Zeige Beiträge 1 bis 10 von 1157 »

Ich bin Manuela Pfann und heute mit Heiko Hauger unterwegs. Er hat Theologie studiert und war kurz vor der Weihe zum katholischen Priester. Dann hat er sich in einen Mann verliebt und ihn geheiratet. Priester ist er so nicht geworden. Und jetzt, über 20 Jahre später, ist er der erste Seelsorger, der sich im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart um queere Menschen kümmert. Er arbeitet also bei der Kirche! Das war damals undenkbar.
Gibt es den Platz überhaupt noch für mich in der Kirche oder wo könnte der sein? Erstmal habe ich auch einfach Abstand gebraucht. Einfach eine Zeit der Selbstvergewisserung.
In der Zeit war die Kirche St. Fidelis in der Stuttgarter Innenstadt ein wichtiger Ort für ihn. Da sitzen wir beide gerade. Heiko Hauger legt den Kopf in den Nacken, schaut nach oben, in den hohen, hellen Kirchenraum. Und denkt zurück:
Dann bin ich damals hier auf den Queergottesdienst gestoßen, der einmal im Monat stattfindet. Da konnte ich dann wieder leise anklopfen. Ja, bei Kirche, bei vielleicht auch den Wurzeln, die von mir da waren.
Denn sein Glaube und Gott sind ja nicht verschwunden, nur weil er als schwuler Mann lebt. Da war er sich immer sicher, …
… dass mir das auch niemand und keine Institution oder sonst jemand verwehren könnte.
Hauger teilt sich die Stelle für „queersensible Pastoral“ wie sie offiziell heißt mit einem Kollegen. Und die beiden haben eine klare Vision:
Uns ist ganz einfach auch wichtig von so einer kühlen Toleranz „Es ist okay irgendwie, dass queere Menschen da sind“, hin zu einem „echt queer geliebt“, dass das Menschen erfahren können.
Genau das ist gerade so wichtig. Weil Queerfeindlichkeit zunimmt. Beim Christopher Street Day beispielsweise gab es in diesem Jahr in etlichen Städten Übergriffe. Gut, dass die Kirche wenigstens ein Signal setzt! Aber es geht natürlich um viel mehr, das weiß Heiko Hauger auch:
Es geht auch um Glaubwürdigkeit bei Kirche an dem Punkt. Und das gilt im Umgang mit queeren Menschen. Das gilt aber genauso im Umgang mit wiederverheiratet Geschiedene oder wie auch immer. Wie sehr nimmt sie es denn ernst mit der Nächstenliebe? Oder fängt sie dann an, Grenzen zu setzen und auszuschließen?
Heiko Hauger bleibt da kritisch mit „seiner“ Kirche, und er weiß auch, wie die Realität aussieht bei heiklen Fragen.
Natürlich ist es immer noch so wenn wieder so ein großes Ringen um den Segen kommt für alle Paare. Ja, da denke ich manchmal Boah! Sind wir wirklich noch an dem Punkt? Ja, wir sind an dem Punkt, und wir kämpfen weiter.
Für Heiko Hauger und seinen Kollegen heißt das konkret: rausgehen, vor Ort, kleine Veranstaltungen machen, Filmabende, Gesprächsrunden. Denn im Grunde geht es um eine Haltung, immer noch, wie vor 20 Jahren:
Also einfach zu wissen, ich bin willkommen mit meiner ganzen Geschichte. Ich muss mich nicht erklären, ich bin erst mal da, als der Heiko. Das find ich ganz wichtig. Da Sicherheit zu haben, das hätte ich damals gebraucht.
Wir verlassen die Kirche St. Fidelis und gehen über die Straße, rüber zu einem alten Friedhof. Wir spazieren ein wenig durch das liegengebliebene Herbstlaub. Friedhöfe waren für Heiko Hauger fast zwanzig Jahre Einsatz- und Arbeitsort, nachdem er entschieden hatte, wegen der Liebe nicht Priester zu werden. Stattdessen hat er für einen Stuttgarter Bestatter gearbeitet.
Da habe ich dann einen Beruf gesucht, der einfach auch sehr nah an der Seelsorge ist. Deswegen gehört der Friedhof auch zu meinem Leben mit dazu. Und ja, das war eine sehr wertvolle Zeit, die Aufgabe war für mich sehr sinnerfüllend. Und Menschen da nah sein zu dürfen und zu begleiten, ist eine total wichtige Aufgabe.
Als vor einem Jahr dann zum ersten Mal in der katholischen Kirche in Württemberg eine Seelsorgestelle für queere Menschen ausgeschrieben wurde, hat Heiko Hauger nicht lange überlegt.
Ich fühle mich jetzt schon am richtigen Platz und ich freue mich einfach, dass das, was ich aus dem Theologiestudium mitgebracht habe und so meine Lebensgeschichte und ja, an der Stelle was bewegen zu dürfen zu können. Für die queere Community.
Und das ist auch mit einer Hoffnung verbunden, nämlich:
Einen Beitrag dazu leisten, dass Gemeinden sich öffnen können, ja, dass sich die Kirche öffnen kann, dass Menschen sich zeigen dürfen. Ich glaube, das ist ganz, ganz existenziell.
Was so einfach und logisch klingt, ist es in der Realität nicht. Heiko Hauger weiß so gut wie ich auch: Gegen queere Menschen und ihre Liebe gibt es viel Gegenwind, aus den Reihen evangelikaler Christen oder aus fundamentalistischen Kreisen. Da werden Bibelstellen zitiert, die angeblich belegen, dass Homosexualität Sünde sei. Wie zum Beispiel aus dem Buch Leviticus: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“.
Dann denke ich immer: Boah, können wir jetzt mal die wissenschaftlichen Erkenntnisse ernst nehmen, die jetzt einfach da sind?
Bibelstellen kann man nicht einfach wörtlich nehmen, sondern muss schauen:
Wann sind sie entstanden, wie sind sie entstanden, welche Aussage steckt dahinter und welche kulturelle Erfahrung?
Und die Gesellschaft vor 2000 Jahren war nun mal eine völlig andere als heute. In diesem patriarchalen Kontext ging es um Machtrollen, aber nicht um gleichberechtigte Partnerschaften.
Zum Schluss habe ich noch eine Frage an Heiko Hauger. Weil ich etwas nicht ganz verstehe. Warum wollte er Priester werden? Er muss doch gewusst haben, dass das schwierig werden würde.
Also dass ich schwul bin, war mir eigentlich klar. Aber ich wollte es lange nicht wahrhaben. Und es braucht manchmal ne Riesenpackung Mut, einfach zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und zu dem, was einen ausmacht. Ja, und da hat es wirklich dieses totale Verlieben gebraucht, dass ich da rausgekommen bin.
Die Liebe also. Die führt nicht nur zu einem anderen Menschen, sondern eben auch zu sich selbst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43472
Barbara Wurz trifft Philipp Kuch
In der evangelischen Landeskirche von Baden und in der von Württemberg wird heute gewählt: Und zwar wählen die einzelnen Ortsgemeinden ihren neuen Kirchengemeinderat, also den Vorstand ihrer Gemeinde. Auch in Gruibingen auf der Schwäbischen Alb, das zur Kirchengemeinde „Oberes Filstal“ gehört. Hier treffe ich Philipp Kuch. Er ist seit 2014 Mitglied im Kirchengemeinderat. Und es ist also schon das dritte Mal, dass er sich zur Wahl aufstellen lässt. Um noch einmal für sechs Jahre Verantwortung zu übernehmen - zum Beispiel für die Finanzen seiner Gemeinde, um übers Gottesdienstangebot zu entscheiden oder um beim Gemeindefest Bänke zu schleppen und die Getränke zu bestellen… Viel Zeit und Hirnschmalz, die Philipp Kuch da investiert.
Die Versuchung war natürlich groß, nach zwölf Jahren sich nicht mehr zur Wahl zu stellen. (...) Und mit Anfang 30 möchte man ja vielleicht auch noch mal andere Dinge im Leben ausprobieren. Aber ich war dann am Ende der Meinung, durch diesen großen Umbruch, der gerade in unserer Kirche stattfindet, mit Verwaltungsreform, Pfarrstellen-Streichungen, Fusionen, (...) dass es in der Gemeinde jemanden braucht, der einfach Sicherheit geben kann.
Heute kann Philipp Kuch das – verunsicherten Gemeindemitgliedern etwas Sicherheit geben. Vor 12 Jahren, als frisch gebackener Kirchengemeinderat war das noch ganz anders.
Ich kannte ja die Arbeit ein bisschen von meiner Mutter, die ja vorher schon im Kirchengemeinderat war. Aber wie es dann in so einer Sitzung natürlich zugeht, das war mir völlig unbekannt - vor allem als Jüngster mit Anfang 20. - traut man sich da oft nicht, einfach das Wort zu ergreifen, wenn lauter Ältere vor einem sitzen. Das war dann schon eine große Überwindung am Anfang .
Von den Älteren ist er aber immer ermutigt worden, erzählt mir Philipp Kuch. Und konnte so gut hineinwachsen in den sechswöchigen Rhythmus der Sitzungen. Er hat gelernt, mitzudiskutieren, und schnell hat er auch Spaß daran gefunden, als Junger auch was bewegen zu können. Zum Beispiel, als es daran ging, die Martinskirche von Gruibingen zu renovieren.
Also wir haben dann damals auch schon an Social Media gedacht und Online-Übertragungen. (...) Und haben dann damals auch schon die Leitungen gelegt für Videokameras und Übertragungen ins Internet. Das war natürlich für mich als junger Mensch was Tolles.
Trotzdem konnte das Projekt damals dann doch nicht an den Start gehen. Das Geld für die nötige Hardware – Kameras, Monitore usw. – ist ihnen damals ausgegangen. Philipp Kuch hat trotzdem nicht das Handtuch geworfen. Er weiß: Als Kirchengemeinderat muss man manchmal auch Frust wegstecken können. Und: Das Geld ist überhaupt knapper geworden in den letzten Jahren. Die Gemeindemitlieder sind weniger geworden. Sein Heimatort Gruibingen hat sich mit Wiesensteig zusammengetan, um als Gemeinde „Oberes Filstal“ die Kräfte zu bündeln. Aber nachdem sie so viel geschafft haben, ist Philipp Kuch sich sicher: Nach dieser anstrengenden Phase lässt sich jetzt auch wieder was bewegen.
Raus zu den Leuten muss die Kirche gehen, sagt Philipp Kuch. Und erzählt mir, was sie zum Beispiel für Heilig Abend geplant haben.
Da wird es einen Gottesdienst im Dorfgeben, nicht in der Kirche. (…) Das ist dann ein Gottesdienst, der etwas kürzer ist. Man muss nicht ewig in die unbequeme Kirchenbank rein sitzen und kann dann danach einfach auch noch mit den Leuten dort zusammenstehen.
Es lässt sich was bewegen, in einer Kirchengemeinde, weiß Philipp Kuch: Mit Adventsandachten z.B. die mitten in der Woche stattfinden und ziemlich gut besucht sind. Genauso in der Jugendarbeit oder mit Aktionen für die Konfirmanden
Wir gehen zum Beispiel in den Kletterwald oder haben das Bestattungsinstitut Maichle besucht zum Thema Tod. Also da finden viele Veranstaltungen auch außerhalb des Unterrichts statt, die die Konfis einfach zusammenschweißen.
Bei der Kirche haben sie die Chance, auch mal über etwas ganz anderes zu reden, als in der Schule oder im Sportverein:
Wo können sich Jugendliche mit dem Thema Tod auseinandersetzen, wenn nicht bei uns in der Kirche? Und ich glaube, vielleicht nicht jeder Jugendliche, aber viele haben diese Erfahrung schon machen müssen und haben vielleicht dort auch keinen Anlaufpunkt in der bürgerlichen Welt gehabt. Und dafür ist ja denn die Kirche auch da.
Philipp Kuch hofft, dass die Jugendlichen auch die Chance nutzen, heute bei der Wahl des Kirchengemeinderats mitzumachen. Denn wählen darf man in der evangelischen Kirche schon mit 14 Jahren. Und damit auch alle neu Konfirmierten:
Sie bekennen sich ja mit ihrer Konfirmation zur Gemeinde (...) Und dann würde ich Ihnen raten, auch dann das Recht, das aktiv mitzugestalten, durch die Wahl ernst zu nehmen und auch wahrzunehmen. Und wo kann man mit 14 Jahren schon aktiv wählen und ein Gremium mitbestimmen, das seine Interessen eventuell mit vertritt?
Philipp Kuch selbst ist noch einen Schritt weitergegangen – geht nicht nur wählen, sondern stellt sich zur Wahl – für seine Gemeinde, denn...
das ist eine Gemeinschaft mit Menschen, an die ich mich wenden kann, generationsübergreifend. (...) Und ich weiß, ich kann jederzeit wo ich ein Problem habe, auch privat mit denen drüber reden und die verstehen mich. Und auch andersherum ist das dann der Fall. Und das gibt für mich einfach so ein Stück weit Gewissheit: Du bist nicht allein, du wirst durch den Alltag getragen, durch diese Gemeinschaft und den Glauben an Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43419

Ich treffe den Schauspieler Oliver Fleischer. Er spielt in Filmen und Serien, unter anderem Danni Lowinski, Polizeiruf oder Daheim in den Bergen. Und er ist viel am Theater zu sehen. Seit zwölf Jahren hat er aber auch einen interessanten Nebenjob: Er ist Sargträger. Ich will als Erstes wissen, wie man eigentlich dazu kommt, Sargträger zu werden.
Das war vor zwölf Jahren über eine Zeitungsannonce, der örtliche Friedhofsgärtner suchte Sargträger. Und dann wurden mir fünf Fragen gestellt am Telefon: ob ich einen schwarzen Anzug hab, ein weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze Schuhe und ob ich morgen Zeit hab. Hab ich gesagt, „ja“, und er hat gesagt: „Du hast den Job.“ Weil es werden händeringend deutschlandweit Sargträger gesucht.
Oliver Fleischer hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben: „Der Oma hätte das gefallen“. Darin erzählt er viele schöne, skurrile und bereichernde Geschichten von Beerdigungen. Seine Sicht auf Leben und Tod hat sich mit dem Sargträger-Job ganz schön verändert.
Also wir leben nicht unendlich. Das passiert nicht und sich damit auseinanderzusetzen, das nimmt die Angst vor dem Tod ein bisschen.
Und da kann der Tod ein großer Lehrer sein, zu sagen: Nutz die Zeit, nutz die Dinge, die du hast, und dann leb sie einfach und leb dein Leben.
Seine größte Erkenntnis ist:
Dass egal an was du glaubst oder was du bist oder was du denkst, die Menschen sind auf keinem Ort dieser Welt so gleich wie auf dem Friedhof. Im Moment der Trauer sind die Menschen alle gleich.
Oliver Fleischer ist es total wichtig der Tatsache ins Auge zu sehen, dass das Leben hier auf der Erde endlich ist. Und er hat daraus auch für sich persönlich Konsequenzen gezogen. Er hat Schwierigkeiten im familiären Umfeld geklärt und ist froh darüber.
Aber das heißt nicht, dass es für ihn nach dem Tod nicht auch weitergeht. Er glaubt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und dass das was mit Gott zu tun hat.
Oliver Fleischer hat als Sargträger gelernt, dass es wichtig ist, die Dinge rund um die eigene Beerdigung zu Lebzeiten zu regeln.
Das ist ein kleiner großer Dienst, den du deinen Hinterbliebenen machen kannst, die Dinge im Vorfeld regeln, weil die haben hinterher ganz, ganz viele andere Dinge im Kopf.
Und wenn die dann noch nicht mal wissen, wie du beerdigt werden willst, also ich meine, das ist so die letzte große Feier, die man hat, und jede Feier planst du irgendwie, aber die Feier planst du nicht. Und von daher glaube ich, dass es auch nicht weh tut, drüber zu sprechen.
Er hat schon entschieden, wie er es haben möchte. Verrät aber nichts, die Menschen sollen ja schließlich zu seiner Beerdigung kommen. Nur soviel, er möchte eine Urnenbestattung. Schon alleine wegen der Rückengesundheit seiner Kollegen. Oliver Fleischer ist ein ganz großer und kräftiger Mensch.
Wir haben gemeinsam, dass wir beide Beerdigungen als bereichernd erleben. So nah am Leben und an existenziellen Momenten anderer Menschen sein zu dürfen und unser Bestes dazu beizutragen, damit sich Menschen gut verabschieden können, das ist schon was Besonderes. Oliver Fleischer als Sargträger und ich als Pastoralreferentin, die die Feier gestaltet. Uns beide trägt dabei, dass wir davon überzeugt sind, dass das Leben für alle Menschen auch nach dem Tod gut weitergeht. Und dass das was mit Gott zu tun hat. Oliver Fleischer sagt über seine Beziehung zu Gott:
Ich geh schon ins Zwiegespräch, auch mit Gott, für mich, in mein Zwiegespräch. Und manchmal zieh ich da auch Dinge für mich dann raus und manchmal nicht, aber es tut mir gut, meistens.
Und dann erzählt er, wie viel Leben bei einer Beerdigung sein kann - und sogar Lachen. Manche Situationen sind einfach skurril. Das erlebe ich auch so. Wenn Oliver Fleischer erzählt, ist das nie respektlos. Leben und Tod treffen auf dem Friedhof eben mit voller Wucht aufeinander.
Es war wirklich so ein Novembermorgen. Und dann sind wir losgegangen mit den Worten, dass man in sich kehren sollte und auf einmal quietschte das so laut.
Dann sind wir um so eine Kurve gekommen und da stand einer mit Dudelsack und dem schottischen Kilt und spielte aber wirklich krumm und schief auf dem Ding als ob er den besten Job seines Lebens abliefert.
Und das war so schräg und dann guckte ich nach vorne und dann sah ich meinen Kollegen und der zitterte am ganzen Körper, kniff die Augen zusammen und Tränen liefen ihm herunter.
Und dann stellte ich fest, dass der einfach nicht mehr konnte, der musste lachen. Und als mir das bewusst wurde, musste ich natürlich lachen.
Und der Sohn stand daneben und grinste sich auch einen und meinte dann nur noch: „Der Papa hatte halt einen eigenen Musikgeschmack.“
Und manchmal ist es auf dem Friedhof einfach nur schrecklich und schwer. Die eindrücklichste Beerdigung war für Oliver Fleischer die erste Bestattung eines Kindes. Er ist selbst Vater einer Tochter. Und er wusste vorher nicht, dass ein Kind beerdigt wird. Er hat es gemacht und geschafft und mit dem Vater und dem Opa des Kindes zusammen den Sarg getragen.
Das hat mich also so meine eigenen innersten Ängste spüren lassen, also mein Kind zu verlieren und so machtlos zu sein.
Und danach hab ich auch bitterlichst geweint im Auto. Und hab dann einfach für mich gemerkt, dass dieser kleine Dienst, den wir da machen, der Dienst am lebenden und am toten Menschen ist.
Oliver Fleischer erlebt seinen Zweitberuf als Bereicherung.
Er hat ein zweites Buch geschrieben, indem er seine Erlebnisse einordnet. Es heißt „Heute schon gelebt?“ und erscheint im Februar nächstes Jahr. Einen exklusiven Ausschnitt dürfen wir jetzt schon hören:
Und wenn der Tod eines Tages kommt und er wird kommen, lass ihn dich finden, mit Schmutz an den Händen und Liebe auf den Lippen.
Lass ihn dich finden und dann sollst du sagen können: 'Ich hab nicht nur vom Leben gesprochen, ich hab es berührt, geschmeckt, geatmet. Ich war hier und ich habe gelebt. Ich lebe.'
„Ich lebe.“ Genau das ist mein christlicher Glaube. Ich lebe so gut ich es kann hier – und dann nach dem Tod hoffe ich auf das Leben in Fülle bei Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43352
Mit Felix Weise und Julie Leuze. Das Thema Sterben und Trauer ist nichts, mit dem man sich gern freiwillig auseinandersetzt. Aber irgendwann bricht es nun mal herein ins Leben: Wenn jemand Nahestehendes stirbt oder erkrankt. Die Autorin Julie Leuze hat sich dem Thema freiwillig genähert. Und hat ein Kinderbuch dazu geschrieben. Denn Kinder trauern anders.
Das sind Erwachsene oft ein bisschen irritiert, wenn Kinder todtraurig sind und 5 Minuten später wieder ganz lustig lachen. Und da sagt man, dass Kinder, so wie in ihrer Trauer wie in Pfützen hüpfen. Also sie hüpfen rein, sind komplett da drin und auch komplett durchnässt und dann hüpfen sie wieder raus. Und dann geht es dann aber auch wieder gut.
Um eine Hilfe zu bieten, mit Kindern über das schwierige Thema Sterben und Trauern ins Gespräch zu kommen hat Julie Leuze das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ geschrieben. Darin erzählt das Mädchen Tilly ihrem Freund Noah, dass ihr Opa bald sterben wird. Für Noah ist das erst mal gruselig: Darf er mit seiner Freundin dann überhaupt noch spielen und lachen? Und was passiert, wenn er Tilly zu Hause besucht und dem sterbenden Opa vielleicht begegnet?
Dann lernt er eben den Opa kennen. Dann stirbt tatsächlich jemand, aber nicht der Opa. Dann macht man sich Gedanken über das Leben nach dem Tod. Gibt es das oder gibt es das nicht? Dann kommt die Trauer und dann ist es, wie es in dem Buch heißt, wieder schön, aber anders schön.
Es ist der Hamster Herkules, der in der Geschichte unvermittelt vor dem Opa stirbt. Der Tod ist eben nicht planbar.
Man setzt sich mit diesem Opa auseinander und dann hat er dann aber auch zu sterben. Ja, das tut er dann aber erst mal gar nicht, sondern er lebt doch noch weiter und doch noch und doch noch und doch noch. Und es dauert, weil man über den Tod ja nicht verfügen kann. Und dann? Es ist jemand anders, der stirbt, weil es ja tatsächlich so sein kann.
Als der Hamster Herkules stirbt, stellen sich die Kinder die Frage: Was kommt eigentlich nach dem Tod?
Da finde ich persönlich es am besten, wenn man sowohl sagt, was man selbst glaubt als auch sagt, was andere Menschen glauben, was andere Religionen für Antworten haben. Und auch das Kind fragt was glaubst du denn? Und dass man nicht dann eine Antwort über die andere stellt.
Bei aller Unsicherheit, was wirklich nach dem Tod kommt – Julie Leuze betont, dass es wichtig ist, Kindern mit der eigenen Antwort keine Angst zu machen.
Ist es also in Ordnung zu sagen, dass der Hamster Herkules jetzt vielleicht im Himmel ist, auch wenn man sich selbst gar nicht so sicher ist?
Ja, auf jeden Fall. Es schadet ja niemandem, es tut keinem weh. Wie gesagt, wir wissen es ja auch nicht. Also warum sollen Tiere nicht auch, warum soll die Seele nicht weiterleben? Und ich glaube, da sollte man tatsächlich dann, wenn das Kind sowieso schon trauert, nicht die Trauer auch noch verschärfen.
Das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ hat Julie Leuze geschrieben, nachdem sie sich intensiv mit dem Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt hat. Wie ist sie zu diesem Thema gekommen?
Das war am Ende der Coronazeit 2022, meine ich, war es, wo irgendwie die ganze Welt so ja sich verändert hatte. Und Sterben und der Tod plötzlich so allgegenwärtig geworden waren. Und ich so das Gefühl hatte, ich würde mich da tatsächlich gerne selber mit auseinandersetzen, noch mehr. Und hab gedacht okay. Ich glaube, ich kann das jetzt und ich glaube, dass ich es auch begleiten kann.
Mit Tod und Trauer beschäftigt sich Julie Leuze zuerst in einer Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Danach folgt noch eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin für Kinder bei den Johannitern. Eine Erfahrung, die sie in dieser Zeit machte, hat sie überrascht:
Man kann mit diesem Thema umgehen, ohne ständig traurig zu sein. Wir haben immer viel gelacht, wir hatten leichte Momente. Wir haben uns alle immer gefreut, uns wieder zu sehen und was zu lernen.
Es gibt diese leichten Momente – und dann aber auch wieder die schweren. Die, denen auch ich manchmal hilflos gegenüberstehe – obwohl ich Pfarrer bin. Auch mir fehlen manchmal einfach die Worte. Julie Leuze meint, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Wichtiger ist:
Dieses da sein und Zuhören und gar keine guten Tipps geben, die einem vielleicht mal irgendwie auf den Lippen liegen oder so, sondern einfach: Da sein, vielleicht eine Hand halten oder mit einem Kind dann eben vielleicht was basteln. Und wenn es dann plötzlich was sagt, dann eben nicht erschrecken, nicht abwiegeln, nicht ablenken, sondern verfügbar sein. Ich glaube, das ist es hauptsächlich.
Nicht erschrecken. Oder alles abwehren, was mit Trauer und Verlust zu tun hat. Sonst – sagt Julie Leuze – kommt das kleine Monster, das ich in den Keller sperre, irgendwann als Riesenmonster wieder hoch. Spätestens dann, wenn einen die eigenen Kinder danach fragen. Gerade jetzt im November bietet sich das an,
…dass man halt vielleicht dann wirklich mal so diese stillere, dunklere Zeit auch nutzt, um sich dann bewusst damit auseinanderzusetzen, vielleicht mal die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, vielleicht auch wirklich ruhig mal das jetzt mal christlich zu sagen, es mal Gott hinzuhalten. Einfach sein Herz dazu öffnen und sagen. „Oh, ich hab da Schwierigkeiten. Hilf mir doch, damit umzugehen.“ oder mit Freunden zu sprechen und es dann aber auch wieder loszulassen und sich dann wieder dem Leben, der Fröhlichkeit, schönen Kerzen, leckeren Plätzchen oder Lebkuchen zuzuwenden. Es darf ja beides sein.
Sich der Trauer nicht zu verschließen und gleichzeitig das Schöne auch nicht aus dem Blick zu verlieren. Das nehme ich mit. Und mir bleibt diese Formulierung aus dem Kinderbuch im Kopf. Die Hoffnung, dass es auch mit Trauer schön werden kann. Anders schön.
Das Buch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ und mehr Information zur Autorin finden Sie hier: https://www.julieleuze.de/kinderbuch/
Trauergruppen für Kinder bieten unter anderem die Johanniter an: https://www.johanniter.de/dienste-leistungen/kinder-und-jugendhilfe/lacrima/ür Kinder


Die Geißstraße 7 ist ein altes Haus in Stuttgart, gleich beim Hans-im-Glück – Brunnen, mitten im charmanten Ausgehviertel. Im Erdgeschoß ein Café, darüber ein Veranstaltungs-Saal, Büros einer Stiftung und Sozial-Wohnungen. Hier treffe ich Michael Kienzle, den Vorstand der Stiftung Geißstraße. Er zeigt mir das Haus.
(Schlüssel-Geklimper… Michael Kienzle:) „Da oben geht’s…“
Den Stiftungssaal kann man für Hochzeiten oder Kulturveranstaltungen mieten. An diesem Abend liest eine Autorin aus ihrem Buch.
Dass es diesen Ort überhaupt gibt, ist Kienzles Verdienst.
Früher war hier eine Kneipe, darüber lebten etwa 50 Menschen unterschiedlicher Herkunft, auf engstem Raum. 1994 legt ein Brandstifter Feuer im Haus; sieben Menschen sterben. Zuvor hat es in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen rassistisch motivierte Brandanschläge auf Wohnheime gegeben. Der Verdacht auf ein rassistisches Motiv bei der Geißstraße hat sich nicht bestätigt.
Doch für Kienzle und seine Mitstreiter ist klar: Eine Tat aus Hass…
„In Stuttgart darf das nicht passieren. Wir haben Geld gesammelt, das Haus wieder aufzubauen. Und wir haben gesagt, wir nehmen hier Menschen aus aller Welt, die hier zwei Jahre wohnen können und denen wir dann helfen, ins Arbeitsleben zu kommen. Und das machen wir seit 31 Jahren.“
Kienzle gründet die Stiftung Geißstraße mit dem Ziel, einen städtischen Raum zu schaffen, in dem sich Menschen begegnen und verständigen können. Ihm ist Reden und Austausch sehr wichtig. Denn Kienzle war Literaturwissenschaftler, Stuttgarter Gemeinderat, Redenschreiber. Er hat den Aufbruch der Nachkriegszeit miterlebt:
„Ich dachte, ich bin ein Glückspilz. Ich bin geboren `45 und dann ging es doch immer bergauf. Also die Bundesrepublik hat sich konstituiert. Die Amerikaner haben uns die Demokratie nähergebracht. Wir haben erleben können, dass der Kalte Krieg überwunden worden ist, dass die Grenzen sich geöffnet haben, dass Europa sich zusammengeschlossen hat...“
Kienzle hat erlebt, wie nach dem Krieg Vertrauen neu entstehen konnte und spürt zugleich, wie fragil das heute ist.
„Dieser ganze Optimismus „Es wird alles besser“, es hat sich doch langsam ins Gegenteil verkehrt, in eine große Ratlosigkeit, dass man jetzt für diese Rechte eigentlich kämpfen muss und dass die Demokratie, dass die Freiheit nicht verloren geht. Und da muss man wieder neu anfangen zu denken und auch was zu tun.“
Deshalb gründet er die Stiftung. Ich habe den Eindruck: Für Kienzle ist das keine Wohltätigkeit, sondern gelebte Verantwortung. Vielleicht weil er erlebt hat, wohin Hass und Wegsehen führen.
In einer Ecke des Stiftungssaals hängt ein Prospekthalter, mit großformatigen Blättern:
(Sabine Winkler:) „Sind das Zeitschriften oder Flugblätter, oder?“ (Michael Kienzle:) „Das sind, ja, so Denkblätter nennen wir das immer. Sie können gerne was mitnehmen…“
Auf einem geht es um Joseph Süß Oppenheimer, den jüdischen Bankier aus Stuttgart, der als ‚Jud Süß‘ traurige Berühmtheit erlangt hat. Oppenheimer wurde im 18. Jahrhundert in Folge judenfeindlicher Anfeindungen öffentlich hingerichtet.
Erinnerungskultur ist Kienzle wichtig, damit Fremdenhass keine Chance hat. Entscheidend ist für ihn eine gute Zivilgesellschaft.
Kienzle war viele Jahre für die Grünen im Stuttgarter Gemeinderat und schrieb Reden für Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Politik und Sprache, das hat ihn geprägt. Vielleicht hat er gerade dort gemerkt, wie schnell man über Menschen redet, statt mit ihnen.
Während wir reden, steht er auf, holt einen Zettel und reicht ihn mir:
„Mein Lieblingszitat mit dem ich dauernd durch die Gegend gehe.“ – (Sabine Winkler:) „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.“
Der Philosoph Hans-Georg Gadamer, bekannt für die Kunst des Verstehens, fasst für ihn in diesem Satz alles zusammen, worüber wir reden. Gespräch ist kein Mittel, um Recht zu behalten. Es ist eine Art zu leben. Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.
„Man muss mit allen Menschen im Dialog bleiben. […] Ich bin so mehr der diplomatische Typ, der die krassen Gegensätze nicht vertuscht, aber mal beiseite lässt. Also ich halte es auch aus, dass du bist eigentlich ein Idiot, aber ich sag es ihm nicht, sondern ich versuche zu gucken, ob es einen Zugang zu ihm gibt, wo er kein Idiot ist. Also, weil niemand ist 100 % Idiot.“
Empathie heißt für Kienzle nicht, alles gutzuheißen, sondern den Menschen zu sehen, bevor man ihn verurteilt. Reden, auch wenn es anstrengend ist.
Am Ende reden wir über Heimat:
„Heimat ist aus vielen Komponenten zusammengesetzt: Die Sprache ist ne Heimat, die Menschen und es gibt die Kindsheimat und es gibt die Heimat in der Elternschaft. Heimat ist was, was sich auch verändert. Gott sei Dank. Die muss offen bleiben, nach vorn. Dass Fremde dazukommen können, die plötzlich auch zur Heimat gehören. (…)Die Heimat ist im Kopf – und der Kopf ist rund.“
Damit das Denken die Richtung wechseln kann, beim Reden, im Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43271
Der evangelische Pfarrer Thomas Weiß hat schon immer leidenschaftlich gerne geschrieben. Nicht nur Sonntagspredigten, sondern auch Gedichte, Erzählungen, Kurzgeschichten und Essays, Seelenproviant. In seiner Wohnung mit einer fantastischen Aussicht auf das Baden-Badener Hügelland lebt er von Büchern umgeben. Und über eins seiner eigenen habe ich mit ihm gesprochen. Es trägt den Titel: „Mein Herz brennt“:
Das ist ein Buch für Trauernde. Das heißt, es gibt auch Trauersituationen, die erst mal gar nichts mit Tod zu tun haben, sondern einfach Verlust. Das kann die geschiedene Ehe, die beendete Freundschaft sein oder bei mir auch ein Stück eine Erkrankung, die mich jetzt gehindert hat, meinen Beruf weiter auszuüben.
Von einem evangelischen Pfarrer, der ein Buch für Trauernde geschrieben hat, erwarte ich fast automatisch tröstliche Worte. Mitgefühl und Hoffnungsvolles. So ähnlich, wie ich es von Beerdigungen auf dem Friedhof kenne. Aber es sind dann zwei überraschend andere Zugänge, die Thomas Weiß auf seinem Buchcover anführt. Er nennt es ein Wut- und Mut-Buch.
Wut und Mut passt hervorragend zusammen, und es ist tatsächlich so, um wütend zu sein, brauche ich sehr viel Mut, weil ich da ja einiges überspringen muss an Gottesbildern, an Demutshaltungen, an gebeugten Knien, und ich brauche, um mutig zu sein, auch sehr viel Wut, weil die Wut hilft, also in der Wut bin ich präsent.
Die Wut rauslassen: ein Impuls, den viele Menschen lieber unterdrücken. Das gehört sich nicht, sagt die Konvention. Beherrsche dich also! Viele Trauernde fürchten auch den Kontrollverlust, schämen sich für ihre Tränen. Und Wut ist sowieso verboten. Aber sie ist ja da. Thomas Weiß hat es selbst erlebt:
Als mein Vater starb, war ich stinkesauer auf ihn, weil wir noch ganz viel zu klären hatten und ich so das Gefühl habe, er schleicht sich davon und vermeidet es. Ich war wütend auf Gott, weil er es zugelassen hat, und ich war wütend auf mich, weil ich nicht rechtzeitig genug eingefordert habe, die Dinge zu klären.
Thomas Weiß hat entdeckt, dass in seiner Wut auch eine große Kraft steckt. Er lässt sie zu, lässt sie raus, lernt dabei eine neue Sprache, auch gegenüber Gott, findet Worte, die aufbegehren und herausfordern, Gott mit Fragen über Fragen löchern. So entstehen Gespräche auf Augenhöhe.
Also ich behandle Gott nicht immer sehr freundlich, und Menschen empfinden das als Ermutigung, diese ansozialisierte Sperre: Gott gegenüber muss ich mich demütig verhalten, der weiß schon, was er macht, er regiert ja alles so herrlich, auch wenn ich es nicht verstehe, dass man es auch aufgeben kann und sagen kann: Gott, wenn du es ernst meinst mit der Liebe, von der du redest, dann mach dich doch auch mal deutlich und lass mich nicht einfach unwissend zurück.
Und so hört sich das an, wenn Thomas Weiß betet:
Gott, ich höre jetzt auf, mit dir zu sprechen. Von jetzt an bete ich nicht mehr, bis du dich begreiflich gemacht hast, bis du in einer Sprache mit mir sprichst, die ich verstehen kann, die Sprache der Zuwendung, der Aufmerksamkeit, der ich abspüren kann, dass du nach mir siehst, dass dich bewegt, wie es um mich steht. Bisher schweigst du, und darum schweige ich auch und sehne mich danach, dass es bei unserer Stille nicht bleibt.
Auch wenn Thomas Weiß sich augenzwinkernd als Berufsbeter bezeichnet, ist es ihm wichtig, dass er sich auch mit seiner gewählten Sprache klar und konkret ausdrückt. Und er will anderen Hilfestellung geben, ihre eigene Sprache fürs Beten zu finden.
Es geht mir darum, Menschen zu ermutigen, ihr eigenes Verhältnis zum Beten, zu Gott zu finden, sich selbst darin auszudrücken, sich selbst in dem zu finden, was sie da beten.
Dabei hilft ihm seine Frau, die in der Palliativpflege arbeitet. Sterben, Schmerz und Tod gehören zu den alltäglichen Gesprächsthemen im Hause Weiß. Ihm hilft auch die eigene Lebensgeschichte, die ihn erst vor kurzem selber in Todesnähe gebracht hat. Ein paar Wochen lag er im Koma, war danach eine Zeitlang auf den Rollstuhl angewiesen. Was er schreibt, erfindet er nicht. Er empfindet es. Alles: Die Wut und den Mut:
Was mich ermutigt? Der Gesang der Amsel in der Frühe, der sich nicht ändert, wenn mein Leben aus den Fugen gerät. Die Hand des Freundes, die sich sanft auf meine Schulter legt, wenn ich kein Wort mehr sagen kann. ( … ) Das Schweigen einer Freundin, die mich aushält, wenn ich vor Trauer stumm geworden bin. Die Nähe, die Geborgenheit, die ich verspüre – und ich weiß nicht, woher sie kommen. Und wenn kein Gott, kein Glaube mir verordnet, wie ich fühlen soll, und ich kann sein, wie ich gerade bin.

--------------------------------------------------------
Thomas Weiß,
Mein Herz brennt
Ein Wut- und Mut-Buch für Trauernde
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2025,
160 Seiten
ISBN: 978-3-579-08262-2

Christopher Hoffmann trifft Jenny Jung.
Die 40-Jährige ist zweifache Mutter und Lehrerin. Und sie engagiert sich ehrenamtlich als Trauerbegleiterin. In den letzten vier Jahren hat sie unter anderem sehr viele Kinder im Kreis Neuwied begleitet, deren Eltern oder Geschwister verstorben sind. Mit Ritualen und Gemeinschaft versucht sie den Kindern Halt zu geben:
So machen wir das auch in der Kindertrauergruppe. Jeder zündet seine Kerze an zu Beginn der Gruppenstunde und sagt für wen er die Kerze anzündet, seinen Verstorbenen quasi in die Mitte holt und dass wir zusammen schauen wie sind wir heute da? Wie waren die letzten zwei Wochen?
Die Gruppe ist ein sicherer Ort, weil hier alle ähnliches erlebt haben. Ganz unterschiedlich sind die kreativen Methoden: Erlebnisse in der Natur, Musik, Schreiben. Denn jedes Kind trauert und öffnet sich anders. Jenny Jung erzählt mir von einer Begegnung mit einem Kind, dessen Bild für Trauer sie besonders beeindruckt hat:
Und da sagte ein Kind: Trauer wäre so wie eine Lichterkette, bei der eine Glühbirne kaputt ist und alle anderen können dann auf einmal nicht mehr leuchten.
Wow, dass ein Kind das schon so ausdrücken beeindruckt mich. Wie reagiert Jenny Jung als ausgebildete Trauerbegleiterin auf so ein eindrückliches Bild?
Klar, die Glühbirne ist kaputt, das ist so, das ist jetzt real, die können wir auch nicht einfach wieder austauschen und zack alles leuchtet wieder, so funktionierts halt leider nicht. Aber noch mal zu verdeutlichen: wie kann nochmal anders auch Licht kommen und an diesem Bild mit den Kindern auch zu arbeiten: Welche Möglichkeiten gibt es für dein Leben auch noch mal, dass es wieder heller wird.
Den Kindern helfen, dass sie mit der eigenen Trauer und ihren Gefühlen arbeiten können und auch wieder Hoffnung schöpfen. Das ist eine super sensible Sache - eigener Stress muss da draußen bleiben, man muss sich voll auf die Kinder einlassen, voll Dasein. Jenny Jung empfindet diese Begegnungen auch als etwas Heiliges:
Heilig ist mir auf jeden Fall, das was die Kinder mir auch anvertrauen. Das sind mir ganz heilige Momente, dass sie sich so öffnen und so ein Vertrauen haben. In der Arbeit mit den Kindern, du siehst so eine Weiterentwicklung, dass sie immer mehr Rüstzeug bekommen wieder gestärkt aus der Situation herauszugehen.
Trauergruppen und Einzelbegleitung gibt es vom Neuwieder Hospizverein auch für Jugendliche und ganze Familien. Und seit Oktober hat Jenny Jung mit einer neuen Zielgruppe begonnen: Junge Erwachsene, die um Angehörige trauern. Außerdem engagiert sie sich auch in der Hospizarbeit und ist ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Was motiviert sie, andere in so schwierigen Lebenssituationen zu begleiten? Ein Grund ist ihr christlicher Glaube:
Ich denk da immer an einen Vers aus der Bibel in dem es dann auch heißt: „Einer trage des anderen Last“. Und für mich ist es einfach wichtig: wir sind eine Gemeinschaft und da ist es wichtig auch nach rechts und nach links zu schauen und nach den Mitmenschen zu schauen.
Ich treffe Jenny Jung in dem Dorf Hardert im rheinischen Westerwald, wo sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt. Warum ist es so wichtig der Trauer einen Ort zu geben statt sie zu unterdrücken? Jenny Jung hat dafür ein starkes Bild:
Wenn ich mit meinen Kindern im Schwimmbad bin und die legen sich auf so einen aufblasbaren Ball und man versucht diesen Ball unter Wasser zu drücken und man drückt und drückt und drückt und braucht unglaublich viel Kraft und eine unachtsame Sekunde und mit voller Wucht kommt der Ball wieder hoch. Und ich glaub so ist das auch in der Trauer, wenn man versucht die Trauer und die Gefühle zu unterdrücken und nicht zuzulassen - sie kommen dann ganz plötzlich und mit voller Wucht hoch.
Jenny Jung sagt: Es ist wichtig sich Zeit für die eigene Trauer zu nehmen. Doch das ist oft gar nicht so einfach. Viele Betroffene erzählen ihr, dass der Druck aus dem Umfeld groß ist. Da heißt es immer wieder: nun ist mal genug mit dem Trauern. Und ebenso schlimm ist: Wenn Leute einen großen Bogen um Trauernde machen, oft auch aus Hilflosigkeit. Deshalb empfiehlt sie:
Sprecht die Menschen an - ich glaube, man kann ganz wenig falschmachen. Ich glaub wirklich falsch ist einfach gar nichts zu sagen und aus dem Weg zu gehen, dann kommt auch die Einsamkeit.
Und wenn man gar nicht weiß, was man sagen soll, dann darf man das auch einfach sagen, findet Jenny Jung:
Und das muss dann nicht die ganz große Rede sein, einfach vorbeigehen, einen Kuchen mitbringen und sagen: hier komm, ich bin da.
Als Christin gibt Jenny Jung der Glaube an Gott Kraft, auch für ihr Engagement. Wenn aber ein junger Familienvater an Krebs stirbt, oder eine Mutter oder ein Kind bei einem Unfall plötzlich ums Leben kommen, dann hat auch sie Zweifel:
Da bin ich dann auch echt schon mal wütend auf Gott und sag: warum? Da bleibt man oft einfach sprachlos mit der Familie sitzen.
Fromme Floskeln findet sie dann völlig fehl am Platz - und doch vertraut sie darauf, dass Gott helfen wird, damit die Familie genug Kraft hat, um weiterleben zu können. Wenn sie selbst in ihrem Leben mit dem Tod konfrontiert ist, dann hilft ihr auch ihre Hoffnung auf Auferstehung:
Das ist auf jeden Fall mein Glaube und auch meine Hoffnung, dass da noch was kommt. Mir das konkret vorzustellen ist schwierig, aber ich glaube, dass das Leben dann weitergeht, dass wir bei Gott sein werden, dass wir die Menschen, die schon verstorben sind dort auch wiedertreffen werden und das trägt mich sicherlich auch dadurch es wird ein Leben danach auch geben und wir werden uns wiedersehen.
Heute an Allerheiligen spürt sie diese Hoffnung auch, wenn sie an den Gräbern ihrer Lieben steht. Im Alltag erlebt sie Gott als Zuhörer, Begleiter, Ratgeber. Gottesdienst und Gebet sind ihre persönliche Kraftquelle. Wichtig ist ihr aber auch: Weder in der Trauerbegleitung noch in der Notfallseelsorge drückt sie ihren Glauben Menschen auf - da sind alle Menschen völlig unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit willkommen und erhalten konfessionsübergreifend Hilfe. Dann geht es darum, einfach Da zu sein und die Situation miteinander auszuhalten. Denn niemand soll in der Trauer alleine bleiben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43173
Mit Pfarrerin Barbara Wurz. Und ich darf mich dieses Mal mit gleich zwei interessanten jungen Männern unterhalten. Sie sind Freunde, unternehmen gerne was zusammen… Ganz normal… Allerdings:Furkan Yüksel ist gläubiger Muslim, Kiril Leor Denisov ist Jude. Und immer wieder begegnen ihnen Menschen, für die das alles andere als normal zu sein scheint. Kiril Denisov hört das des öfteren:
Es ist ja ein Wunder, dass wir befreundet seien und es ist ja, es kann ja nicht sein, so wie das möglich ist, als ob es nicht viele andere jüdisch muslimische Freundschaften in Deutschland gibt.
Kennengelernt haben sich die beiden bei „Schalom und Salam“: einem Projekt ins Leben gerufen vom Stuttgarter Verein „Kubus e.V.“ Sein Ziel: unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. Ganz bewusst auch über Themen und Probleme, die zum Beispiel Juden und Muslime in Deutschland miteinander teilen. Dazu Furkan Yüksel:
Der Punkt ist aber, dass wir in unserer Arbeit bei Shalom und Salam (...)anfangs sehr wenig über Rassismus in jüdischen Communities oder irgendwie über Antisemitismus in muslimischen Communities gesprochen haben, sondern unser größter Fokus war, über den steigenden Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft zu sprechen. Über Fälle wie Halle und Hanau, wo rechtsextreme Attentäter nicht nur ein rassistisches, sondern eben auch ein antisemitisches Weltbild hatten. (...)Deswegen war die Arbeit bei Schalom und Salam (...) vielmehr eine Allianz gewesen, ein Zweckbündnis gewesen für Dinge, die uns eben betroffen haben.
Die Freunde engagieren sich heute auch bei der Anne-Frank-Stiftung in Frankfurt, sind in der Erwachsenenbildung tätig und haben auch viele Schulklassen gemeinsam besucht. Immer mit dem Ziel, dass Menschen aus scheinbar getrennten Lebenswelten miteinander ins Gespräch kommen. Um gegenseitige Vorurteile abzubauen. Und sich trauen zu zeigen, wer sie eigentlich sind. Und manchmal kostet das Überwindung, wie Kiril Denisov erzählt:
Wenn ich an Schulen bin, passiert es mir immer noch oft, dass Schülerinnen Schüler auf mich zukommen und sagen Ich bin jüdisch. Es weiß niemand aus meiner Klasse, ich weiß nicht mehr eine Lehrkraft. Danke, dass du da warst über die Themen gesprochen hast.
Rassismus und Anitsemitismus gehören eben leider doch nicht einfach der Vergangenheit an. Und Kiril Denisiv findet: Beides hat ganz allgemein mit Vorurteilen von Menschen zu tun.
Jede Person in Deutschland, selbst die Betroffenen: alle haben Vorurteile, über die verschiedensten Menschengruppen internalisiert, bewusst und unbewusst. (…) Das heißt, wir sehen das auch bei uns und ist eine kontinuierliche Aufgabe, (…) uns mit diesen Themen zu beschäftigen. Ja, und das hat sehr viel mit der eigenen Identität zu tun, eigene Positionierung, aber auch, wie die Gesellschaft einen wahrnimmt
Eine Gesellschaft und ihre Vorurteile und wie man Menschen darüber ins Gespräch bringen kann, das ist das Thema der beiden Freunde Furkan Yüksel und Kiril Denisov.
Beide spüren auch die Spannungen, die der aktuelle Nahostkonflikt für Juden und Muslime in Deutschland mit sich gebracht hat. Und trotzdem sieht Furkan Yüksel die größeren Probleme woanders liegen:
Und ich sage mal so eine jüdische Gemeinde, die vielleicht jetzt in meinem Blick etwas Rassistisches über Muslime zu sagen hätte, ist nicht die Gefahr für mich am Ende des Tages, wenn ich in Aussicht gestellt bekommen könnte, dass eine in vielen Aspekten gesichert, rechtsextrem eingestufte Partei demnächst eben eine Regierungsposition einnehmen könnte.
Vorurteile abbauen. Ängste abbauen, um dem Ruck gegen rechts etwas entgegenzusetzten – darauf setzten die Freunde und dafür setzten sie sich ein. Und aus eigener Erfahrung wissen sie: Aus Ablehnung von dem, was man nicht kennt, kann sogar Bewunderung werden. Denn im Laufe der Zeit haben die Freunde einiges voneinander gelernt. Kiril Denisov:
Es ist, was ich bewundere, aber selbst nicht machen könnte ist, es durchzuziehen, fünfmal am Tag zu beten. Also da habe ich einfach nicht die Disziplin dazu. Vielleicht
Und Furkan Yüksel meint:
Und ich bin zum Beispiel sehr interessiert an so jüdischer Kabbala, also was vielleicht bei Muslimen zu unserer Zeit so Sufismus und Mystizismus ausgehandelt wird. (...)Da würde ich sagen, das verstehe ich nicht, aber ich würde es gerne verstehen.
Gemeinsame Traditionen oder die Herkunft können Menschen miteinander verbinden. Sie können aber auch zu einem Gefängnis werden, das Menschen voneinander trennt und aus dem Furkan Yüksel ausbrechen möchte. Und sagt: Ich gehöre zu einer bestimmten Gruppe und Religionsgemeinschaft...
...und gleichzeitig habe ich dann zum Beispiel ein Freund wie Kyrill, der von mir aus einer anderen Religion angehört, aber halt, was die Werte betrifft, vielleicht viel, viel mehr mit mir gemeinsam hat, als beispielsweise eine Person, die vielleicht muslimisch ist, aber nicht dieselben Werte wie ich teile. Und deswegen finde ich, würde ich das gar nicht in so religiösen Dimensionen ausmachen. Es ist am Ende des Tages, was man daraus macht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43199
Christopher Hoffmann trifft: Pascal Stadelmann
Der Pilot fliegt für die Schweizer Fluglinie Swiss Air. Ich treffe ihn in Luzern. Für mich einer der schönsten Städte der Welt, direkt am Vierwaldstättersee - ein Paradies. Pascal Stadelmann tauscht seine idyllische Heimat Luzern aber immer wieder mit dem italienischen Lampedusa. Von dort fliegt er dann ehrenamtlich mit einer kleinen Propellermaschine bis zu zehn Stunden über das Mittelmeer. Mit der Hilfsorganisation „Humanitarian Pilots Initiative“ - kurz HPI - sucht er dort nach Flüchtlingsbooten. Erst taucht am Horizont meist ein kleiner schwarzer Punkt auf. Fliegen sie näher heran, sehen sie immer wieder viel zu viele Menschen auf viel zu kleinen Booten. Frauen, Männer, Kinder, Säuglinge. Und setzen dann einen Notruf ab.
Weil die Situation zum Teil extrem heikel wird - gerade wenn so ein Schlauchboot überladen unterwegs ist und es dann mal anfängt sich mit Wasser zu füllen, dann geht’s noch um Minuten und nicht um Stunden.
Seit Pascal ein kleiner Junge war, träumte er vom Fliegen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob er mit Swiss Air auf Langstreckenflügen nach Mumbai oder New York unterwegs ist, oder ehrenamtlich über dem Mittelmeer auf engstem Raum und bei fast 50 Grad Celsius im Cockpit:
Man sitzt eingepfercht in diesem kleinen Flugzeug zu viert. Pinkeln ist gar nicht mal so ein Thema, man schwitzt halt alles raus. Normalerweise flieg ich 8-9 Stunden im Linienflugzeug, da steh ich mal auf, geh auf Toilette, mach mir nen Kaffee, ess was Gutes und im Mittelmeer flieg ich genau dieselbe Zeit und man kommt schon an seine Grenzen.
Und doch macht er das seit acht Jahren. Erst in seinem Urlaub. Inzwischen hat er seine Stelle bei Swiss Air um 20% reduziert, um im Mittelmeer in dieser Zeit Menschenleben zu retten. Der 35-Jährige ist Vater eines sieben Monate alten Sohnes. Bevor er Pilot wurde, studierte er Soziale Arbeit. Er hat in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gearbeitet, die aus Eritrea, Somalia oder Syrien nach Luzern gekommen waren. Das hat ihn geprägt:
Wenn 14-jährige Mädchen hier ankommen und schon zwei Jahr allein unterwegs waren, irgendwo in libyschen Lagern eingesperrt worden sind, dann geht einem das schon noch mal näher.
Libyen- für viele die schlimmste Station auf ihrer Flucht. Die Organisation HPI fliegt auch als „ziviles Auge“ über das Mittelmeer, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Immer öfter werden die Piloten Zeuge, wie Schnellboote der libyschen Küstenwache, die von der EU finanziert wurden, in der europäischen Seenotrettungszone so genannte „Pushbacks“ durchführen, also Menschen zurück nach Libyen bringen:
Völkerrechtlich müssen Menschen in Not in ein Land gebracht werden, wo sie save sind. Libyen ist es auf keinen Fall. Menschen leben da zwei Jahre oder mehr in Lagern, werden hingerichtet, vergewaltigt. Wenn Europa mithilft, Menschen zurückzuschaffen nach Libyen, dann tragen wir große Mitschuld am Elend dieser Menschen und das ist in meinen Augen ein riesen Vergehen und auch Versagen Europas.
Pascal ist als Junge in einem Dorf im Eigenthal nahe Luzern groß geworden. Besonders geprägt haben ihn dort die Pfadfinder mit ihren Werten:
Dass man die Welt ein bisschen besser hinterlässt, als man sie antrifft. Und das begleitet mich seit eh und je und ich glaub das will ich machen: Ich hab die Welt privilegiert angetroffen und wenn ich mal von der Welt geh, will ich mir sagen können: ich hab was zurückgegeben, und sie ist jetzt vielleicht ein kleines Stück besser geworden.
Mir kommt es so vor, dass Pascal Stadelmann in der Symbiose aus Luftfahrt und Leben retten seine Berufung gefunden hat:
Ich mach mir sehr oft Gedanken, was wir hier sind und wie wir agieren in der Welt. Spiritualität ist mir wirklich wichtig. Das ist vielleicht eine Art Glaube für mich, dass wenn ich was Gutes tu oder wir generell was Gutes tun und positive Energie in die Welt stecken, dass die Welt dann ein kleines bisschen besser wird.
Die Organisation HPI tut viel Gutes: ihre Piloten transportierten zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine unter anderem dringend benötigte Medikamente auf dem Luftweg ins Land und evakuierten Menschen mit Beeinträchtigung aus dem Bombenhagel. Sie haben ein System entwickelt, das Hilfsgüter über den entlegensten Gebieten, etwa im Südsudan, abwerfen kann. Dort arbeiten sie mit „Ärzte ohne Grenzen“ zusammen. Und Pascal Stadelmann sitzt aktuell noch an einem neuen Projekt: Aufklärungsflüge über dem Atlantik:
Von Mauretanien, Senegal, mittlerweile sogar von Guinea, wo Boote mit Menschen loslegen Richtung Kanaren, El Hierro meistens, die Insel, wo eigentlich im Moment fast mehr Menschen ertrinken als im Mittelmer, aber das geht irgendwie komplett vergessen. Und unsere Hoffnung ist, dass wir Rettungen mit zivilen Frachtschiffen ermöglichen können, die um ganz Westafrika herumfahren bis nach Europa.
Auch wenn die Piloten alle ehrenamtlich fliegen, braucht HPI dringend Spenden, etwa für die Flugzeuge, die so genannten „Seabirds“. Die Kirchen sind da ein wichtiger Partner:
Die Seabird 3 wurde hauptsächlich aus kirchlichen Geldern finanziert, nicht nur - sind auch private Spenden dabei. Die Kirchen übernehmen da auch sehr viel Verantwortung um die Gelder verfügbar zu machen.
Was ja auch zu der ureigenen Botschaft von Jesus passt. Und zur Motivation von Pascal Stadelmann:
Und am Schluss sind wir alles Menschen - die Nächstenliebe, Brüderlich-, Schwesterlichkeit, ich find das mega wichtig, dass wir zusammenhalten! Wie wir aussehen, von wo wir kommen ist egal.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43147
Peter Annweiler trifft Diemut Meyer
Teil 1: überraschend
Etwas Ur-altes macht sie top-aktuell: Sie bringt Segen „auf die Straße“. Und dabei verströmt die Frau eine Fröhlichkeit und brennt für ihre Sache. Vor allem an Feiertagen und bei Festen ist die Pfarrerin mit ihrem Team unterwegs. Erst seit eineinhalb Jahren ist sie in der Pfalz am Start – und erreicht Menschen genau da, wo sie gerade sind.
Ich habe es sehr oft erlebt, dass Menschen auch nach der Segenshandlung weinen oder auch erleichtert sind, aber auch manchmal ganz glücklich strahlend von dannen ziehen. Also so wie die Lebenssituation gerade ist und dieses Wahrnehmen des Menschen, das ist das, was mich selber beglückt.
Segen ist ja eine religiöse Urkraft. Sie wirkt, weil sie einen größeren Horizont schafft und Menschen stärkt. Das ist es, was dann auch durch die Segnenden „strahlt“: eine unverfügbare Kraft, uns zugewandt und ganz nah dran am Leben:
Ich habe drei Mädchen gesegnet, drei Freundinnen und dann habe ich gefragt, was ihnen gerade wichtig ist und die eine hatte gerade ihr Haustier verloren und die andere,die ist noch ganz mit ihrer Oma verbunden und dann habe ich versucht, die Themen, die sie beschäftigen in einen größeren Horizont zu stellen
- und diesen Horizont erlebt Diemut Meyer als stärkende Himmelskraft. Davon möchte sie zuerst etwas weitergeben. Aber ganz wichtig sind ihr vorher oder nachher auch „irdische“ Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe.
Unsere orangenen Segensbar: Mit der ziehe ich hier auch durch die Pfalz, an dem Tresen finden Gespräche statt, aber da kann man auch, wie zum Beispiel als ich in Neustadt war, kriegte man auch einen Segenscocktail, also man kann auch ein Getränk bekommen und ich dachte: Diesen mobilen Bargedanken mit dem Thema Segen zu verbinden, das fand ich großartig und ich merke, dass das gut angenommen wird.
„Segen to go“ oder „Pop Up Trauungen”. So heißen manche Angebote des Segensbüros. In ganz Deutschland gibt mittlerweile solche Formate. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen oft außerhalb von Kirchenräumen und Gottesdiensten ansprechen. Etwa bei Festen, die man gar nicht mit Religion in Verbindung bringt. Wie beim größten Weinfest der Welt in Bad Dürkheim.
Dass Menschen auch an ganz normalen Alltagsorten den Segen Gottes erbitten, das haben wir ja beim Wurstmarkt möglich gemacht, dass Menschen sich im Riesenrad, wo sie sich kennengelernt haben, segnen und trauen lassen.
Ein ganzes Riesenrad voll mit Liebenden. Ein großartiger Drehmoment zwischen Erde und Himmel: 80 Trauungen und Segnungen haben 20 Geistliche dort an einem Tag vorgenommen. Das finde ich enorm. Und bin baff. Darüber, wie belebend die neue Lust am Segen und am Segnen in einer kirchenskeptischen Zeit ist.
Teil 2: wirksam.
Mit ihrer großen Schaffenskraft hat die gebürtige Bochumerin schon viel bewegt. Lange war die Pfarrerin Leiterin der Kulturkirche in Bremen. 2024 hat sie sich nach Speyer aufgemacht und das Segensbüro „Blessed“ in der Pfalz aufgebaut. Sie stärkt damit die neue Lust am Segen, die ihr bei Menschen begegnet.
Ich glaube, Menschen erbitten Segen, weil sie merken: Es gibt mehr als mein normales Leben, es gibt eine Kraft, die darüber hinaus ist, die mich als Mensch wertschätzt, die mich als Geschöpf sieht
Gerade in ungewissen Zeiten mit viel Zuspitzung braucht es diese Kraft, finde ich. Denn sie macht in Krisen „resilient“, wie wir heute ja auch gerne sagen. Eben weil sie Menschen stärkt.
Dieser Segen ist der Zuspruch, dass du ein wunderbarer Mensch bist, dass du geschaffen bist und auch in allen positiven oder auch schwierigen Situationen von diesem Segen Gottes, von dieser Kraft begleitet bist und das den Menschen zuzusprechen, das ist eine wunderbare Aufgabe und für mich eine Kernaufgabe auch der Kirche.
Diese Kernaufgabe ausbauen – das ist Diemut Meyers Mission. Und mir gefällt, dass sie dabei Segen weder vereinfacht noch überhöht. Segen ist für sie mehr als ein einfaches „Wünsch dir was“. Und auch keine magische „Himmelsspritze“. Er ist immer verbunden mit einer ganz persönlichen Zuwendung – und manchmal ja auch nötig, wenn uns die nicht so wundervollen Seiten an uns selbst bewusst werden.
Das ist für mich Seelsorge: Dass ich frage: Was sind eure Sorgen? Wo drückt der Schuh? Wofür braucht ihr den Segen Gottes?- Und aus diesemGespräch heraus, entfalte ich dann den Segen und das finde ich schön, weil jeder ein anderes Thema hat, was gerade bei ihm im Leben gerade besonders freudig oder auch schwer ist und wofür man besonders diesen Segen braucht.
Segen ist Sorge für die Seele – und deshalb kann in ihm so viel zusammen finden.
Ich spreche von der Theologie des Augenblicks. Also, dass sich im Augenblick, ich sage mal, Zeit und Ewigkeit vermengen und wenn man im Augenblick da ist für Menschen, dass sich ganz viel auch erfüllt.
Segen gehört nicht der Kirche. Und das, was in einer Segenshandlung geschieht, das wird nicht durch die Segnende bewirkt. Diemut Meyer weiß, dass sie weitergibt, was ihr selbst geschenkt ist – und was sie mit anderen Christenmenschen teilt. Ich bin mir sicher: Es braucht diese Demut und diese Qualität, damit Segen wirkt.
Unser Auftrag ist ja nicht, die Leute in die Institution zurückzubringen, sondern bei ihnen zu sein und aus dieser Fülle auch des Reichtums und des Glaubens, so wie es in der Bibel steht, diese Fülle weiterzugeben, ohne Voraussetzungen, sondern wir selber als von Gott Beschenkte geben diesen Segen an andere weiter.
Weiterschenken, was wir selbst empfangen haben.
Verströmen, was durch uns fließt.
Ich wünsche Ihnen einen „gesegneten“ Sonntag,
einen Tag mit viel Verschenken und Verströmen.
Mehr zum Segensbüro „Blessed“:
https://blessed-pfalz.de/
Instagram: #blessed_pfalz
Zeige Beiträge 1 bis 10 von 1157 »







