Sackgassen führen. Wenn sie solidarisch sind mit denen, die in Krieg und Not und Verfolgung leben. Wenn sie teilen, was sie haben: Essen und Wohnung, Geld und Nähe, Worte und Zeit. So kann Gott auch erfahren werden: Wenn durch Menschen die Angst kleiner wird. Wenn der Satz „Fürchte dich nicht!“ wahr wird.

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27SEP2022
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Pflege in Altenheimen, Schuldnerberatung, Suchthilfe, Schwangerenberatung, Unterstützung für Gehandicapte, Tafeln für Bedürftige - die Liste lässt sich beliebig verlängern. All das und vieles mehr läuft unter dem Begriff der Caritas. Ein lateinischer Begriff, der für die christliche Nächstenliebe steht. Klar, viele staatliche Institutionen übernehmen heute solche und andere Hilfeleistungen. Aber es waren und sind gerade Christinnen und Christen, die zeigen: Der Glaube ist praktisch. Glauben heißt, sich für andere einzusetzen. Gerade für die, die Unterstützung und Solidarität brauchen.

Einer von ihnen war Vinzenz von Paul. Heute vor über 360 Jahren ist er in Paris gestorben. Vinzenz war französischer Priester und gilt als Begründer der neuzeitlichen Caritas. Vor allem, weil er die Fürsorge für Arme und die Krankenpflege auf eine breite Basis stellt. Sein Leitsatz: „Liebe sei Tat.“

Dabei hat der französische Priester zunächst ganz anderes im Sinn. Vinzenz von Paul führt ein spektakuläres Leben: Nach Theologiestudium und Priesterweihe reist er durch die Welt. Er wird von Piraten gefangen genommen, als Sklave verkauft. Jahre später wird er befreit. Doch sein Leben ist da bereits aus den Fugen geraten. Er gerät in eine persönliche Krise, das Ziel des eigenen Lebens verschwimmt. Und dann begegnet Vinzenz in Paris einer Vielzahl von Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen: Arme, Alte, verwaiste Jugendliche, gehandicapte Menschen. Für sie setzt er sich ein, sammelt Mitstreiter um sich. Er gründet eine Pflegeanstalt. Er versteht, dass psychisch Kranke keine Irren sind, sondern Hilfe brauchen. Heute gilt er als einer der ersten, die psychiatrisch arbeiten. Vinzenz von Pauls Ideen breiten sich aus. Die moderne Caritas und ihre Einrichtungen gehen auf ihn zurück. Aber sein Leitsatz „Liebe sei Tat“ kann für alle Situation gelten. Überall da, wo Handeln gefragt ist.

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26SEP2022
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Aktion T4. Klingt nüchtern. Doch dahinter verbirgt sich der brutale und systematische Massenmord an etwa 70.000 Menschen in der NS-Zeit. Ziel der Aktion T4 sind gehandicapte und psychisch kranke Menschen. Sie werden getötet, weil sie als unwertes Leben gelten. Im Hintergrund steht die krude, nationalsozialistische Idee von der 'arischen Rasse'. Der „deutsche Volkskörper“, so die Nazisprache, sollte stark und gesund sein. Und alles, was dieser Ideologie nicht entsprach, sollte vernichtet werden. Schon ab 1933 werden Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten zwangsweise sterilisiert, dann Eheschließungen mit gehandicapten Menschen verboten. Am Ende steht die Tötung von Menschen in Psychiatrie oder Pflegeeinrichtungen. Der Rassenwahn der Nazis macht auch vor Säuglingen und Kindern nicht Halt.

Doch es gibt auch Widerstand gegen diese barbarische Aktion. Neben Eltern der Betroffenen sind das vor allem evangelische und katholische Priester und Bischöfe. Fast alle Kirchenleute aber protestieren nur nach innen. Öffentlich tritt kaum einer auf. Heute, vor fast 80 Jahren, aber wurde in allen katholischen Kirchen in Deutschland ein Brief der Bischöfe verlesen. Das Thema: Die Zehn Gebote. Darin werden die Bischöfe deutlich: Sie verurteilen jede Tötung, „an schuld- und wehrlosen Geistesschwachen und -kranken, an unheilbar Siechen und tödlich Verletzten, an erblich Belasteten und lebensuntüchtigen Neugeborenen, […].“

Aufhalten kann auch dieser Text die rassenideologisch verblendete Ermordung von Unschuldigen nicht. Aber die Bischöfe machen - endlich - deutlich, wo sie stehen.

Die Kirchen haben sich in nationalsozialistischer Zeit lange Zeit uneindeutig verhalten, waren hin- und hergerissen zwischen Glauben und Loyalität zum Staat. Hier aber machen sie klar: „Tötung ist in sich schlecht, auch wenn sie angeblich im Interesse des Gemeinwohls verübt“ wird. Grundlage dafür sind eben die Zehn Gebote mit ihrem Tötungsverbot. Aus ihm leiten die Bischöfe das allgemeine Lebensrecht ab. Eine Begründung, die bis heute Bestand hat und wichtig ist.

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