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Die SWR1 Begegnungen mit Sabine Winkler und „Pfannkuchenbenni“.
So nennt sich Benni nämlich auf der Social Media Plattform Instagram. Benni ist 17, geht in die 11. Klasse und seine Instagram-Videos erreichen auch mal über 100.000 Aufrufe. Finde ich beeindruckend, denn mit seinem Thema holt man normalerweise nicht so viele Leute ab. Benni beginnt nämlich seine Beiträge meistens mit: „Hey, ich bin Benni, ich bin Christ.“
„Also, ich rede über Glaube im Alltag, über Politik, was das damit zu tun hat, über Ehrenamt, über Engagement, über diese ganzen Dinge.“
Benni spricht offen über sein Christsein, hinterfragt und setzt sich kritisch damit auseinander. Er kommentiert, wenn Politiker sich auf Nächstenliebe berufen oder widerspricht christlichen Influencern, wenn sie mit der Bibel begründen, was erlaubt ist und was Sünde ist.
Benni wehrt sich immer dann, wenn Leute behaupten, sie wüssten ganz genau, wie Christsein „richtig“ ist – und dafür bekommt er dann regelmäßig Hasskommentare.
„Was ich total schade finde, weil es für mich auch zu meinem Glauben gehört, mal zu hinterfragen, was ich da eigentlich glaube oder wie ich glaube oder wie ich die Bibel lese. Und ich würde mir echt wünschen, dass das andere auch mal machen würden, ohne gleich pauschal in die Kommentare zu gehen und zu schreiben: ‚Ey, halt doch mal die Fresse.‘“
Wenn Benni über seine Erfahrungen in Social Media spricht, dann macht ihn vor allem eine Sache ziemlich nachdenklich:
„Also ich finde es krass zu sehen, dass Leute, wo ich mir denke ‚Ey,wir sind in derselben Generation und eigentlich glauben wir an denselben Gott‘, in manchen Meinungen und manchen Punkten so weit auseinandergehen von dem, was ich glaube. Aber ich kann es schon verstehen, weil es oft einfach mit der Lebenswelt der Menschen zusammenhängt“
Ich hab den Eindruck, dass er mit 17, schon gut einschätzen kann, warum er als junger Mensch heute offen und reflektiert ist:
„Also ich habe das Glück, Eltern zu haben, die mit mir über solche Dinge diskutieren, über politische Themen, über gesellschaftliche Themen, über Glauben offen reden und das auch versuchen, differenziert zu machen. Und ich glaube, wenn sowas wegbricht, dann suchen Leute aus meiner Generation nach eindeutigen Antworten.“
Das erlebt Benni ganz konkret auch in seinem Freundeskreis. Nicht nur beim Thema Glauben, sondern vor allem auch, wenn es um Politik geht. Da gibt’s dann manchmal einen Punkt, wo diskutieren nichts mehr bringt, sagt er. Weil jeder bei seiner Meinung bleibt. Aber dann wechselt man den Ort und bleibt trotzdem im Gespräch:
„Wir machen es dann in der Garage, bei einem Bier. Und das ist auch okay. Und ich finde es so viel schöner, dass man sich einfach mal zusammensetzen kann und normal reden kann.“
Je länger wir reden, desto klarer wird mir: Benni geht es nicht zuerst um Streitfragen., sondern um das, was ihn trägt.
„Also für mich ist Glaube viel in dem, was ich tue. Auch einfach jeden Tag aufzustehen und mir zu denken: okay, ich kann heute was Gutes tun, ich kann mich irgendwo engagieren, ich kann was machen und Leuten eine Freude bereiten.“
Das klingt nicht nach großen Worten. Sondern nach etwas, das sich im Alltag bewähren muss. Auch sein Gottesbild bleibt nah an konkreten Erfahrungen.
„Für mich ist Gott da, wo die Menschen sind. Und das ist, wenn ich was in der Schule mache, wenn ich in der Gemeinde engagiert bin, aber auch, wenn ich mit meinen Freunden feiern gehe… - überall da habe ich das Gefühl, da ist so eine Verbundenheit da, mit den Menschen und damit auch mit Gott.“
Benni ist gern mit Menschen gemeinsam unterwegs. Das klingt für mich nicht nach jemandem, der gesehen werden will, kein digitaler Influencer. Benni ist viel mehr jemand, der etwas bewirken will.
„Die Firmvorbereitung war so langweilig, dass viele Freunde von mir danach gar nicht mehr in die Kirche gegangen sind und auch überhaupt keinen Bock mehr hatten und ich mir halt gedacht habe: okay, eigentlich will ich nicht, dass es so langweilig bleibt.“
Dieses „Ich will nicht, dass es so bleibt“ treibt Benni an und er engagiert sich: In der Schule, in der Kirchengemeinde, im Jugendgemeinderat, in einer Kinderstiftung.
„Mein Glaube entsteht viel aus den Dingen, die um mich herum sind. Deswegen bekomme ich auch mit, wo es Leuten in unserer Gesellschaft schlecht geht, wo große soziale Probleme sind. Und ich glaube, dass so was mich in meinem Glauben prägt.“
Für Benni ist dieser Glaube aber nicht immer selbstverständlich:
„Wer ist Gott? Wo ist er überhaupt? Ist Gott gut oder schlecht? Wie spüre ich Gott? - Es kommt immer wieder vor, dass ich auch mal an meinem Glauben zweifle und mir denke: Ich kann eigentlich gerade überhaupt nichts damit anfangen.“
Ich frage mich, ob genau dieses An- und Hinterfragen, das ist, was Gespräche offen hält - auch jenseits von Social Media.
Ein Thema, dass in unserem Gespräch immer wieder auftaucht: Der Blick zwischen den Generationen.
„Ich finde es eigentlich immer spannend, alten Leuten zuzuhören, die noch was zu sagen haben. Weil auch wenn ich politisch vielleicht nicht immer einer Meinung mit ihnen bin, gibt es dann doch immer wieder so ein, zwei schöne Sätze aus einem Gespräch, die hängen bleiben.“
So geht es Benni auch mit seinem Opa. Er spricht viel mit ihm über den Glauben. Auch wenn sein Opa in manchen Punkten konservativer ist als Benni:
„Ich glaube, dass mein Opa und ich das ziemlich gut hinkriegen, weil wir eher sagen können: Okay, wir reden jetzt über soziale Gerechtigkeit, über Armut, über was auch immer und teilen da Positionen. Und deswegen schauen wir nicht auf die Punkte, in denen wir uns absolut uneinig sind, sondern da, wo wir sagen, okay, da sind wir beide dafür und kümmern uns darum vielleicht eher.“
Benni zeigt Mut. Mir imponiert, wie er seinen Glauben offenhält – für Fragen und für den anderen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43815Ich bin Pfarrerin Barbara Wurz – heute im Gespräch mit Martina Rudolph-Zeller. Seit mehr als 10 Jahren leitet die studierte Sozialpädagogin die Stuttgarter Telefonseelsorge. Ihre Erfahrung aus diesen Jahren: Kein Mensch kommt unbeschadet durchs Leben: ohne Brüche, ohne auch mal zu scheitern. Und damit solche Lasten nicht zu groß werden, dafür ist die Telefonseelsorge da.
Jeder kann Telefonseelsorge nutzen, jeder kann die Telefonnummer wählen. Wir sind so ein offenes Angebot. Wir fragen nicht nach der Krankenkasse, wir fragen nicht nach der Versicherung. Es kostet kein Geld
Als ich Frau Rudolph-Zeller frage, wie viele Anrufe sie und ihr Team pro Tag bewältigen können, bin ich schier überwältigt:
Circa 40 pro Tag. Insgesamt führen wir pro Jahr über 13.000 Gespräche, ungefähr 1500 Chats und sind im Kontakt mit 1500 Menschen per Mail.
Und das allein im Großraum Stuttgart. Sehr viele Menschen suchen den Kontakt, weil sie sich einsam fühlen. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die – neu nach Stuttgart zugezogen – einfach keinen Anschluss gefunden hatte.
Wir haben gemeinsam überlegt, welche Möglichkeiten sie noch finden kann, welche Hobbys sie hat und welche Vorlieben und wo sie noch mal schauen kann, welche Gruppe es da noch gibt. Hier in der neuen Stadt. Und die ganz gestärkt und hoffnungsvoll aus dem Gespräch ging, in der Kraft, sich wieder neu doch auch dem Thema zuzuwenden und nicht aufzugeben.
Die Menschen wechseln ihren Wohnort und damit ihr soziales Umfeld viel häufiger als früher, meint Rudolph-Zeller. Gleichzeitig bleibt der Austausch über Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram eher oberflächlich.
Die tragfähigen Beziehungen, die sind rar. Menschen zu haben, mit denen man wirklich über die Dinge sprechen kann, die einen im Tiefsten berühren und nicht nur oberflächlich Smalltalk führen. Da gibt es einen hohen Bedarf und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Mangel.
Wer einsam ist, ist auch mit seinen Sorgen und Ängsten allein. Das kann hilflos machen. Und dann kann es passieren, dass diese Hilflosigkeit umschlägt in Wut und Aggression. Auch davon bekommen die Ehrenamtlichen an den Apparaten der Telefonseelsorge einiges ab.
Wir hören vor allem zu. Wir versuchen auch nachzuvollziehen und zu verstehen: Wie kommt es zu dieser Haltung? Ganz oft hören wir dann von viel Ungerechtigkeit, die erlebt wurde im Leben. Das Gefühl: alle kriegen und ich krieg nix oder ich komme zu kurz, es geht über mich hinweg. Keiner sieht mich, keiner nimmt Rücksicht.
Der Bedarf nach einem offenen Ohr und einem persönlichen Gespräch ist groß. Und um dem gerecht werden, ist das Team der Telefonseelsorge beständig auf der Suche nach Nachwuchs.
Zusammen mit ihrer Stellvertreterin und einer 50%-Honorarkraft betreut sie 120 Ehrenamtliche, die sich in der Stuttgarter Telefonseelsorge engagieren. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, für die die Ehrenamtlichen gut ausgebildet und sorgfältig ausgewählt werden.
Man muss sich bei uns bewerben. Wir führen, Kennenlerntage durch, wir nehmen uns richtig Zeit miteinander, führen Einzelgespräche: Wie stabil ist die Person, wie gut hat sie auch die Dinge, die sie erlebt hat, verarbeitet? Welche Motivation hat die Person, dieses Ehrenamt auch zu machen?
Diejenigen, die schließlich ins Team kommen, erwartet eine Tätigkeit, die fürs eigene Leben sehr bereichernd ist.
Ehrenamtliche sagen, dass sie eine Gemeinschaft gefunden haben. Ganz viele sind sehr beglückt über die sinnhafte Tätigkeit und viele sagen, sie selber haben sich auch ein bisschen verändert und können ihre Themen, Konflikte besser angehen
Trotzdem gehen die Sorgen und Nöte der Menschen nicht spurlos an den Ehrenamtlichen vorbei. Regelmäßig treffen sie sich deshalb in Kleingruppen zur Supervision um das Erlebte aufzuarbeiten. Und auch Einzelgespräche sind jederzeit möglich:
Wir haben hier eine Mitarbeiterin, die ein Einzelgespräch bei mir suchte. Ihr Mann war plötzlich verstorben, schon vor einigen Jahren. Und sie dachte, sie hätte es gut verarbeitet. Und dann hat sie am Telefon eine trauernde Frau gehabt, die ihren Mann verloren hat. Und sie war sehr konfrontiert mit ihrer eigenen Trauer, die sie richtig überschwemmte in diesem Gespräch. Und das musste sie erst mal für sich wieder verarbeiten.
40 Telefonate gehen bei der Stuttgarter Telefonseelsorge täglich ein. Der Bedarf wäre sogar noch größer, aber dazu fehlen schlicht und ergreifend die Mittel. Neben der Finanzierung durch die evangelische Kirche und die Stadt Stuttgart ist die Telefonseelsorge jetzt schon auf Spenden angewiesen, und wie die Arbeit auch in Zukunft solide finanziert werden kann, ist ungewiss.
Martina Rudolph-Zeller jedenfalls will den Menschen Mut machen, zum Hörer zu greifen und die 0800 111 0 111 zu wählen, wenn die Sorgen übergroß geworden sind, oder Einsamkeit und Angst nach der Seele greifen. Und sie unterstreicht: die Sehnsucht nach einem offenen Ohr ist konfessionslos:
Es gibt Menschen, die sich bei uns melden, xie hadern mit Gott, die sagen Warum lässt Gott das zu, dass es mir schlecht geht? Wie kann Glaube mir helfen? Und es gibt aber auch Menschen, da ist das Thema Glaube und Gott und Kirche überhaupt gar kein Thema. Die sind ganz in ihrer Situation und suchen jetzt eine Gesprächspartnerin, die für sie da ist und mit ihnen nach einer Lösung und nach einer Erleichterung sucht und auch nach einem Trost.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43796
In der Nähe von Aschaffenburg lebt er. Dort habe ich ihn besucht. Kurz vor Weihnachten hat er ein Buch veröffentlicht, das mich berührt hat. Interviews mit palästinensischen Christinnen und Christen im von Israel besetzten Westjordanland. Menschen, deren Familien als Nachkommen der Urchristen schon seit biblischer Zeit im Heiligen Land leben. Tief berührt hat mich ihr Glaube. Ihre Ablehnung von Gewalt und ihre Hoffnung auf Frieden. Trotzdem überlegen viele, ihre Heimat zu verlassen.
Johannes Zang, selbst gläubiger Christ, der auch Hebräisch und Arabisch spricht, hat mehrere Jahre in Bethlehem und Jerusalem gelebt.
In der Zeit, habe ich überwiegend mit palästinensischen Christen zusammengearbeitet, und ich glaube, dass ich in mindestens hundert christlichen Häusern war, zum Mittagessen eingeladen, zum Abendessen, zum Tee, habe mit ganz vielen sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet und ich habe erlebt, wie viele von denen verzweifelt weggegangen sind. Und ich habe gedacht, ich muss diese Menschen zu Wort kommen lassen, bevor sie in Berlin und Stockholm und Paris sind.
Viele dutzend Male hat er Israel bereist, hat Pilgergruppen durchs Land geführt, Friedensaktivisten auf jüdischer wie palästinensischer Seite getroffen. Was das Leben der palästinensischen Christen, und auch der Muslime, unter der Besatzung so schwierig macht, beschreibt er so:
Als ich im April 25 dort war in diesem kleinen Gebiet, also das ist viel kleiner als Baden-Württemberg, viel kleiner als Rheinland-Pfalz, standen da über 800 Sperren des israelischen Militärs, teils bemannt, teils unbemannt. Und man kann sich vorstellen, was das für den Weg zur Uni, den Weg zum Krankenhaus, den Weg zu Verwandten, den Weg zum eigenen Olivenhain bedeutet.
Einer seiner palästinensischen Gesprächspartner aus Bethlehem etwa …
… der hatte einen Arzttermin in Ramallah. Luftlinie 20 Kilometer, Fahrstrecke ein bisschen mehr. Der Arzttermin hat keine halbe Stunde gedauert und er war von 7:30 Uhr morgens bis 23:00 Uhr abends unterwegs.
Doch da ist noch mehr, das sie zermürbt. Neben der Gewalt durch Soldaten und militante Siedler auch ihre wirtschaftliche Lage, die sehr schwierig ist.
Die Christen leben halt sehr stark von Pilgern und Touristen. Schon immer traditionell als Hotel und Restaurantbesitzer, als Souvenirhändler, als Olivenholzschnitzer.Und erst waren die bitteren Jahre der Coronazeit, wo so gut wie keiner kam und jetzt eben schon wieder über zwei Jahre Krieg.
In denen ihre Einkünfte praktisch weggebrochen sind. Ich merke, das simple Schwarz oder Weiß, Israel oder Palästina, das oft die Emotionen hier beherrscht, wird der komplexen Realität nicht gerecht. Und, es ist immer gut, den Menschen vor Ort zuzuhören. Ihren Geschichten, ihren Ängsten und ihren Hoffnungen.
Mit Sicherheit gibt es auf beiden Seiten Traumata. Und ganz viele Vorurteile. Ich kenne diese Thematik eigentlich sehr gut und muss trotzdem sagen, immer wieder entdecke ich eine neue Facette. Und die Bewunderung für die, die dort bleiben. Die Bewunderung wird immer größer.
Seine tiefe Liebe zu Land und Leuten merke ich ihm an. Den Anstoß dazu haben vor vielen Jahren seine Eltern gegeben, als er nach einem abgebrochenen Theologiestudium nicht recht wusste, wie es weitergehen soll. Sie schlugen ihm eine Auszeit vor. Als Erntehelfer in Israel.
Das war im Dezember 85, kurz vor Weihnachten. Ich wusste nichts über die Hintergründe und war dreieinhalb Monate in einem Kibbuz im Süden, Be‘eri, Und da war ich die ersten dreieinhalb Monate meines Aufenthalts, der dann doch länger als ein Jahr war, weil ich mich in das Land, die Leute, in die Landschaften verliebt habe. Seitdem lässt mich die Region nicht mehr los.
Es war übrigens jener Kibbuz, der Jahrzehnte später beim Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 23 so furchtbar getroffen wurde. Zurück in Deutschland hat er dann Musiktherapie studiert und ist 1999 nach Israel zurückgekehrt.
Ob es irgendwann zu Frieden und Versöhnung kommen wird? Offen. Aber was wäre christlicher Glaube ohne Hoffnung? Schwer vorstellbar finde ich, dass im Land, in dem das Christentum entstanden ist, irgendwann keine Christen mehr sein könnten, die sich in Anlehnung an ein Bibelwort als „lebendige Steine“ verstehen. (1 Petr 2,5).
Die haben ja auch vor Jahren bewusst auch dieses Wort gewählt und an die Pilger appelliert: Besucht nicht nur die toten Steine, besucht nicht nur die Kirchen und die Ruinen, sondern auch uns. Ja, sucht die Begegnung mit uns.
Wie könnte ich denn die Glaubensgeschwister dort unterstützen, wenn ich will?
Also ich habe gestern von einem Mitarbeiter des Würzburger Bischofs eine E-Mail bekommen, dass er wieder Olivenholzherzen in Bethlehem bestellen möchte. Das ist für den Schnitzer und seine vier Angestellten immerhin einige Tage, vielleicht auch zwei Wochen Arbeit, und alle können überlegen, ob sie nicht eben auch bei einem der Schnitzer so was bestellen.
Und ein Besuch im Heiligen Land, wenn das wieder möglich ist?
Da wäre meine Empfehlung. Bitte planen Sie auch zwei, drei, vier Begegnungen ein mit palästinensischen Christen, aber auch mit israelisch-jüdischen Friedensaktivisten, um diese Menschen vor Ort auch durch so eine Begegnung zu stärken, und vielleicht den Sonntagsgottesdienst zusammen mit einheimischen Christen zu feiern.
Johannes Zang, "Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung". 33 Christen aus Palästina reden Klartext, Verlag Hampp Stuttgart
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43760
Ich bin Barbara Wurz und heute im Gespräch mit Pfarrer Martin Breitling. Seit Juni 2025 ist er Gefängnisseelsorger in der Ulmer Justizvollzugsanstalt – kurz JVA. Bis zu 100 Männer sitzen dort in Untersuchungshaft. Und wer es möchte und einen Antrag stellt, zu dem kommt Martin Breitling zum Gespräch.
Dann gehe ich hin, frag mal, worum geht. Und dann merke ich, es geht nur um was, dass jemand sagt: „Ich brauch noch ein bisschen Zucker. Haben Sie mir einen Kaffee? Können Sie mir eine Briefmarke geben? Ich habe kein Geld.“
Eine Tassenportion Instant-Kaffee, eine Batterie für den Wecker, eine Briefmarke… ohne Hilfe von außen - einen Freund oder Verwandten, der Geld überweist – sind diese Dinge für einen Häftling in U-Haft unerreichbar. Aber der Gefängnisseelsorger ist es. Und oft geht es schnell um mehr, als ein bisschen Kaffee.
Wir als Gefängnisseelsorger sind in diesem System natürlich die einzigen, mit denen man sprechen kann und und weiß: Von diesem Gespräch wird nichts weitergeleitet. Von diesem Gespräch spielt nichts, was ich sage, irgendeine Rolle für eventuelle Haftlockerungen.
Etwa 20 Prozent der Gefangenen suchen den Kontakt zur Gefängnisseelsorge. Manche scheinbar nur, wegen des Tütchen Kaffees oder Zucker. Aber zwischenmenschlicher Kontakt, aus dem entwickelt sich dann doch auch etwas, darüber hinaus.
Ich habe so einen, der schreibt jede Woche: Ich bitte um ein Gespräch. (...) Er weiß, ich komme, aber es gibt immer nur zwei so Tassenpäckchen und ein Päckchen Zucker dazu. Aber er weiß: Ich komme regelmäßig dafür. An der Türe machen wir kurz ein bisschen Smalltalk. Und dann frage ich so: „Warum sind Sie eigentlich hier?“ Und er sagt: „Drogen...“
Und das ist es, was Martin Breitling nach solchen Begegnungen besonders beschäftigt: die Frage, was wäre gewesen, wenn. Zum Beispiel bei diesem jungen Mann, der ihn regelmäßig anschreibt.
Es begegnen mir wache Augen und es begegnet mir so ein trockener und feiner Humor, wo ich dann denk: (...) Wäre er nicht auf das Gleis von Sucht und Drogen geraten, was wäre das jetzt für ein Mensch, was für ein Leben?
Es geht Martin Breitling nicht darum, die Tat oder das Verbrechen eines Menschen zu relativieren oder gar zu entschuldigen. Aber da ist eben noch mehr als diese Tat oder das Verbrechen: Ein Mensch mit Fähigkeiten und Begabungen – auch, wenn er sie nicht genutzt hat.
Manchmal fantasier‘ ich so rum: Wo könnte ich mir vorstellen, dass wir beide uns in einem komplett anderen Zusammenhang begegnet wären? Und dann denke ich: Ja, jetzt sitzt er in der U Haft im Gefängnis. Aber ich merke, dieses Leben ist eben auch viel mehr als als dieser Grund für die Haft.
Martin Breitling ist immer noch Pfarrer einer Gemeinde, denke ich mir: Einer Gemeinde, die – wie alle anderen eigentlich auch – versucht, das Leben auch mit seinen Abgründen zu meistern.
Und auch in seiner neuen „Gemeinde“ bietet er einen Gesprächskreis an, ganz ähnlich, wie früher im Gemeindepfarramt. Aber: „Bibelstunde“, „Männertreff“ für Strafgefangene? Als Außenstehende kann ich mir nur schwer vorstellen, was die gut 10 Männer, die da zusammenkommen, wirklich interessiert.
Einmal kam auch der Wunsch auf einmal einen Bibeltext miteinander anzuschauen (...) Und dann haben wir gemeinsam Kain und Abel gelesen (...) Also das war wirklich eine Sternstunde. (...) Im Spaß habe ich dann auch gesagt: Jeder von meinen Kollegen und Kolleginnen hier auf der Alb wäre wahrscheinlich neidisch, um so einen Bibelkreis, der das so feinfühlig und ernsthaft sich einem Bibeltext zuwendet und dabei von sich persönlich spricht.
Kain und Abel – die Geschichte zweier Brüder, von der die Bibel ganz am Anfang erzählt: Davon, wie unterschiedlich die Brüder sind. Abel – erfolgreich und von Gott geliebt. Und Kain, der darüber so neidisch wird, dass er im Zorn seinen eigenen Bruder mit einem Stein erschlägt.
Ja, und das Spannende war natürlich der Umgang mit mit Schuld. (...) Und ich habe dann gesagt: „Ich verrat‘ euch was: Kain und Abel, die leben heute noch. Kain und Abel, das bin ich. Und das war auch unser Tenor. Ja, wir sind nicht Kain oder Abel, sondern wir sind Kain und Abel. Wir sind Kain, der das Potenzial zu Gewalt in sich, trägt. Und wir sind Abel, der zum Opfer wird oder werden kann.
Wo, wenn nicht hier wird greifbar, was das heißt? Und ich begreife, wie nah am echten Leben der Schluss der Geschichte von Kain und Abel ist. Denn Kain kommt mit seinem Verbrechen nicht ungeschoren davon. Gott selbst bestraft ihn, reißt ihn heraus aus seiner Heimat und seinem vertrauten Leben. Kain begreift, dass er eigentlich nicht überleben kann. Die Strafe ist zu schwer, die Gott ihm da auferlegt hat.
Und dann, im Gefängnis natürlich, wunderbar, dieses dieser Schluss: Meine Strafe ist zu schwer, die du mir auferlegt. Und das dann in diese Erzählung Gott, an den Kain ein Zeichen macht, das allen zeigt: Dieser gehört trotz allem zu mir. Und wie der Satz im Gefängnis natürlich wirkt - „Trotz allem“ – das ist wirklich ganz – berührend.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43694
Die Musikerin ist in Biberach an der Riß geboren und aufgewachsen. Nach Jahren in Karlsruhe lebt sie aktuell in Berlin. Seit 2017 hat die Singer-Songwriterin ein ganz besonderes Ehrenamt: Sie gibt Konzerte im Knast- was für eine mutige Idee! Sie war schon in fast 60 Gefängnissen bundesweit - auch im Südwesten, etwa in Schwäbisch-Gmünd, Wittlich oder Zweibrücken. Am Anfang war da die Neugier wie Menschen wohl hinter Gefängnismauern leben. Als Betreuerin auf einer christlichen Jugendfreizeit ist sie einem Seelsorger begegnet, der auch in einer Jugendstrafvollzugsanstalt gearbeitet hat. Der öffnete ihr die Tür in diese fremde Welt:
Und da kam einfach ein Gefängnisseelsorger in seiner Kutte, weil er ein Mönch war und dann kamen wir ins Gespräch und dann hab ich ihm gesagt, dass ich schon länger ein Konzert da geben wollen würde und er meinte: “Ja, komm vorbei”.
Jugendliche, die Sozialstunden ableisten mussten oder sogar schon mal im Knast waren, diese Klientel kannte Diana Ezerex schon von ihrer FSJ-Stelle bei einem offenen Jugendtreff des CVJM in Magdeburg. Ohne Berührungsängste geht sie daher auch bei ihrem ersten Konzert in Neustrelitz im Jugendknast in den Kontakt:
Und das war voll cool zu hören, was sie für Träume und Wünsche haben, was sie vor haben, wenn sie da wieder rauskommen, weil sie auch Ausbildungen machen können im Knast.
Die heute 31-Jährige geht nicht nur zu jugendlichen Straftätern, sondern auch in den Männerknast...
Da war ich schon ganz schön nervös, denn straftätige Männer sind doch noch mal anders dargestellt und man hat ein bestimmtes Stereotyp oder Bild vor Augen. Und ich weiß dass ich mich vorher mit Freunden unterhalten hab und gesagt hab: “Was hab ich mir dabei gedacht?” Und die haben gesagt: “Du schaffst das, du schaffts das!” Und ich war ganz schön nervös.
Nicht jeder der Insassen erhält einen der begehrten Plätze für das Konzert. Die Gefangenen können sich bewerben und wer gute Führung zeigt, bekommt den Zuschlag. Was bedeutet so ein Konzert für Menschen, die teilweise schon seit Jahren in ihrer Zelle sitzen?
Was ich voll oft als Feedback bekomme, dass sie für eine Stunde einfach mal abschalten konnten und nicht drüber nachdenken wo sie sind. Komplett egal ist, wo man ist. Komplett egal ist, was man für Sorgen hat und für Herausforderungen und was gestern war und morgen sein könnte, sondern einfach im Hier und jetzt ist und einfach abschalten kann.
Dabei will sie auf gar keinen Fall verharmlosen, was diese Menschen getan haben - sie weiß, dass im Publikum auch Straftäterinnen und Straftäter sitzen, die viel Leid verursacht haben.
Und trotzdem ist mir in dem Moment erst mal wichtig, dass da ein Mensch sitzt, der auch vielleicht irgendwann wieder rauskommt, der in dieser Gesellschaft funktionieren soll in Anführungsstrichen und keine Straftaten mehr begehen soll, anderen Menschen nicht mehr schaden soll, und ich glaub es lohnt sich da den Menschen so entgegenzutreten.
Eine Haltung, vor der ich Hochachtung habe. Ein Knast ist ein krasser Ort - ich erinnere mich an einen Praktikumstag mit einem Gefängnisseelsorger und wie viele Türen da immer auf und zu gemacht wurden, bis man mal zu einer Zelle kam. Ein Hochsicherheitstrakt - und dorthin bringt sie ihre Popmusik, die mal rockiger, mal mehr nach Alternative klingt. Immer kommt ihre Musik aber aus ihrer Seele. Ist das, was Diana Ezerex da tut, vielleicht auch eine Art von Seelsorge?
Ja, auf ne Art, ich glaub auf jeden Fall! Musik hat so ne krasse Macht und das ist ja auch wissenschaftlich nachgewiesen. Ich merk das ja auch selbst bei mir, wenn ich nen Song hör, dass das einfach was mit mir macht und ich glaub das kann voll krass Perspektiven verändern - eine Songzeile, ein Klang.
Dabei kommen Diana auch ihre drei abgeschlossenen Studiengänge Bildungswissenschaften, Kulturvermittlung und Musik zugute. Dianas Vater ist Nigerianer, ihre Mutter Deutsche. Sie weiß wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu werden:
Und ich hab schon so einen Herz für Leute, die irgendwie am Rand stehen. Weil ich es selber aufgrund von Rassismus erlebe und dann möchte ich was machen für Leute, die aus anderen Gründen nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen.
Und ihnen allen will Diana die Botschaft mitgeben, dass jeder Mensch wertvoll ist und angenommen. Auf ihrem Album “Identity”, also “Identität”, da bringt sie in dem Song “Start from here” genau diese Botschaft rüber. Und verbindet sie mit einer Glaubensaussage. Ich finde dieses Lied sehr stark, denn da heißt es in den Lyrics, die sich an Gott wenden: “I´m yours, before I´m someone else” - “ich bin dein, bevor ich irgendjemand anderem gehöre”.
Und ich glaub das wünscht sich jeder irgendwie einfach nur gesehen zu werden, für das was man ist und nicht für das was man macht, und was man geleistet hat oder erreicht hat oder wen man kennt - diese ganzen Sachen, mit denen man angeben kann, sondern einfach nur gesehen wird und angenommen wird für das, was man ist.
Seit Diana 14 Jahre alt ist engagiert sie sich ehrenamtlich und kann es anderen nur empfehlen.
Das hat so einen krassen Mehrwert. Ich hab so viel in meinen Ehrenämtern gelernt und auch Plattformen bekommen mich auszuprobieren und zu wachsen und das möchte ich nicht missen.
Wie sehr ihre ehrenamtlichen Auftritte in Gefängnissen Menschen Hoffnung schenken, das kann sie im Gästebuch nachlesen, das immer bei Konzerten ausliegt:
Also jetzt von der Tour im November war eine Sache, die ich gelesen hatte: danke dass du an diesen Ort gekommen bist, an dem man sonst nur existiert und hier ein bisschen Abwechslung reingebracht hast. Ein Jugendlicher meinte er hat das erste Mal seit langem mal wieder Freude gespürt. Danke dass du zu uns gekommen bist, danke dass du uns auch siehst.
Und ich sage “Danke” Diana Ezerex - für unsere Begegnung und für so ein wichtiges Engagemen
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43680
Heute mit Martina Steinbrecher und Thomas Gasenzer. Der Professor lehrt und forscht am Heidelberger Kirchhoff-Institut für Physik. Den biblischen Berichten zufolge haben Wissenschaftler aus dem Orient um die Zeitenwende einen interessanten Stern entdeckt und sind ihm gefolgt, um einen neu geborenen König zu finden. Heute feiert die Christenheit die Ankunft dieser Weisen beim Jesuskind in Bethlehem. Auf der Suche nach dem Stern von Bethlehem hat Thomas Gasenzer mit mir einen Blik ins Universum geworfen. Und dabei erst mal einiges zurechtgerückt.
Ja, also wir sehen ja meistens lauter kleine weiße Punkte. Die können aber sehr unterschiedlicher Art sein. Also, die meisten davon sind Sterne. Aber es sind dabei auch Sternwolken und Galaxien, die aus sehr, sehr vielen Sternen bestehen und die aber zu einem Punkt verschmelzen. Und all diese Punkte, die nennt man typischerweise die Fixsterne, nämlich in Abgrenzung zu den Objekten, die eigentlich gar keine Sterne sind. Und dazu gehören diese sogenannten Wandelsterne. Das sind die Planteten in unserem Sonnensystem.
Das muss ich erst mal für mich klarkriegen: Die Sonne ist aus physkalischer Sicht also ein Stern, weil sie leuchtet. Planeten dagegen sind Wandelsterne, denn sie bewegen sich und leuchten nur, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden. Und von den maximal sechstausend Lichtpunkten, die ich nachts mit bloßem Auge am Himmel sehen kann, sind die meisten ebenfalls Fixsterne, also die Lichtquellen weit entfernter Galaxien. Als bewegliches Leuchtobjekt kann der Stern von Bethlehem also weder ein Fixstern noch ein Wandelstern gewesen sein. Aber vielleicht ein Komet?
Es war so, dass die Menschen den Halley‘schen Kometen 1301 sehen konnten, und es gab da den Giovanni di Bondone aus Florenz, der von früheren Sichtungen auch aus antiken Quellen wusste und dann den Stern auf seinem Fresco „Anbetung der Könige“ in Padua mit einem Kometenschweif darstellt. Und damit hat im Prinzip die Geschichte des Sterns von Bethlehem als Komet so begonnen im 14. Jahrhundert.
Ich bin ein bisschen ernüchtert: Der schöne Kometenschweif, der bis heute über so vielen Krippenszenen schwebt, ist also eine Erfindung der Kunstgeschichte, basierend auf den inzwischen überholten wissenschaftlichen Erkenntnissen des 14. Jahrhunderts? Ich werfe noch einmal einen Blick ins Matthäusevangelium. Da erkundigen sich Sterndeuter am Hof des Königs Herodes in Jerusalem nach einem neugeborenen König, denn so wörtlich: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Was für ein Phänomen, frage ich Thomas Gasenzer, könnte das gewesen sein?
Die Menschen sehen seit jeher und in allen Kulturen Sterne und ihre Konstellationen und bewundern sie. Die haben einen Einfluss auf sie ausgeübt. Konstellation heißt ja sowas wie, dass die Sterne in einer bestimmten Weise beieinanderstehen. Das wurde dann religiös interpretiert oder als Zeichen, vielleicht so ein bisschen wie anregende Geschichten, wie die Welt der Zahlen oder die des Spiels, in der ja auch oft viel Magie gespürt wird. Aber vielleicht auch wie bei uns in der Wissenschaft, die für uns oft so ein übergroßes, unerfassbares, nie ganz zu verstehendes Gebäude ist und dem wir uns irgendwie in Sisyphusarbeit nähern, ohne jemals anzukommen.
Ich bin beeindruckt, wie präzise Thomas Gasenzer physikalische Phänomene beschreibt und dabei ins Staunen gerät über die noch längst nicht erforschten Tiefen des Universums. Ob wir dem Geheimnis des Sterns von Bethlehem noch auf die Spur kommen? Verschiedene Thesen haben wir schon verworfen: Wahrscheinlich haben die Sterndeuter aus dem Matthäusevangelium keinen Wandelstern und auch keinen Kometen gesehen, sondern eine ganz besondere Sternkonstellation:
… etwa die großen Konjunktionen der Wandelsterne, wenn Jupiter und Saturn nah beieinanderstehen, sowas passierte immer wieder. Und die wurden seit sehr langer Zeit immer wieder beobachtet und dann als Vorzeichen wichtiger Ereignisse gewertet.
Ein aufgehender Stern als Zeichen für die Geburt eines zukünftigen Königs. Jahrhundertelang haben Sterndeuter aus unterschiedlichen Kulturräumen aufgezeichnet, was sie am Himmel entdeckt haben. Und besondere Phänomene eben besondere Ereignisse zugeordnet.
Also etwa, wenn wir im Alten Testament, im vierten Buch Mose schauen, dann gibt es dieses „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel.“
Ein Satz, der später mit der Geburt von Jesus in Verbindung gebracht wurde.
Im Matthäusevangelium zieht der Stern vor den Sterndeutern her von Jerusalem nach Bethlehem. Dort bleibt er stehen. Und sie finden ein Kind – den neugeborenen König. Ein Wandelstern, der plötzlich fix stehen bleibt – physikalisch gesehen nicht sehr wahrscheinlich. Im Gespräch mit Thomas Gasenzer ist mir aber klar geworden, dass es nicht entscheidend ist, ob sich dem Stern von Bethlehem ein eindeutiges Naturphänomen zuordnen lässt. Viel wichtiger ist doch, wofür dieser Stern auch heute stehen könnte:
Das Wichtige war vielleicht, dass Gott irgendwie hier die Macht hat, etwas zu tun und eben sogar so einen Stern anzuhalten, dass dieses Machthaben außerhalb dessen, was die Menschen vermögen, ist, denke ich, sozusagen das wichtigste Element dieser Erzählung.
Was auch immer es gewesen sein mag, dem die Sterndeuter damals gefolgt sind; ihre Botschaft lautet: Wenn Gottes Sohn zur Welt kommt, strahlt das Sternenzelt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43642
Caroline Haro-Gnändinger trifft Uta Heß aus Weinstadt-Schnait bei Stuttgart.
Wir treffen uns in ihrem Fußpflegestudio und sprechen über ihr Ehrenamt: Denn sie hilft bald wieder in der Stuttgarter Vesperkirche mit. Dort bekommen Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld warmes Essen und wer mag, auch Pflege für die Füße:
Wir haben eine Schüssel für‘s Fußbad dabei, Handtücher, alle Werkzeuge, die wir brauchen zum Nägelschneiden, zum Feilen, wir haben Cremes dabei, Desinfektionsmittel und wir haben eine Box mit Socken dabei, weil am Ende bekommt immer jeder ein frisches Paar Strümpfe.
Uta Heß und weitere Ehrenamtliche bauen vorne in der evangelischen Kirche eine Fußpflegeecke auf. Neben der Kanzel. Für die Privatsphäre stellen sie Sichtschutzwände auf. Die Besucher können dort für eine halbe, dreiviertel Stunde Platz nehmen.
Die Menschen, die auf der Straße leben, die kriegen es immer hin, dass sie mit ordentlichen Füßen kommen. Also, dass sie dann sagen: Ich wusste, ich habe den Termin. Ich war heute Nacht in der Obdachlosenunterkunft. Da kann ich mich waschen, da kann ich mich duschen. Schau mal, ich habe mir extra die Füße gewaschen, bevor ich gekommen bin. Es hört sich für uns so lapidar an: Ich habe mir die Füße gewaschen. Für diese Menschen ist das ein richtig großer Aufwand.
Einmal habe ich vorbeigeschaut, als sie in der Vesperkirche im Einsatz war. Und mir ist ein Mann aufgefallen. Er hatte nur Sandalen an – und das im Winter.
Es kommen tatsächlich Menschen bei minus sieben Grad und haben Sommersöckchen an, die dann dazu noch zwei, drei Löcher haben. Ich hatte mal einen Herrn, der hatte zwei verschiedene Paar Schuhe an. Also zwei verschiedene Schuhe. Und gar keine Socken.
Umso besser, wenn sie hier warme Socken bekommen – viele Ehrenamtliche haben sie gestrickt. Manche von den Besuchern haben Schmerzen wegen Problemen mit der Hornhaut oder den Nägeln. Meist können Uta Heß und ihr Team helfen.
Manche haben natürlich gesundheitliche Einschränkungen, merken es vielleicht gar nicht. Also wir haben schon auch Menschen, denen wir keine Fußpflege geben, wo wir sagen, da wollen wir erst, dass da ein Arzt drüber schaut. Es sind ja auch Ärzte im Team anwesend. Da ist es manchmal einfach notwendig.
Viele Menschen lassen sich ungern näher auf die Füße gucken, gerade wenn die nicht so gut aussehen. Uta Heß sagt, ein Eisbrecher ist, dass die Pflege an der Fußsohle oft kitzelt…
Also ganz viele Menschen sind zum Glück sehr kitzelig. Und bei der Behandlung freue ich mich, wenn die Menschen was zu lachen haben. Das soll ja was Schönes sein. Die Menschen sollen ja gern kommen und sich wohlfühlen.
Mich erinnert das, was sie tut, an eine Szene in der Bibel – Jesus wäscht beim letzten Abendmahl seinen Freunden die Füße:
Jesus stellt sich ja da so ein bisschen runter, was ich in der Vesperkirche da vielleicht gleichsetzen möchte, ist, dass wir alle auf Augenhöhe sind. Also da gibt's kein ' wir sind besser' oder ' schlechter' oder ' anders'.
Und doch gibt es auch Herausforderungen in ihrem Ehrenamt. Sie pflegt ehrenamtlich auch Menschen in der Stuttgarter Vesperkirche die Füße. Wohnungslosen oder Menschen mit kleinem Geldbeutel. Einfach ist das nicht immer:
Ich habe eine Frau gefragt, warum sie eine Mülltüte um die Hose herum hat. Dann sagt sie zu mir, wenn sie einschläft und sich einnässt, damit sie nicht am Boden festfriert. Das sind Antworten, da muss ich dann schon schlucken, also damit muss man schon auch umgehen.
Ihr wird da klar, wie schwer der Alltag der Vesperkirchen-Besucher ist und wie anders als ihr Alltag. Sie versucht dann, sich an eins zu erinnern:
Dass diese Frau genauso nett und schätzenswert ist, wie jeder andere auch und da muss ich mir drüber im Klaren sein: Das sind alle Menschen, wie du und ich.
Ich finde, das ist wirkliche christliche Nächstenliebe. Ihr ist Zusammenhalt wichtig. Mit der Kirche als Institution hadert sie. Aber an Gott glaubt sie. Uta Heß hat sich für ihr Engagement Unterstützung gesucht: Jetzt machen Ehrenamtliche auch aus Ostfildern oder sogar aus Freiburg mit.
Also, es ist wirklich ein familiäres Miteinander und macht wahnsinnig Spaß, dorthin zu gehen.
Die Teamarbeit gibt ihr wirklich viel. Und das hilft gerade auch, wenn sie von tragischen Geschichten der Vesperkirchen-Besucher hört:
Der eine Mann, der hat eine Firma gehabt, Frau, Kinder Reihenhäuschen, Hund, der hat 'nen Fehler gemacht im Geschäft, einen bewussten Fehler, der hat eine kleine Steuerhinterziehung begangen, bekam eine Haftstrafe dafür. Seine Firma ging pleite damit. Die Frau und die Kinder haben sich abgewendet.
Das habe ihn erst in die Alkoholsucht gebracht und dann auf die Straße. Uta Heß erinnert sich auch an eine junge Frau. Die war auf einen sogenannten Loverboy hereingefallen. Er hatte sie in die Prostitution gelockt und in die Drogenabhängigkeit:
Die junge Frau, die war gerade Anfang 20 und die hat mir während der Fußpflege erzählt, sie möchte eigentlich gar nicht clean werden, weil sie weiß nicht, ob sie das ertragen könnte, wenn sie einen klaren Kopf hätte.
Schicksale wie das dieser Zwangsprostituierten machen auch mich sprachlos. Uta Heß konnte immerhin zuhören. Und zumindest ihren Füßen was Gutes tun. Sie freut sich umso mehr, wenn sich bei Besuchern etwas zum Guten entwickelt wie bei diesem Mann:
Der Herr kam schon mehrere Jahre zu uns in die Fußpflege in der Vesperkirche, und hat sich verabschiedet, weil: Er hat jetzt eine Wohnung und er kriegt vielleicht sogar demnächst eine Arbeitsstelle. Das freut mich ganz arg, dass er die Möglichkeit hat, zurück in einen geregelten Alltag zu finden, zu einer Selbständigkeit, zu einem Erwerbseinkommen, ich würde mich sehr freuen, in dem Fall, wenn ich ihn nicht wiedersehe.
In wenigen Wochen geht’s an vielen Orten wieder los mit Vesperkirchen für Menschen in Not und ich finde es ist ein wichtiges Engagement.
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Wolf-Dieter Steinmann trifft Johanna Jerzembeck aus Karlsruhe. Mit Ende 30 ist ihr klar geworden, dass sie eine trans Frau ist. Das hat ihr Leben erschüttert und sie auch neu werden lassen. Vielleicht auch „weihnachtlicher“: Die studierte Juristin und IT Fachfrau engagiert sich stark in der Kirche.
Weihnachten – fürchte Dich nicht!
Was sind Sie für ein Weihnachtstyp? Manche haben den Baum schon abgeräumt. Johanna Jerzembeck - ich auch - braucht ihn mindestens bis Dreikönig. Sie feiert dieses Jahr, mit Anfang fünfzig, eine Premiere.
Mit meiner Frau zusammen, jetzt dieses Jahr das erste Mal. Bei meiner Mutter, die ist dieses Jahr 90 geworden, mein Vater ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Meine Schwester kommt, meine Neffen. Mutti freut sich schon, dass alle da sind. Das wird was richtig Schönes.
Sie ist in sich, mit Ihrer Frau und ihrer Familie glücklich. Aber das war ein Weg. Neues Leben braucht Zeit und kommt oft unter Wehen.
2013 war mir klar, dass ich eine trans Frau bin. Da war ich 39, davor hatte ich das verdrängt und dann musste ich erst mal rausfinden, was bedeutet das für mein Leben und da hab ich das Glück gehabt damals, dass ich im Internet eine Gruppe von Christ*innen gefunden habe. ‚Johanna‘ gab es damals erst nur auf Twitter. Das war im Prinzip so der erste Kreis, wo ich gemerkt habe, ich werde als die, die ich bin, akzeptiert.
Früher war da manchmal so ein Gefühl: Seele und Körper finden nicht ganz zusammen. Dann die Erkenntnis, eine trans Frau zu sein. Ich kann nur ahnen, wie das das Leben aufgewühlt hat. Auch ihre religiöse Identität. Johanna war ja auf einen männlichen Namen getauft.
Während meiner Transition, als ich sehr damit gekämpft habe, ob Gott mich überhaupt noch kennt, hat mir jemand mal gesagt: Was auf deiner Taufurkunde steht, das ist für die Menschen, nicht für Gott. Gott hat dich so geschaffen, wie du bist, will dich so. Gott wusste schon, dass du Johanna bist, bevor du selbst wusstest, dass du Johanna bist. Als ich das begriffen hatte, da hab ich mich unglaublich frei gefühlt
Kann ich da mit? Inzwischen ja. Gesagt habe ich das als Pfarrer ja immer schon: Taufe bedeutet, man kann glauben. Ich bin von Gott geliebt. Kann darum selber liebevoll sein und werden. Immer neu. Das hat auch Johanna geübt: Erst ein Doppelleben geführt: nach außen wie bisher und privat neu. Aber das hat sie krank gemacht. Zum Glück hat sie therapeutische Hilfe gefunden. So ist sie ganz ‚Johanna‘ geworden. Wichtig waren und sind dabei Menschen, die den Weg mitgehen. Auch dazulernen. Was Johanna Jerzembeck und andere nicht brauchen, ist Gedankenlosigkeit.
Was mir sehr, sehr weh getan hat war, wenn Menschen den alten Namen und das alte Pronomen weiter benutzt haben und ich gemerkt habe, sie geben sich keine Mühe. Das ist eigentlich mit das Schlimmste.
Manche dringen sogar übergriffig in die Intimsphäre ein. Fragen zB. ‚was sie denn hat machen lassen‘. Da wird sogar sie kantig.
Was ich zwischen den Beinen habe, geht meine Partnerin was an und sonst niemanden.
Dass Johanna Jerzembeck heute selbstbewusst und furchtloser ist, hat auch mit der biblischen Weihnachtsgeschichte zu tun, vor allem dem, was der Engel sagt.
‚Fürchtet euch nicht, Gott meint es gut mit euch, ihr müsst keine Angst haben.‘ Das strahlt weit über die Weihnachtsgeschichte raus. Fürchtet euch nicht, das ist mein Lieblingssatz.
Der Satz prägt auch ihr Engagement in der Kirche. Sie arbeitet als Quereinsteigerin bei einer IT Firma, engagiert sich in der queeren Community und ihrer evangelischen Kirche. Da macht sie gerade zwei Jahre lang die Ausbildung zur Prädikantin, zur ehrenamtlichen Predigerin in der evangelischen Kirche in Baden. Hochachtung für alle, die so voll leben.
Ich lerne eigenständig Gottesdienste vorzubereiten und auch zu halten, mit allem, was dazugehört, mit Liedern, mit Predigt, die ich auch selbst schreibe.
Und mittlerweile bin ich bei ‚ich mache ganze Gottesdienste eigenständig‘ angekommen. Je mehr ich gemacht habe, desto besser hat es sich angefühlt.
Schön, wenn so viel zurückkommt, wenn man so viel gibt.
Sie ist furchtloser geworden. Dazu passt, dass sie sich auch die Kirche mutig wünscht und freudig. Mutig, grundsätzlich:
Wir wagen jetzt erstmal Dinge, wir fragen vor allem auch die Menschen um uns rum, für die wir ja Kirche sein wollen. Was möchtet ihr eigentlich von uns als Kirche und hören denen dann auch zu.
Mut wünscht sie Kirchen und anderen Institutionen auch auf dem Gebiet der IT; in dem sie beruflich arbeitet: ‚Nutzt open source Software. Werdet unabhängiger von den Mega-Konzernen, die Menschen vom digitalen Leben aussperren können, aus politischen Gründen.‘ Und Johanna Jerzembeck erwartet, dass Kirchen auch umkehren.
Viele queere Menschen haben einfach die Erwartung. ‚Nehmt uns als Kirche so an, wie wir geschaffen sind. Wir sind Gottes geliebte Kinder.‘
Für viele queere Menschen ist Kirche und Religion etwas, was ihnen sagt, du bist falsch, so wie du bist, du bist sündig.
Das geht nicht einfach so weg, indem man sagt, ja, jetzt hängen wir uns eine Regenbogenfahne an die Tür. Sondern das Vertrauen muss erst wieder wachsen und das braucht vielleicht auch von den Kirchen eine Aussage, wir sind uns bewusst, was wir euch angetan haben und wir schämen uns dafür und wir bitten euch um Vergebung.
Ich bin dankbar für das, was ich in dieser Begegnung bekommen habe. Leider musste auch diese, wie alle davor, ein Ende finden. .
Wünscht Johanna Jerzembeck uns was für heute? Ja, eine Art Segen. Den nehme ich auch persönlich und schließ mich ihrem Segen an, wo die Zukunft uns auch hinführen mag.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit in das Neue Jahr mitnehmen können, dass sie dran denken, dass gesagt ist, ‚fürchte dich nicht‘; weil das ist das, was mich trägt und ich hoffe, dass es sie auch tragen kann.
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Der zweite Weihnachtsfeiertag. Die ersten packen schon wieder zusammen. Bäume werden abgeschmückt, Pläne fürs neue Jahr gemacht, Silvester steht vor der Tür. Und zwischen Keksdose und Kalender sitze ich da und frage ich mich: Warum fühlt sich das so falsch an, wenn Weihnachten jetzt schon vorbei ist?
„Bei uns steht der Weihnachtsbaum immer bis ins neue Jahr. Und wenn dann der Heiligabend, ich sag jetzt mal so ‚geschafft‘ ist, dann fängt für mich Weihnachten an. Und dann wäre es sehr schade, wenn das nach zwei Tagen schon wieder vorbei wäre.“
Christina Brudereck hat Theologie studiert. Sie schreibt Texte, steht auf Bühnen, spielt mit Worten – und sucht Sätze, die etwas in Bewegung bringen.
Ich treffe sie backstage, kurz vor einer Lesung und merke schnell: Weihnachten lässt sie nicht los. Nicht aus Gewohnheit oder Kitsch, sondern weil sie sich damit auseinandersetzt und jedes Mal etwas Neues darin findet.
„Ich bin jetzt Mitte 50 und wirklich, ich liebe dieses Fest wirklich. Ich feier es immer noch gern, aber es ist jedes Jahr ein bisschen anders, weil ich ja auch ein bisschen anders bin. Also die Traditionen sind so gleich. Aber ich bin ja jedes Jahr eine andere. Und ich glaube, in diesem Jahr ist mir das Kind besonders wichtig. Mir ist wirklich nochmal so klar geworden in der Vorbereitung: Hier steht ja wirklich ein Kind im Mittelpunkt – was für ein tolles Fest!“
Für Christina bleibt das Kind nicht nur ein schönes Bild. Sie schaut hin – und merkt, wie verletzlich Leben ist. Wie schnell es Schutz braucht.
„Ich werde auch selber wieder so ein bisschen kindlich, also das finde ich auch schön. Ich meine damit gar nicht unmündig oder antiintellektuell oder sowas. Aber so ein bisschen ja, mal Dinge für möglich halten. Ein bisschen mehr Hoffnung haben…“
… eine Erinnerung daran, worum es an Weihnachten wirklich geht.
Die Weihnachtsgeschichte erzählt nichts Glattes. Da ist Herrschaft, die dem Kind nach dem Leben trachtet. Da ist ein Kind, das Schutz braucht und Menschen, die sich kümmern.
„Diese Welt ist nicht für jedes Kind sofort ein Willkommensort. Und dann gibt es gleichzeitig welche, die sich kümmern.“
Für Christina ist das kein Rückblick in alte Zeiten, sondern ein Blick auf das, was heute zählt.
Vielleicht erklärt das auch, warum Weihnachten so viele Menschen anspricht, selbst ohne religiösen Bezug.
„Ich denke da jetzt vor allem an einen guten Freund, der sagt: Ich bin eigentlich Atheist und meine Familie ist eigentlich hinduistisch, aber irgendwie finde ich mich auf einmal wieder und grille ich eine Gans.
Und wenn ich dann tiefer nachfrage, dann sagt er: Ja, weil hier die Menschlichkeit gefeiert wird.“
In der Mitte steht ein Kind, Geburtlichkeit, neuer Anfang, Flucht – alles ist drin.
Christina nennt diese Zeit „Weltjahresbestzeit“. Weil Weihnachten etwas auslöst. Weil Menschen freundlicher werden. Weil sie einander mehr zutrauen.
„Die Weltjahresbestzeit ist schon der Advent mit Weihnachten. Vielleicht holt das Weihnachtsfest das Beste aus uns selber heraus.“
Was Christina Brudereck an Weihnachten bewegt, endet nicht am zweiten Feiertag. In ihren Texten sucht sie keine schnellen Antworten. Sie sucht Worte, die tragen, auch dann noch, wenn das Fest vorbei ist.
Sie erzählt mir von Südafrika. Sie war dort wegen ihres Theologiestudiums und verspürt dort an Weihnachten großes Heimweh.
„Nach Kokosmakronen, der Küche meiner Mutter und der Welt meiner Kindheit. Und dann ist etwas ganz Interessantes passiert. Ich bin dann an einem Abend wirklich so ein bisschen durch die Gassen gestreift und fand mich dann in einem jüdischen Café wieder und dachte einfach nur „Oh, rote Granatäpfel, es riecht so lecker nach Apfelkuchen…“und hab gar nicht so richtig verstanden, wo ich hier bin. Und die haben mich aber eingeladen. Ich durfte dann mitfeiern. “
Es war Chanukka. Das jüdische Lichterfest, bei dem jeden Abend ein weiteres Licht angezündet wird – als Zeichen dafür, dass das Dunkel nicht das letzte Wort hat. Es wird ein schöner gemeinsamer Abend.
„Chanukka ist ein anderes Fest als Weihnachten, aber was Licht ist, verstehen wir schon beide. Und dass wir es beide brauchen und gemeinsam leuchten lassen können, ist ja eine wunderbare Erfahrung.
Ein alter Mann, ein Überlebender, hat mir dann am Ende gesagt: Das Wunder ist, junge Frau, dass es immer noch Licht gibt in dieser Welt.“
Trotz aller Unterschiede passt für sie das gemeinsame Feiern zusammen. Jesus sagt: Ich bin das Licht und ihr seid das Licht.
„Dass wir das Licht feiern in einer dunklen Welt, das kannst du auch mit Chanukka feiern.“
Für sie zeigt sich darin, was Weihnachten im Kern ausmacht. Nicht das perfekte Fest, das Essen, die Geschenke…
Sondern die Erfahrung, dass etwas wachsen kann – trotz Angst, trotz Dunkelheit.
„Weihnachten wurde schon in den absurdesten, dunkelsten Situationen gefeiert. Es ist ein widerständiges Fest.“
Das, sagt Christina, kann man auch feiern, wenn man nicht religiös ist.
„Trotzkraft wäre mein anderes Lieblingswort. Also egal, mit wem du feierst, ob du alleine feierst, ob du arbeiten musst oder ob deine Familie wirklich ganz furchtbar ist. Aber „Trotzkraft“ zu sagen okay, dieses Fest ist widerständig, es gibt mir auch Widerstand und ich will aber, dass das Kind vorkommt, dass die Sterne vorkommen“
Trotzkraft. Weltjahresbestzeit. Und dieses kindliche Staunen, das Christina Brudereck wieder wachrufen will. Vielleicht ist das ihr größtes Geschenk:
Es erinnert nicht nur das Jesus-Kind zu feiern, sondern auch das Kind in uns. Das hoffen kann. Das Licht sieht und es weitergibt.
Und vielleicht klingt genau das noch nach in den nächsten Tagen: Diese Ahnung, dass wir die Werte, die wir feiern, auch selbst in die Welt bringen können.
Oder, wie Christina Brudereck es sagen würde:
„Mach mal eine Kerze an. Guck mal, was passiert.“
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Peter Annweiler trifft Sarah Vecera
Teil 1: Krippe kultursensibel
Am Bildschirm bin ich mit Sarah Vecera verabredet. Eine Frau Anfang 40 - dunkler Teint, dunkle Haare - lächelt mich an und ich erfahre gleich als erstes von ihr: Schon als Kind hat sie an Weihnachten gespürt, wie ihr Aussehen auf andere wirkt.
Beim Krippenspiel durfte ich häufig die Maria spielen, weil gesagt worden ist, dass ich der Maria vermutlich am ähnlichsten gesehen habe bei allen Kindern, die sonst so im Kindergottesdienst waren und eben blonde Haare hatten und keine internationale Familiengeschichte hatten. Und das war vor allem schön, weil ich mich sonst in der Kirche sehr wenig repräsentiert gefühlt habe. Denn Kinder und Menschen, die so aussahen wie ich, die habe ich vor allem auf Spendenplakaten gesehen, vornehmlich zu Weihnachten.
… und das war merkwürdig für das Kind mit dunkler Hautfarbe in seiner ganz normalen Ruhrpott-Realität: Sarah Vecera ist in Oberhausen geboren und lebt bis heute im Ruhrgebiet. Ihr Vater stammt aus Pakistan, sie hat eine internationale Familiengeschichte. Naheliegend also, dass Sarah Vecera kultursensibel ist. Die studierte Theologin ist heute Referentin für Globales Lernen bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. Mit diesem Blick fallen ihr gerade zu Weihnachten viele Details auf.
In vielen deutschen Krippen ist Jesus ja eher so ein rosa, europäisches Baby meist auch mit blonden Locken und historisch gesehen, würde ich halt sagen, kam Jesus aus dem Nahen Osten und sah vermutlich nicht so westeuropäisch aus, wie in den meisten Krippen.
Ja, denke ich: Das ist wohl auch gar nicht zu vermeiden: Dass unsere kulturelle Prägung auch unsere historischen Jesusbilder prägt. In Bildern, Krippen und Liedern geschieht das, eben inklusive Haut und Haaren. Vom „holden Knaben im lockigen Haar“ singe ich mit meinem Mehrheitsblick an Weihnachten ja ganz selbstverständlich und gewohnt. Ich finde das auch ganz in Ordnung. Und deshalb bin ich neugierig, wie das für Sarah Vercera ist.
Ich muss gestehen, ich habe sie mir auch immer blond vorgestellt, die Haare, aber dem ist ja gar nicht so. Und ich kann eigentlich mit dieser Zeile ganz gut leben, weil ein holder Knabe kann auch dunkle Locken haben. Und so stelle ich ihn mir heute vor.
Da wirbt Sarah Vecera für einen Blick, der empfänglich ist für die Perspektiven von Minderheiten und Menschen am Rand und fragt gleichzeitig, wie unsere mitteleuropäische Perspektive eigentlich entstanden ist. Und darüber hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ist Jesus weiß geworden?“
Wenn ich die Frage stelle, wie ist Jesus weiß geworden, dann geht es mir darum, dass Menschen ein Aha-Erlebnis haben. Und wenn wir dann ins Gespräch kommen, ohne Schuld und Scham auch eine Rolle spielen zu lassen, sondern uns selbst reflektieren und sagen, Mensch, das ist was, da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht.
Bei mir hat das schon mal genau so funktioniert.
Teil 2: Weihnachten weltweit.
Als Theologin beim Wuppertaler Missionswerk ist sie sensibel für die Vorstellungen geworden, die wir uns von Jesus machen – und das wirkt sich für die Mutter von zwei Kindern auch zu Hause aus. Etwa, wenn es darum geht, welche Hautfarbe das Krippenkind hat.
Wir haben sogar drei Krippen zu Hause. Meine Kinder, die spielen gerne da auch damit. Wir haben eine schlichte Holzkrippe. Da gibt es eigentlich gar keine Hautfarben. Dann haben wir eine aus Tansania aus Bananenblättern. Und wir haben eine Spielzeugkrippe, in der hat Jesus eher so meinen Hautton. Also sieht eher braun aus und nicht weiß von der Hautfarbe her.
Über die eigene Lebensgeschichte ist Sarah Veceras Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ entstanden. Darin macht sie stark, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind und plädiert leidenschaftlich für eine weltweite Kirche und eine vielfältige Gesellschaft. Bitter, wenn sie dann bei Lesungen und Vorträgen die Erfahrung machen muss,
dass durch meine Öffentlichkeit sich mir viele Menschen anvertrauen, die internationale Familiengeschichten haben, Migrationshintergrund haben und viele von diesen Menschen mittlerweile einen Plan B mittlerweile haben, weil sie Angst haben, weil sie nicht wissen, was in diesem Land passieren wird. Und sie sich überlegen, wo können wir leben, wenn wir nicht mehr in Deutschland leben können? Und das ist für mich wirklich erschütternd.
Wie beklemmend, wenn immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Angst und Sorge um ihre Zukunft leben. Sie brauchen Verbündete – und dazu zählen besonders die Kirchen mit der Weihnachtsbotschaft:
Jedenfalls wäre mein Wunsch in diesen Zeiten gar nicht so sehr darauf angelegt, Jesus nicht länger weiß zu malen, sondern eine starke Kirche in einer Zeit zu sein, die eine Botschaft hat, die sich hinter Menschen stellt, die in Bedrängnis kommen, sich denen zuwendet, die ausgegrenzt werden, die Angst haben und die Zuflucht suchen.
Das ist die Botschaft von Weihnachten und die bleibt weit über die Feiertage hinaus aktuell. Gerade heute ist deshalb wichtig, was Sarah Vecera so formuliert:
Für mich ist die Mitte von Weihnachten die radikale Hoffnung und Gerechtigkeit, die wir, glaube ich, in diesen Zeiten auch ganz gut brauchen. Also es ist schön, Weihnachten zu feiern in einer Welt, die häufig sehr hoffnungslos uns vorkommt und das ja auch an vielen politischen Punkten auch ist. Gott kommt klein und verletzlich, bringt Frieden und stellt die Verhältnisse dieser Welt auch erst mal auf den Kopf. Und das finde ich sehr hoffnungsvoll.
Buchtipp:

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